"Schule ohne Angst": 25 Jahre SchülerInnenschule im WUK

Bis zur Achten ohne Noten

So menschlich könnte Schule sein: Im WUK, dem Werkstätten- und Kulturhaus in der Währinger Straße, haben die Grundprinzipien der alternativen Schule überlebt. Der Augustin besuchte die außergewöhnliche Einrichtung und fand: Respekt zwischen SchülerInnen und LehrerInnen scheint in dieser Schule keine hohle Phrase zu sein. Und die Lust am Lernen scheint hier nicht verloren zu gehen.
Alexandra Gruber / 15.09.2005
Die durch die PISA-Studie in Österreich ausgelöste Debatte über Alternativen zu herkömmlichen Unterrichtsmethoden scheint im Sande zu verlaufen. Die Reformvorschläge der Regierung entsprechen dem, was alternative Schulen seit Jahren anbieten. "Eigentlich betreiben Schulen wie die SchülerInnenschule im WUK Basisforschung für die Regelschule", betont deren Leiter, Herr Wunsch-Grafton. Das Testen und Ausprobieren könnte sich das Unterrichtsministerium eigentlich sparen.

Selbst-, Sozial- und Sachkompetenz sind die Säulen im Gesamtkonzept der SchülerInnenschule. Sachkompetenz ist zu wenig. Gearbeitet wird in Gruppen, interessensbezogen, die gegenseitige Unterstützung ist selbstverständlich. Ein wichtiges Element der Schule im WUK ist das Plenum. Im Schulplenum treffen sich SchülerInnen und LehrerInnen einmal pro Woche, um den Schulalltag zu klären. Bei Bedarf wird das SchülerInnen-LehrerInnen-Eltern-Plenum einberufen. SchülerInnen lernen, ihre Anliegen zu formulieren und zu argumentieren - eine praktische Übung in Sachen Kommunikation.

Um Vielfalt und Individualität unter einen Hut zu bringen, ist die Schule als Ganztagsschule mit verschränktem Unterricht angelegt. Die Lehr- und Lernmethoden reichen von offenem Lernen über fächerübergreifende Projekte, Montessori-Ansätzen bis zu Frontalunterricht. Die Lerninhalte werden mit Hilfe von Erlebnispädagogik vertieft. Wöchentliche Exkursionen, Projekte außerhalb der Schule und Reisen fördern das Lernen fürs Leben. Die SchülerInnen stellen sich ihren Stundenplan selbst zusammen, bestimmen ihr eigenes Lerntempo. Das momentane Interesse entscheidet, welche Gruppe von SchülerInnen sich gemeinsam ein Thema erarbeitet. Nicht Klassen werden in der SchülerInnenschule unterrichtet, sondern gemischte Teams. Das Mit- und Voneinanderlernen steht im Mittelpunkt.

Nicht der Lehrplan bestimmt das Tempo


Noten gibt es bis zur 8. Schulstufe keine, dafür sprechen die SchülerInnen gemeinsam mit den LehrerInnen über ihre Leistungen. Das Zeugnis ersetzt ein Jahresabschlussbericht, der von den SchülerInnen selbst verfasst wird. Zum Abschluss der Pflichtschule steht die Diplomarbeit. Über Thema und Form entscheiden die SchülerInnen selbst, jedoch sollen mindestens eine Woche Praktikumserfahrung, eine soziale Tätigkeit in der Schule und der schriftliche Bericht über das eigene Schuljahr einfließen. Präsentiert wird die Diplomarbeit vor einer Jury aus SchülerInnen, Eltern und LehrerInnen.

SchülerInnen und LehrerInnen sind gleichberechtigte Partner, die Eltern verpflichten sich bei Aufnahme ihrer Kinder zur Mitarbeit. 13 Stunden pro Monat sind von den Eltern zu leisten, wobei sie sich die Art der Arbeit auswählen können. Die Bandbreite reicht von Vertretung in Gremien, Finanzen, Organisation über Kochdienste bis hin zu Reparatur- und Instandhaltungsarbeiten. Falls die Stundenanzahl nicht voll eingehalten werden kann, ist auch eine finanzielle Abgeltung möglich.

Die SchülerInnenschule ist eine Privatschule, also auch mit Kosten verbunden. Pro SchülerIn fallen für die Eltern monatlich 315 Euro (12 mal pro Jahr) an. Frühstück, Mittagessen und Jausen sind in diesem Betrag enthalten. Die Schule ist von 7 bis 17 Uhr geöffnet. Die Alternativschule im WUK ist mit diesem finanziellen Aufwand kein elitärer Klub. Eine interne Umfrage hat ergeben, dass der kleinste gemeinsame Nenner bei den Eltern nicht viel Geld, sondern ein höheres Bildungsniveau ist. Warum unsere Regierung nach wie vor nur konfessionelle Privatschulen finanziell unterstützt, ist für die InitiatorInnen ein Rätsel.

Aus der Sicht der Eltern klingen die Vorteile der SchülerInnenschule nahezu paradiesisch. Frau Merl, deren Kinder ihre Pflichtschulzeit hier absolviert haben, hat kein einziges Mal gehört: "Ich möchte nicht in die Schule gehen!" Sie war im Gegensatz zu anderen Müttern nie mit Hausaufgaben, Unzufriedenheit mit den LehrerInnen oder irgendeiner Art von Schulfrust konfrontiert. Die Entscheidung für die Alternativschule fiel für sie damals aus drei Gründen: Die Kinder können ihr eigenes Lerntempo bestimmen, ihre Persönlichkeit entwickeln und Demokratie im Schulalltag leben.

Das freundschaftliche Verhältnis zwischen SchülerInnen und LehrerInnen, dass Konfliktlösungen immer im Vordergrund standen, dafür ist Frau Merl dem LehrerInnenteam heute noch dankbar. "Soziales Lernen" war nie bloß eine hohle Phrase. Problemkinder, die von den Regelschulen nicht mehr akzeptiert wurden, haben in der SchülerInnenschule noch eine Chance bekommen.

Resümee: Der Augustin lernte im WUK eine Schule kennen, deren SchülerInnen auf die Anforderungen im Leben gut vorbereitet zu werden scheinen. Im kleinen, privaten Rahmen funktioniert das, was die PISA-Studie Österreichs Schullandschaft empfiehlt: Differenzierung durch Integration von SchülerInnen mit verschiedenen Bedürfnissen und Individualisierung.

www.schuelerinnenschule.at
Alexandra Gruber / 15.09.2005