Sex am Rande

Die neue Augustin-Serie: Über die Grenzen von Lust & Liebe

Sex.jpgWie es amerikanische Bobos treiben, wissen wir seit Sex and the City. Doch die Wege von Lust & Liebe kennen keine Grenzen und führen manchmal an den Rand der Legalität, der Moral, der Gesellschaft. Oft mit psychosozialen Folgen für jene, die abseits des Mainstreams lieben. Johannes Wahala und Elisabeth Cinatl von der Sexualberatungsstelle Courage klären auf.


Anders Lust / 04.06.2008
Ronaldo ist ein paar Sponsormillionen los, weil er sich mit transsexuellen Prostituierten vergnügt haben soll. Max Mosley könnte seinen Job einbüßen, weil er eine SM-Orgie mit mutmaßlichen Nazi-Rollenspielen veranstaltete. In Wien wird ein Straßenbahnfahrer aus dem Job gemobbt, weil er auf Männer steht. Ein Webdesigner verweigert die Gestaltung einer Website für Lesben, weil er die Krankheit der Zielgruppe nicht unterstützen möchte

Sexuelle Vorlieben können den Job kosten, die Wohnung, die Familie, den Freundeskreis. Oder alles zusammen. Vor allem, wenn sie von der heterosexuellen Normalität abweichen.

Hielte sich sexuelle Lust an Grenzen, sie hätte die Qual der Wahl, an welche. Denn die Zahl der Benimmregeln ist unüberschaubar: Gesetzgeber, Kirchen und Wissenschaften definieren sexuelle Freiheit jeweils anders. Und nicht alles, was erlaubt ist, ist auch gesellschaftlich akzeptiert. Und umgekehrt. Bei Johannes Wahala, Leiter der Sexualberatungsstelle Courage, und seiner Kollegin Elisabeth Cinatl suchen daher viele Menschen Rat, deren sexueller Horizont weiter reicht als bis zum 08/15-Sex in klassischer Missionarsstellung: Wir leben heute noch immer obwohl sich viel verändert hat in einer heteronormierten, manche sagen auch heterosexistischen Welt. Das heißt, die Heterosexualität wird als die quasi normale Form der Sexualität und des Zusammenlebens gesehen und daher von Gesellschaft und Gesetzgeber gefördert. Mit dem Argument, dass das die Form von Partnerschaft ist, wo es auch zu Nachkommenschaft kommen kann, erklärt Wahala die heterosexuelle Hegemonie.

Kein Platz in der Gesellschaft


Das bedeutet oft Stress für jene, die Lust und Liebe abseits dieser Norm erleben. Homo- und Transsexuelle haben es in der Gesellschaft immer noch schwerer als Heterosexuelle, weiß Wahala. Diskriminierungen und Stigmatisierungen sind für Andersliebende noch immer Alltag. Mit Folgen: Die Selbstmordversuchsrate ist bei Homosexuellen siebenmal höher als bei Heteros, und über 90 % dieser Suizidversuche finden im Alter von 15 bis 27 Jahren statt, wenn die Coming-out-Phase einsetzt, zitiert der Sexualwissenschaftler Wahala eine Studie der Uni Salzburg. Bei transidenten Menschen seien Depressionen, tiefe Isoliertheit und Perspektivlosigkeit verbreitet, weil sie sich im falschen anatomischen Geschlecht erleben. Viele Transsexuelle werden von ihren Angehörigen verstoßen und haben das Gefühl, keinen Platz in der Gesellschaft zu haben. Als einzige berufliche Option bleibt oft Prostitution, denn am Arbeitsmarkt herrscht deutlich weniger Nachfrage nach Transen als am Strich. Dass in den vergangenen Jahren Transidente vermehrt Beratung aufsuchen, zeigt aber, dass viele aus ihrer Stigmatisierung ausbrechen.

Sexuelle Revolution ein Medienhype?


Obwohl wir seit der sexuellen Revolution in einer Gesellschaft leben, in der in den Medien sehr offen über Sexualität geredet wird, über Genitalpiercings, Transsexualität und alle möglichen Praktiken, erleben wir in der Beratung, dass Sexualität bei vielen Menschen oft sehr schambesetzt und tabuisiert ist. Oft belegt mit Botschaften und Aufträgen früherer Generationen und auch mit religiösen Moralismen, ortet Wahala eine Kluft in der Gesellschaft. Offenheit und Toleranz auf der einen Seite, Angst und Vorurteile auf der anderen.

Dazu kommt die regelrechte sexuelle Überflutung in der Öffentlichkeit. Es gibt fast keinen Bereich mehr, der nicht sexualisiert ist: auf der Straße, in den Medien, in der Werbung, im Internet. Peep-Shows, Sex-Shops, Swinger-Clubs. Der Mensch hat das Gefühl, Sexualität ist so ein breites Feld, dass das alles gar nicht erlebbar ist. Eine Art sexuelle Beliebigkeit. Da ist es ganz wichtig, dass Menschen zu einer selbstbewussten, authentischen Sexualität im Leben finden, egal ob sie hetero-, bi- oder homosexuell empfinden, erläutert Wahala den Ansatz der Courage. Bei all der Omnipräsenz, ergänzt Therapeutin Cinatl, werde Sexualität oft auf die genitale Mann-Frau-Penetration reduziert: Weitere Spielarten wie Streicheln, Küssen, aber auch Analverkehr oder dass ein Mann gern einmal von einer Frau genommen wird, kommen zu kurz. Hier gelte es, den Blickwinkel zu erweitern und sich von noch immer stark katholisch geprägten Moralvorstellungen zu befreien.

Denn Sexualität ist mehr als Genitalität und Fortpflanzung, ist Kommunikation, ist Austausch, sagt Wahala: Sexualität hat zu tun mit Nähe, Geborgenheit, Vertrautheit, Liebkosungen, aber auch mit Lust, Geilheit, Begehren und Gier. Dabei gehe es auch um Über- und Unterordnung, Aggressivität und Zärtlichkeit und um daraus entstehende Spiele wie Bondage oder Rollenspiele bis hin zu SM. Wir wissen um die Vielfalt der Ausdrucksformen menschlicher Sexualität und begleiten Menschen zu einer für sie befriedigenden und authentischen Sexualität, sagt Wahala. Worauf auch Frauen zunehmend Lust haben, denn die, so Cinatl, ernten nun die Früchte der Emanzipation.

Info: www.courage-beratung.at
Anders Lust / 04.06.2008