«Spannende Mittagsrunden»

Augustin Liebhaberin Nancy Cao

article_3820_nancy_180.jpg

Den Augustin kenne ich seit jeher, aber ich muss gestehen, ich habe lange Zeit Schwierigkeiten damit gehabt, ihn auch zu lesen, weil er mich zu oft betroffen gemacht hat. Komischerweise hat sich das in den letzten Jahren ins Gegenteil verkehrt: Nun bestärken mich dieselben Themen, die mich früher runtergezogen haben.

Foto: Kathrin Gräble


/ 22.11.2016
Vielleicht änderte sich der Stil, wie darüber berichtet wird, jedenfalls finde ich gut recherchierte Artikel, die meinem politischen Verständnis entsprechen, daher unterstütze ich den Augustin als «Liebhaberin» auch finanziell (wie Sie eine sogenannte Augustin-Liebhaberin werden können, erfahren Sie auf der Rückseite dieser Ausgabe; natürlich würden wir auch neue Liebhaber nehmen, wir sind da nicht so wählerisch, Anm.). Er bietet ein Gegengewicht zur Angstmache, wie sie vor allem die Gratis-Blätter betreiben. Diese kolportieren, es sei alles kurz vorm Brennen. – Das ist für mich am gefährlichsten!
Ich habe als Grafikerin in der Privatwirtschaft gearbeitet, was mitunter grauslich gewesen ist – Stichwort Pharmaindustrie – und bin dann eher zufällig in der Grafikabteilung einer Unterorganisation der UNO gelandet. Ich erzähle immer allen von meinen spannenden Mittagsrunden mit einer Syrerin, einem Palästinenser, einem Inder und einer Jordanierin, die in Jerusalem geboren ist. Dadurch bin ich immer sehr gut über den Nahen Osten informiert, und allgemeiner gesprochen: Mit UNO-Kolleg_innen ist man natürlich nah dran am Weltgeschehen.
Mein Familienname ist in Vietnam sehr verbreitet. Mein Vater wurde in den 1950er-Jahren als ältester Sohn einer streng katholischen Familie in ein Priesterseminar in Frankreich geschickt. Später hat er beschlossen, einen anderen Weg zu gehen. 1968 hat er dann meine österreichische Mutter in Paris kennengelernt, die dort als Au-pair gelebt hat. Sehr romantisch. Daher auch der französische Vorname. Leider hat es zwischen meinen Eltern nicht funktioniert, und ich bin deshalb ohne meinen Vater aufgewachsen, habe also nicht sehr viel von der vietnamesischen Kultur mitbekommen. Aber natürlich ist seine Geschichte, etwa den Kolonialkrieg mit Frankreich miterlebt zu haben, auch Teil meiner Geschichte.
Ich werde ein bisschen anders behandelt, weil ich ein bisschen anders ausschaue. Ich wohne im fünften Bezirk, in der Nähe des beinahe mediterranen Siebenbrunnenplatzes und habe es hier gut, weil ich entweder türkisch oder serbisch angeredet werde, hingegen in der Arbeit entweder spanisch und arabisch. Österreicherin bin ich dann, wenn ich es brauche – das geht in Richtung Chamäleon-Dasein, was mir ganz gut gefällt.
/ 22.11.2016