"Trauerspiel am Gürtel": Reaktionen I

Wo Sandler Gäste sind

Man kann versuchen, "Sandlertreffpunkte" im öffentlichen Raum durch architektonische Mittel zu verhindern. Ein Beispiel sind die "Sitzverhinderungsmaßnahmen" vor der U-Bahnstation Josefstädter Straße. In der August-Ausgabe zitierten wir die Architektin und Gürtel-Planerin Silja Tillner, die im Stadtforschungsmagzin "dérive" der Betreiberin des Obdachlosen-Tageszentrums Josefstädter Straße, also der MA 12, vorwarf, Initiatorin dieser Maßnahmen zu sein. Dagegen wehrt sich nun das SozialarbeiterInnen-Team des Tageszentrums in folgendem Brief an den AUGUSTIN:
Silja Tillner / 21.09.2000
Im Bericht "Trauerspiel am Gürtel" des Augustin und dem darauf folgenden Artikel "Spitzen gegen Obdachlose: Keine Sitzbank vor dem Tageszentrum" der Tageszeitung Der Standard (vom 17.08.2000) wurde ein in einer Stadtbauzeitschrift veröffentlichtes Interview mit einer Architektin auszugsweise zitiert. Die SozialarbeiterInnen des Tageszentrums Josefstädterstraße verwahren sich gegen die darin getroffenen Aussagen auf das Schärfste.

Die Koordinatorin des EU - Urban Projektes behauptet in jenem Interview, dass das vom Wiener Sozialamt betriebene Tageszentrum für Obdachlose bei der U-Bahn Station Josefstädterstraße in der Vergangenheit wegen Anrainerbeschwerden mehrmals den Standort wechseln musste. Für die im Jahr 1999 durchgeführte Umgestaltung der Grünflächen vor ihrer Einrichtung hätten sie "briefliche Interventionen bis zum Bürgermeister geschrieben" und "Stacheldraht und Ähnliches" gefordert. Diese Aussagen entsprechen nicht den Tatsachen.

Das erste Tageszentrum für Obdachlose wurde im November 1987 gegründet. Bereits im Jänner 1990 erfolgte in den adaptierten Räumlichkeiten des Stadtbahnbogens Josefstädterstraße die Eröffnung eines Zweiten, wo bis zum heutigen Tag für obdachlose Menschen Hilfestellung geboten wird.

Im Jahr 1999 wurde dieses Tageszentrum täglich von durchschnittlich 130 Personen besucht. Beide Tageszentren verstehen sich als niederschwellige Beratungs- und Betreuungseinrichtungen. Dies bedeutet, dass ein Obdachloser für den Aufenthalt und die Nutzung unserer Einrichtung keine Kriterien außer der Wohnungslosigkeit erfüllen muss.

Die Einrichtung Tageszentrum für Obdachlose vereint viele Themenfelder der Sozialarbeit (z. B. Betreuung von Frauen und Männer, Gewalttäter und Opfer, Drogen- und Alkoholabhängige, psychisch Erkrankte). Um einen ruhigen und angenehmen Aufenthalt im Lokal Gewähr leisten zu können, ist die Einhaltung einiger Grundregeln unumgänglich: Alkohol-, Drogen-, Gewalt-, und Waffenverbot sind hier die wichtigsten.

Wer von den Besuchern Alkohol konsumieren möchte und zum Teil wegen seiner fortgeschrittenen Alkoholkrankheit tun muss, kommt dem außerhalb der Räumlichkeiten des Tageszentrums nach. In unserer direkten Nachbarschaft befinden sich U-Bahn, Straßenbahn und der Straßenverkehr des Gürtels. Direkt vor unserer Tür ist jene kleine Grünfläche mit Bäumen, die im Interview angesprochen wurde. Dieser Streifen ist nicht nur "Trinkermeile" sondern auch Treffpunkt "Ehemaliger" und von Menschen, deren Sozialisation ebenfalls am Rande unserer Gesellschaft angesiedelt ist, obwohl sie in ihrer eigenen Wohnung leben. Die hier entstehende Eigendynamik ist immer wieder Anlass für Aggression und führt zu Konflikten untereinander, aber auch mit Passanten.

Aus fachlicher Sicht der vor Ort tätigen Sozialarbeiter ist es daher nicht sinnvoll, die bereits etabliert Szene durch das Aufstellen von Sitzbänken weiter zu fördern oder gar auszubauen. Aus diesem Grund wurde bereits 1994 ein ansuchen um Umzäunung der Grünfläche gestellt und genehmigt, worauf das Stadtgartenamt die so genannten "Bischofskappen" aufgestellt hat. Wir waren mit dieser Lösung nicht zufrieden.

