Verliebt in eine Stimmfarbe

Wenn es finster wird - Die Phasen einer Erblindungsbiografie

article_2599_blind_180.jpg Dunkelheit ist eine Urangst des Menschen, für Blinde ungewollte Routine. Auch Julian Nagl trifft dieses Schicksal, schleichend. Lange Zeit war es für ihn jedoch eine Qual, sich damit auseinanderzusetzen.
Saller / 01.09.2014
Jenen Tag wird Julian Nagl Zeit seines Lebens nicht vergessen. Jenen Tag, an dem er in den Graben einer Straßenbahn-Haltestelle stürzte - und nur durch Glück mit dem Schrecken und einigen Schürfwunden davonkam. «Da hätte es mit mir vorbei sein können», sagt Nagl, heute 40, schmales Gesicht, schmaler Körper, den gestutzten Bart präzise um die Lippen gebunden. Auf seiner frisch rasierten Glatze spiegelt sich das diffuse Tageslicht. Motorradjacke, verspiegelte Sonnenbrille. Am Himmel nichts als Wolken. An seinem Oberarm eine Binde: drei schwarze Punkte auf gelben Grund.

Rund acht Jahre sind seither vergangen, seit dem Sturz. Optisch wahrnehmen kann er seine Umgebung bereits zu dieser Zeit kaum noch, ebenso wenig sich diesen Zustand eingestehen. Er belügt sich selbst, weigert sich eine Kennzeichnung oder einen Langstock zu tragen. Aus Stolz. Aus Angst vor Stigmatisierung. Schriftstücke kann er damals nur mit Mühe und vielfacher Vergrößerung am Computer entziffern. Erst zehnfach, dann zwanzigfach. Mit zunehmendem Alter ist aber auch das nicht mehr möglich. «Irgendwann haben die einzelnen Buchstaben gar nicht mehr auf den Bildschirm gepasst.» Heute ist er vollkommen blind, zumindest steht das so in seinem Behindertenausweis. Auf einem Auge kann er Lichtquellen wahrnehmen, allerdings nur mehr schemenhaft. «Etwa so, als würde ein sehender Mensch die Augen schließen und in die Sonne schauen oder sich davon abwenden.» Diesen Unterschied kann er wahrnehmen, noch. «Aber auch das wird bald zu Grunde gehen», sagt er. Ohne Trauer, ohne Frust - keine Emotion. Die Gläser der Sonnenbrille verhüllen die Augen.

Die Phase der Einsicht, ab der er sich den Problemen der Blindheit stellte, bezeichnet er selbst als die schwierigste Zeit seines Lebens - auch für das eigene Ego. «Da gab es eine Situation, in der ich mir dachte: «Da sitzt meine Oma und sie winkt mir.» Dann gehe ich dort hin, dort saß dann allerdings nicht meine Oma - und gewunken hat mir die Person auch nicht.» Er zieht daraufhin von Wien nach Linz und beginnt dort eine jahrelange Reha. In dieser Zeit muss er viele Dinge von neuem erlernen. «Da fühlt man sich mit Mitte 30 wieder wie ein kleines Kind.» Wie näht man einen Knopf an, wie bezieht man sein Bett, wie schreibt man einen Brief - ohne etwas zu sehen. Oder: Wie verliebt man sich? Je mehr die visuelle Wahrnehmung aus seinem Leben verschwand, umso mehr rückten andere Dinge in den Vordergrund. «Körpergerüche wurden immer wichtiger, etwa aber auch, wie Stimmen klingen. Es kam dann auch vor, dass ich mich einfach in eine bestimmte Stimmfarbe verliebt habe. Das Optische findet nur mehr in Gedanken statt.» Er lacht und erzählt von der Leiterin des Rehazentrums in Linz. Ihrer Stimme, ihrer schönen Stimme. Und ihrem Spitznamen, den sie von einigen Patient_innen, die noch etwas besser sehen konnten, bekommen hatte: Klingonin. Jenes Krieger-Volk verkörpert in der TV-Serie «Star Trek» vieles: Stolz, Muskelkraft oder Ehrgefühl. Anmut, Attraktivität und Liebreiz gehören jedenfalls nicht dazu. «Das Bild, das ich mir selbst in meinem Kopf ausgemalt hatte, gefiel mir dann doch deutlich besser.»

