Streikwarnung im Hafen

Die Lissaboner Docker feilschen um ihre Arbeitsrechte

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Ein Frachtschiff mit Containern unterschiedlicher Farben an Bord, über- und ineinander verschachtelt wie ein Tetris-Spiel, nähert sich dem Lissaboner Hafen. Sehr nah ist es dem Kai, ganz wie das Sozialabkommen zwischen Gewerkschaft, Regierung und Hafenbetriebsgesellschaft nach drei Jahren Uneinigkeiten – so nah wie noch nie. Sonia Mélo hat von den Dockern erfahren, wie sich die Arbeitsbedingungen im Hafen verändert haben. 


Sonia Mélo / 29.03.2016

Langsam nähert sich das mehrere hundert Meter lange Containerschiff der Tejo-Bucht. Arbeiter fuchteln am Containerterminal und wirken dabei wie kleine Ameisen zwischen Kränen, Greifstaplern und überdimensionierten Containerbrücken. An Umschlagplätzen des Hafens bereiten sich Dutzende der dreihundert Arbeiter – alles Männer –, die hier tätig sind, auf die Ausladung der über zweitausend Container vor. Unter ihnen ist José Monteiro, der, ohne ein Wort zu sagen, kurz seine Sicherheitsweste auszieht, um seine Visitenkarte zu zeigen: ein T-Shirt mit der Aufschrift «Proud to be a docker». Stolz, ein Docker zu sein.

Seit Monaten trägt er es vor allem bei Demonstrationen, organisiert von der über einhundert Jahre alten «Gewerkschaft der Hafen- und Seeverkehrsarbeiter Mitte und Süden Portugals», die mittlerweile kurz als «Gewerkschaft der Lissaboner Docker» bezeichnet wird. Monteiro übt seinen Beruf seit 2001 aus, in den ersten zwei Jahren unter prekären Bedingungen: «Gelegenheitsarbeiter war ich damals. Verdient habe ich nur an den Tagen, an denen ich gearbeitet habe. Auf Abruf.»

 

Als der Kapitalismus im Hafen anlegte

 

Einst waren Hafenarbeiter für ihre Körperkräfte bekannt. Heute werden ihre Tätigkeiten meist an einem Computerterminal erledigt. So auch die von Monteiro. Die kontinuierliche Abschaffung von Berufen am Hafen lässt sich an den Berufsbezeichnungen erkennen. Die einstigen Tallymänner, Schiffladungskontrolleure, Schauermänner und Dockarbeiter wurden durch «Fachkräfte für Hafenlogistik» oder einfach durch die im Volksmund gebräuchliche Bezeichnung «Docker» ersetzt. Der Wendepunkt war die Einführung des Containers in den 70er-Jahren. «Mit dem Container betritt der Kapitalismus den Hafen. Er ist das Symbol der Globalisierung der Wirtschaft», betont Monteiro. Tatsächlich werden der Konferenz für Handel und Entwicklung der Vereinten Nationen zufolge 80 Prozent des Welthandelsvolumens über die Meere abgewickelt. Obwohl langsamer als der Luftverkehr, sind die finanziellen Vorteile des Seeschiffstransports im Vergleich unschlagbar. Auf dem Wasserweg sind keine Infrastrukturen erforderlich, es gibt keine Höhenunterschiede, und durch die Erfindung des Containers ist die Stapelung und Umladung von einem in ein anderes Transportmittel effizienter geworden. «Aber in unsere Arbeit lassen wir den Kapitalismus nicht hinein», sagt José Monteiro mit einem trotzigen Lächeln auf dem Gesicht. Damit meint er die Liberalisierung der Hafenarbeit, den Austausch von qualifizierten Dockarbeitern gegen billigere Arbeitskräfte. «Sieh dir das an», sagt er und blickt auf die Container und Kräne rund um sich, «soll diese Arbeit von unqualifiziertem, unterbezahltem Personal erledigt werden?» Die Frage baumelt in der Luft wie die vierzig Kilo schwere Eisenkette neben ihm.

 

Wir streiken nicht, wir warnen

 

Wenige Gassen entfernt, im Herzen des alten Stadtviertels Alfama, lehnt sich António Mariano in seinem schwarzen Lederstuhl im Büro der Lissaboner Gewerkschaft zuversichtlich zurück: «2016 bringt das Sozialabkommen, aber noch wird verhandelt». Der 56-Jährige ist seit 37 Jahren Hafenarbeiter, seit acht Jahren Präsident der Gewerkschaft der Lissaboner Dockarbeiter. Aber erst seit er von 2013 an regelmäßig in den Medien auftrat, ist sein Name in Portugal in aller Munde.

2013 hat die damalige konservative Regierung ein Gesetz verabschiedet, das das Ersetzen von qualifizierter Arbeitskraft im Hafen durch unqualifizierte erleichtert – trotz Gegenpositionen der Gewerkschaft. Seitdem kündigt die Gewerkschaft regelmäßig Streiks an, insgesamt bisher dreißig Mal. «Im Gegensatz zur falschen medialen Berichterstattung haben wir kein einziges Mal die Arbeit niedergelegt. Was wir machen, sind Streik-Vorwarnungen. Wir sagen: Wenn die Privatisierung vollzogen wird, wenn unsere Forderungen nicht erfüllt werden, dann streiken wir», erklärt Mariano. 

