Über Unterkunftspolitik

«Airbnb» und «Couchsurfing»: Gastfreundschaftsnetzwerke im Zwielicht

article_3883_unterkunft_robert_sommer_180.jpg Wohnraum-Sharing hat zwei landläufig bekannte Namen: «Couchsurfing» und «Airbnb». Die Ursprünge dieser Internet-Plattformen, die der Tourismusbranche Ohrfeigen verabreichen, sind sympathischer als ihre aktuellen Erscheinungsweisen. Robert Sommer vergleicht die Reaktionen der Stadtregierungen auf das Vermurksen sozialer Ideen durch Wirtschaftsinteressen.
Robert Sommer / 17.01.2017
Alle guten Ideen, die wir Menschen kreieren und realisieren, um unser Leben menschlicher zu gestalten, sind in Gefahr, kommerzialisiert zu werden; der Augustin natürlich ausgenommen. Kritische Wissenschaftler_innen reden vom Phänomen der Ökonomisierung aller Lebensbereiche. Sitzen, um auszuruhen, ist zum Beispiel ein zutiefst menschliches Bedürfnis. Sitzbänke auf den städtischen Plätzen aufzustellen, ist die beste Idee, seit es Plätze gibt. Die historische Altstadt von Klagenfurt, großzügig zur Fußgänger_innenzone gestaltet, verfügt über tausende Sitzgelegenheiten. Aber keine einzige ist ohne Konsumzwang benutzbar. Nur wer dem Gott Bruttonationalprodukt dient, hat hier ein Recht auf Sitzen. Wer dieses Recht wie selbstverständlich in Anspruch nimmt, riskiert ein Lokalverbot. Wer dieses vermeiden will, bestellt ein Mineralwasser. Was er/sie dafür bezahlt, wird ihn/sie nicht umbringen. Aber es geht ums Prinzip.
In fremden Städten braucht man nicht nur Sitzbänke, um zu verschnaufen und zu schauen, wie die Freaks hierorts beieinander sind, man braucht Hotels. Weil diese aber für viele zu teuer sind, und trotzdem oft auf Monate ausgebucht, ist die menschliche Idee des Wohnungsschlüsseltausches entstanden. Oder auch die Idee des auf dem Internet fußenden Gastfreundschaftsnetzwerks. Denn derselbe Wiener, dieselbe Wienerin, die eine kostenlose Unterkunft in New York, Havanna oder La Gomera sucht, kann seine oder ihre Privatwohnung kostenlos einer Reisenden aus New York anbieten (Tourist_innen aus Kuba werden rar sein, aber das wäre ein anderes Thema). 2002 gegründet, hat die Internet-Plattform «Couchsurfing» mittlerweile rund zehn Millionen Mitglieder auf der ganzen Welt.

 

