Über den Gartenzaun hinein und darüber hinaus

Landbesetzung in Jedlersdorf wirft Landfrage in Wien auf

article_1960_320_ersatzcover_landbeset_180.jpg Wie jede_r weiß, kann ein Garten ganz schön viel Arbeit bedeuten. Vor allem, wenn er vier Hektar groß und von Verbauung bedroht ist, und wenn er deshalb besetzt wird. So geschehen in Jedlersdorf, wo am 17. April, dem globalen Tag des kleinbäuerlichen Widerstands, der ehemalige Versuchsgarten der Universität für Bodenkultur besetzt wurde. Seither wird aktiv gegartelt, angepflanzt und eine «Solidarische Landwirtschaft», kurz «SoliLa», aufgebaut. Dieses Projekt will Stadt-Landwirtschaft neu gestalten und Impulse für eine emanzipatorische Stadtentwicklung schaffen.
Franziskus Forster / 02.05.2012
«Wir wollten nicht mehr warten. Nachdem wir mit unseren Ideen und Vorschlägen von einer Stelle zur nächsten verwiesen und letztendlich doch abgewiesen wurden, sind wir dazu übergegangen, uns nach der Saison zu richten. Und dieser zufolge war es höchste Zeit, mit der Gartenarbeit zu beginnen», sagt eine Landlose, während sie den Boden umsticht.

Knappes Land, schlecht genutzt

Zwischen 1997 und 2003 gingen in Wien 2.420.000 m² Grünfläche, vor allem landwirtschaftlich genutzte Flächen, durch Versiegelung und Verbauung verloren Zugleich stehen 80.000 Wohnungen und 30 % der Büroflächen in Wien leer. Die Zahl der Supermärkte und die Verkaufsfläche pro Einwohner_in steigt rasant, während gleichzeitig nicht-kommodifizierte Freiräume immer mehr schwinden. Zugespitzt: Landwirtschaftlich genutzte Flächen werden verkauft, um daraus immer mehr Verkaufsfläche zu schaffen. Und landwirtschaftliche Flächen werden verspekuliert, um letztlich Leerstand daraus zu machen. Die vier Hektar fruchtbaren Lands in Jedlersdorf sind aktuell bedroht, verbaut zu werden. Dabei kommt der Bundesimmobiliengesellschaft, der Universität für Bodenkultur und auch der Stadt Wien eine wichtige Rolle im Zusammenhang mit der möglichen Verbauung zu. Dieser seit Jahrzehnten landwirtschaftlich genutzte Grund bietet aus Sicht der Landlosen sehr gute Möglichkeiten für eine zukunftswürdige solidarische Landwirtschaft.

Landlose Wiener_innen

Landlose in Österreich? Landwirtschaft in Wien? Gehts noch? Diese erste Reaktion drängt sich trotzdem bei vielen immer wieder auf. Dabei hat die Politisierung dieser Themen eine lange Geschichte. Die Artikelserie über die Wiener Siedler_innenbewegung in den letzten beiden Augustin-Ausgaben hat das vor allem in der historischen, aber auch in ihrer ganz aktuell-brisanten Dimension sehr deutlich gemacht.
Unsere Gesellschaft verfügt über Möglichkeiten, gute Nahrungsmittel, Bildung, Wohnung, Kleidung und Gesundheitsvorsorge für alle Menschen bereitzustellen. Doch ist offensichtlich, dass sie keineswegs gefeit ist vor Armut, Elend, Obdachlosigkeit, Analphabet_innentum und Unterernährung. Eines der Hauptziele einer emanzipatorischen Stadtentwicklung und auch eines Projektes der solidarischen Landwirtschaft ist es deswegen, einen Beitrag dafür zu leisten, diese Kluft zwischen ungenutzten Möglichkeiten und einem guten Leben für alle zu schließen. Eine erste Voraussetzung dafür ist der Zugang zu Land und Ressourcen, dieses zukunftswürdig zu bewirtschaften. Dieser Zugang fehlt derzeit vielen Menschen.
Was, wenn sich heute Menschen als Landlose die privatisierten Gemeingüter wieder aneignen und beginnen, selbstbestimmt und demokratisch die Beziehungen und Verhältnisse rund um das Land und auf dem Land selbst in die Hand zu nehmen? Wenn sie gleichzeitig weit über den Gartenzaun (oder den in Jedlersdorf von der Polizei aufgebauten Bauzaun) hinaus solidarisch zu landwirtschaften beginnen? Was, wenn hier ein Ort entsteht, der für ein neues Verhältnis zwischen «Stadt» und «Land» steht und dieses umdefiniert? Was, wenn Lebensmittelkooperativen in allen Bezirken Wiens Nahrungsmittel aus solidarischer Landwirtschaft abnehmen zugänglich für alle nach dem Prinzip: «Jede_r gibt, was er_sie kann, und jede_r nimmt, was er_sie braucht». Es gibt bereits jetzt genügend Projekte in ganz Europa, die seit Jahrzehnten beweisen, dass solidarische Landwirtschaft funktioniert. Viele haben zu träumen begonnen und arbeiten hier und jetzt an der konkreten Umsetzung.

Recht auf Stadt heißt Recht auf Land

Nach der ersten Woche der Besetzung in Jedlersdorf ist bereits sehr viel passiert: Anbau und Gartenarbeit, Workshops und die Organisation von öffentlichen, alternativen Lehrveranstaltungen, Volxküche, Kompostklo, alltägliche Versorgung trotz Räumungsgefahr, Vernetzungstreffen, Fahrradwerkstatt. Darüber hinaus wurden nach fünf Tagen bereits über 1000 Unterstützungserklärungen gesammelt. Nachbar_innen und Interessierte kommen mittlerweile regelmäßig vorbei und arbeiten im Garten mit, solidarisieren sich und helfen mit vielen alltäglichen Gebrauchsgegenständen aus. Dazu finden permanente Verhandlungen und Netzwerkarbeit statt.
Mit der Besetzung von Land in der Stadt werden Schlüsselfragen der Ernährungssouveränität konkret sichtbar: Eine emanzipatorische Stadt setzt eine andere Landwirtschaft voraus. Recht auf Stadt heißt Recht auf Land. Es geht darum, ein anderes Lebensmittelsystem vom Saatgut bis zur Küche zu verwirklichen. Und das erfordert tatsächlich die Tätigkeit und Kreativität von vielen Menschen. Zum Beispiel in Jedlersdorf bei der SoliLa.

Nähere Infos unter:
17april.blogsport.eu
1210 Wien, Gerasdorfer Straße 105
Franziskus Forster / 02.05.2012