Im Zuge des EU - Projekts zur Gürtelsanierung wurde diese wieder beseitigt und die nun vorhandenen Rohre montiert. Niemals wurde die Anbringung von "Stacheldraht und Ähnliches" verlangt, dies weisen wir auf das Schärfste zurück.

Unsere Entscheidung, keine Sitzmöglichkeiten entstehen zu lassen, sehen wir durch die oben bereits beschriebenen fachlichen Notwendigkeit unserer täglichen Arbeit als begründet.

Wir sind uns der Verantwortung gegenüber den Hilfesuchenden obdachlosen Menschen in einem sehr hohen Maße bewusst und setzen uns engagiert für eine Verbesserung ihrer Lebenssituation ein. Um weiterhin gute und erfolgreiche Sozialarbeit zu ermöglichen, müssen verschiedenen notwendige fachliche Voraussetzungen jedoch gewährleistet sein.

Die MitarbeiterInnen des Tageszentrums für Obdachlose im Stadtbahnbogen Josefstädterstraße im Fachbereich Wohnungslosenhilfe der Magistratsabteilung 12.

"Trauerspiel am Gürtel": Reaktionen II

Wo Sandler Fremde sind

Die Gürtel-Architektin Silja Tillner präzisiert im Folgenden ihre Position im Konflikt um die Sitzgelegenheiten für Sandler vor der U6-Station Josefstädter Straße und bekräftigt ihren Vorschlag, den Obdachlosen auch vor dem Tageszentrum einen normalen Aufenthalt zu ermöglichen.

In der ursprünglichen Planung war vorgesehen, die erhöhte Baumeinfassung mit einem Holzlattenrost zu belegen. Vor dem Bogen 37-38 (RHIZ) wurde dies auch so ausgeführt. Vor der U6-Station Josefstädter Straße hingegen wurde während des Baus plötzlich ein Baustopp verhängt, obwohl die Betonmauer bereits errichtet und die Lattenroste bestellt waren.

Im Zuge der folgenden Krisenbesprechung auf der Baustelle wurde von der MA 12 die Wiederherstellung der bereits demontierten Bischofskappen verlangt. Die Anwesenden konnten die MA 12 davon überzeugen, von dieser Forderung Abstand zu nehmen. Auch der Vorschlag, die Betonmauer ohne Holzrost auszuführen, wurde abgelehnt, da dies ja noch immer zum Sitzen einladen könne, dieses jedoch unbedingt verhindert werden müsse. Im Zuge der nachfolgenden angeregten Diskussion wurden alle möglichen "Sitzverhinderungsmaßnahmen" erörtert. Ich setzte mich dafür ein, zumindest keine spitzen Gegenstände (wie z.B. die vorherigen Bischofskappen) zu verwenden, die runde, relativ dicke Stange stellt nun den traurigen Kompromiss dar.

Im Sommer 2000 stießen Landschaftsplaner der BOKU bei einer Recherche zur Oberflächengestaltung der Gürtel-Mittelzone (dérive) auf die seltsame Situation, dass die gleiche Betonmauer vor dem In-Lokal RHIZ mit einem Holzrost belegt zum Sitzen einlädt, während vor besagtem Tageszentrum durch die Stange das Sitzen verhindert, oder zumindest erschwert wird. Da sie mich als planende Architektin dafür verantwortlich machten und kritisierten, sah ich mich gezwungen, ihnen die Vorgeschichte zur Aufklärung zu erzählen.

In der jetzigen Diskussion um Sitzmöglichkeiten vor dem Tageszentrum für Nichtsesshafte der MA 12 scheint der Sinn für das Wesentliche verlorenzugehen. Es ist irrelevant, an wen der Brief vom Oktober 1998 genau adressiert war. Wichtig ist vielmehr die beabsichtigte und auch erreichte Wirkung dieses Briefes - ein sofortiger Baustopp, Stornierung der bereits bestellten Sitzbänke, Anberaumung einer Krisenbesprechung auf der Baustelle.

Ich hoffe sehr, dass als Ergebnis dieser Diskussion eines Tages die Einsicht einkehrt, den Obdachlosen auch vor dem Tageszentrum einen normalen Aufenthalt zu ermöglichen und das Sitzen auf der Mauer nicht zu verhindern.

Meiner Auffassung nach wird sich die Anzahl der vor dem Tageszentrum befindlichen Personen dadurch nicht verändern, der Aufenthalt wird nur weniger unbequem. Eine weitere Idee ist im Zuge dieser neuerlichen Beschäftigung mit dem Thema aufgekommen: einen betreuten alkoholfreien Schanigarten vor dem Tageszentrum einzurichten. Für diesen würde ich gerne die Planungsleistung spenden und Firmen um Sponsoring bei der Errichtung ersuchen. Es wäre also zumindest einen Versuch wert.

Silja Tillner / 21.09.2000