Ende der Gemeinnützigkeit

Es kam, wie’s im Kapitalismus offensichtlich immer kommt, wie gesetzmäßig. «Couchsurfing», die idealistische, eine urbanistische Utopie vorwegnehmende Tauschbörse für Übernachtungsmöglichkeiten, eine Gegenbewegung zur kommerziellen Tourismusbranche, die die soziale Spaltung der Städte auf die Spitze treibt, weil sie de facto ausschließt, dass Unterkünfte in den schönsten Lagen (etwa Seeufer) von Mindestbeihilfebezieher_innen gebucht werden können – «Couchsurfing» also wurde von Investor_innen inhaliert. Sie steckten acht Millionen Dollar in das Projekt, das nach Silicon Valley riecht – und tatsächlich dort positioniert ist. Die Erfinder dieser Internet-Plattform änderten 2011 die Vereinsform von gemeinnützig auf profitorientiert. Obwohl das Prinzip der Kostenlosigkeit bestehen bleibt (relativiert freilich durch die informelle, aber unentrinnbare Verpflichtung eines Geschenks für die Gastgeber_innen), wird die «Couchsurfing»-Seite nun von Investor_innen finanziert, was viele als Verrat an den ursprünglichen Selbstorganisationskonzepten brandmarkten.
In der Form der Wohnraum-Sharing-Site «Airbnb», die zum Unterschied von der «Couchsurfing»-Site nicht kostenlose Ferienwohnungen anbietet, ist die ursprüngliche Idee, neben dem geregelten Markt der Unterkünfte ein Pa­rallelsystem der leistbaren Quartiere zu etablieren, zu einem gigantischen Projekt der Schattenwirtschaft mutiert. Die Stadtregierungen reagieren ganz verschieden auf diese Herausforderung, die sich doppelt negativ auf die Wohnungspolitik auswirkt: Erstens werden dem Markt zehntausende Wohnungen entzogen, die eigentlich für die wachsenden Bevölkerungen konzipiert waren; zweitens führen die Anbieter_innen weder Ortstaxe noch Steuern ab. Ein Teil der Stadtverwaltungen geht in Konfrontation mit «Airbnb», ein anderer Teil sucht den Kompromiss. Dass Wien im Lager des Kompromisses angesiedelt ist, braucht wohl nicht betont zu werden. Wien setzt auf Informationen für die Ferienwohnungsanbieter_innen, weil viele «gar nicht wissen, welche Bestimmungen für sie gelten, wie viel Steuern sie abführen müssten» (Finanzstadträtin Renate Brauner). In der österreichischen Hauptstadt werden rund 6000 Wohnungen über «Airbnb» an Tourist_innen vergeben. Relativ bekannt sollte den Fewo-Anbieter_innen die Tatsache sein, dass die Gemeindewohnungen tabu für «Airbnb» sind.
In New York, wo 40.000 Wohnungen über die Online-Plattform an Tourist_innen vermietet werden, ist «Airbnb» ein Machtfaktor geworden, der mit der konkurrierenden Hotelvereinigung in gleicher Augenhöhe verkehrt. Dennoch konnte auch diese Macht nicht verhindern, dass ein neues Gesetz herauskam, das jene Vermieter_innen sanktioniert, die mehrere Wohnungen kurzfristig vermieten, in denen sie gar nicht wohnen. London erlaubt die Vermietung einer «Airbnb»-Wohnung nur mehr bis zu 90 Tage im Jahr. In Paris erfreut sich die Online-Ferienwohnungsbörse eines Rekordwachstums: 2012 gab es erst 3000 Angebote über «Airbnb», heuer werden es fast 50.000 sein. In Berlin, wo «Airbnb» etwa 24.000 Wohnungen vergeben kann, wurde ein Zweckentfremdungsverbot erlassen, dessen Auswirkungen in der nächsten Tourismussaison überprüft werden können. Wahrscheinlich wird es die Menge der Vermieter_innen vergrößern, die in der Grauzone herumwerkeln.

 

Berlin: Zweckentfremdung verboten

Was den Berliner Kampf um Wohnraum für die Bevölkerung statt für kurzfristige Gäste betrifft, so wird man auf die Schritte des neuen radikal linken Wohnungspolitik-Stadtrats Andrej Holm gespannt sein können. So sehr er das gegen «Airbnb» gerichtete Zweckentfremdungsvebot befürwortet, so deutlich weist er auch auf den sozialen Aspekt der Online-Plattform hin. Einer Nutzer_innenbefragung von «Airbnb» zufolge nutzt ein Drittel aller Anbieter_innen die Ferienwohnungsplattform, um über die Runden zu kommen», als Möglichkeit, ein zusätzliches Einkommen zu generieren oder die steigenden Mietkosten zu kompensieren. Holm: «De facto fließt ein Großteil dieser Extraeinnahmen aus der Untervermietung an die Haus- und Wohnungsbesitzer_innen weiter.» Hier schließt sich der Kreis: «Couchsurfing» erlaubt(e) auch prekär lebenden Student_innen Reisen in andere Kontinente, «Airbnb» ermöglicht(e) den Opfern des Wohnkostenwahnsinns jenen Zusatzverdienst, der sie gerade noch vor Delogierungen bewahrte. Alles zu schön, um wahr zu bleiben? Sobald sich das große Geld um sinnvolle Sachen zu «kümmern» beginnt, verändert es deren Charakter. Den Augustin natürlich ausgenommen. Um den hat sich das große Geld freilich noch nie gekümmert.
Robert Sommer / 17.01.2017