Die Lage hat sich Anfang November 2015 zugespitzt, als die Hafenbetriebsgesellschaft Mota-Engil einen Anteil der Gesellschaft an das türkische Hafenunternehmen Yildirim verkauft hat, das auch schon mehrere Häfen in Griechenland betreibt und dort in kürzester Zeit die Mehrheit der Stammbelegschaft gegen billigere Arbeiter ausgetauscht hat. Daraufhin hat die Gewerkschaft die Verhandlungen unterbrochen und am 14. November erneut einen Streik angekündigt. Hunderte Docker, die sich weigerten, Überstunden zu machen, demonstrierten mit ihren Familien vor dem Parlament. Aus Angst vor größeren Verlusten verließen die zwei größten Schiffseigentümer der Welt, der dänische Maersk und der deutsche Hapag-Lloyd, Lissabon und leiteten ihre Ein- und Ausladung zu anderen europäischen Häfen um. Gestärkt durch diese Machtdemonstration konnte die Gewerkschaft trotz Übernahme durch die Yildirim-Gruppe die Liberalisierung des Arbeiter-Pools, bei der schrittweise langjährige Arbeiter durch unqualifizierte und billigere ersetzt werden sollten, vorerst in die Knie zwingen.

Mit der neuen Regierung, die nach den Parlamentswahlen im vergangenen Oktober von den drei größten portugiesischen linken Parteien gebildet wird, wird seit Jänner wieder verhandelt. Aber António Mariano geht nur bedingt Kompromisse ein. Mitte Jänner, während der zweiten Sitzung mit der neuen sozialistischen Meeresministerin Ana Paula Vitorino, packt er seine Unterlagen in seine alte Ledertasche, steht auf und knallt mit den Worten «So nicht» die Tür hinter sich zu. Es geht um einen neuen Kollektivvertrag und um die Anstellung von fünfzig Dockern, die derzeit im Lissaboner Hafen noch als Gelegenheitsarbeiter tätig sind. «Dafür verzichten wir fest angestellten Arbeiter auf die Überstunden. Nachdem wir für die Überstunden 150 Prozent bekommen, wären die Kosten für den Arbeitgeber gesunken. So schlagen wir zwei Fliegen mit einer Klappe – die Senkung der Lohnkosten und die Beschaffung von Arbeitsplätzen, welche für die neue linke Regierung höchste Priorität hat.» Und mit einem zuversichtlichen Lächeln ergänzt er: «Das können sie nicht ablehnen.»

Mariano kämpft nicht alleine. «1979, als ich angefangen habe, waren alle Dockarbeiter in Lissabon Tagelöhner. Gewerkschaften gab es zwar, aber sie waren eher Vermittler. Wir Arbeiter hatten unser eigenes System, ein faires. Wer am Vortag weniger verdient hatte, weil er weniger Stunden im Einsatz war, wurde am nächsten Tag ganz oben auf der Einsatzliste eingetragen.» Die Solidarität, die Docker heutzutage erfahren, stammt, so ist er überzeugt, aus dieser Zeit. Inzwischen hat sich vieles verändert, die Solidarisierung unter den Dockern aber hat sich verstärkt und geht über die Grenzen Portugals hinaus.

 

Prekäre Arbeit ist lebensgefährlich

 

Nicht nur bessere Löhne fordert Mariano. Ihm zufolge führt die Prekarisierung auch zur Überschreitung von Sicherheitsstandards und ist somit eine Zutat, die lebensgefährlich sein kann. «Wenn ich besorgt bin, ob ich morgen arbeiten werde oder nicht, ob ich diesen Monat genug verdiene, um mich und meine Familie zu ernähren oder nicht, dann arbeite ich unkonzentriert, und in diesem Job kann das tödlich sein», sagt Mariano. In den letzten zwei Jahren sind zwei Arbeiter, die prekär beschäftigt waren, bei der Arbeit am Hafen von Sines, 150 Kilometer südlich von Lissabon, ums Leben gekommen. «Wir vertreten nur einen Teil der Arbeiter in Sines, da es dort eine gelbe Gewerkschaft gibt. Unsere Arbeit richtet sich auch gegen solche gelben Gewerkschaften, die die Interessen der Arbeitsgeber vertreten.» In Sines hat die «Arbeitergeber-Gewerkschaft», wie Mariano sie nennt, erreicht, dass der Monatslohn der dort tätigen Docker auf 519 Euro gesunken ist.

Die Verhandlungen zwischen Regierung, Hafengesellschaft und Gewerkschaft gehen inzwischen bis Mitte April weiter. Für Mariano geht es darin nicht nur um einen Kampf der Docker um Arbeitsrechte, sondern ganz grundlegend um «einen Konflikt zwischen zwei Parteien, die unterschiedliche Gesellschaftsmodelle leben wollen».  

   

Sónia Melo ist Journalistin und Menschenrechtsaktivistin in Innsbruck und gebürtige Portugiesin. 

Sérgio Sousa ist selber Docker und fotografiert als Hobby-Fotograf für die Gewerkschaft.

Sonia Mélo / 29.03.2016