Der Charme des weißen Schäferhunds


Die Zahl sehbehinderter Menschen ist nur schwer nachzuvollziehen. Schätzungen gehen von etwa 8000 bis 10.000 Blinden und mehr als 300.000 Sehbehinderten in Österreich aus. Sehbehindert ist Julian Nagl seit seiner Geburt. Er kommt als Frühgeburt zur Welt, bis heute rätseln die Ärzt_innen über die Gründe. Ebenso wenig können sie beurteilen, ob sein Krankheitsbild an die nächste Generation weitervererbt werden würde. Den Wunsch eines eigenen Kindes hat er eben darum aufgegeben. Das Glaukom, gemeinhin auch Grüner Star genannt, führte dazu, dass seine beiden Sehnerven zunehmend abgeklemmt wurden, was sich zum einen im zunehmenden Verlust des Augenlichts, zum anderen aber auch in extremen Kopfschmerzen äußert. «Das passiert ein bis zwei Mal in der Woche. Dann habe ich solche Schmerzen, dass ich meine Wohnung nicht verlassen kann.»

Wie überdimensionierte Randstücke einer Halfpipe stehen sie in der Landschaft, die drei mächtigen Gebäudekomplexe im Wohnpark Alt-Erlaa im 23. Wiener Gemeindebezirk. Altbacken, auf irgendeine Art doch futuristisch. Beeindruckend und abstoßend zugleich. Das Weiß vergangener Tage ist einem tristen Grauton gewichen. Beinahe wirkt es so, als würden sich die mächtigen Bauten mit dem Dickicht der Wolkendecke vereinen. Drei Glastüren später: Zielstrebig gleiten Julian Nagls Finger über die Konsole im Inneren eines Aufzugs. Erst ganz nach oben, in die rechte Ecke und allmählich nach unten. 23. Stock, 21. Stock, 19. Stock, er drückt. «Das ist hier wie bei so vielen Sachen. Ich muss mir eine Hilfestellung überlegen, um alltägliche Dinge zu erledigen. Irgendwann ist es aber nur mehr Routine.» In seiner Wohnung ist das nicht anders. Wie Leitlinien weisen kleine runde Teppiche am Boden den Weg zum Balkon. Am Herd sind an den Schaltern hervorstehende Noppen angebracht, die anzeigen, ob die Kochplatte heizt beziehungsweise welche gerade bedient wird. Eine sprechende Uhr meldet sich einmal stündlich zu Wort und gibt Uhrzeit und Raumtemperatur zum Besten. Die eine App liest ihm seine E-Mails vor, die andere identifiziert anhand eines Fotos die Farbe der Dinge, die ihn umgeben. «Nur darum weiß ich auch, dass das T-Shirt, das ich mir heute angezogen habe, blau ist. Es ist doch blau, nicht wahr?» Ist es.
«Die größte Hilfe aber», sagt er, die Stimme voller Dankbarkeit, «ist mein Hund Dimo.» Durch seinen eigenen Namen aufgeschreckt erhebt sich das mächtige Tier aus seinem Schlafkorb, der ob seiner Größe so manchem Menschen als Schlafplatz genügen würde. Die Zugluft, die durch die offene Balkontür in die Wohnung und durch sein Fell weht, verleiht ihm etwas Heroisches. Ein reinrassiger weißer Schäferhund. Der WSÖ, der Weißer Schweizer Schäferhundklub Österreichs, schreibt: «Weiße Schäfer sind wie Perlen im Lichte der Sonne. Der Charme ihres Wesens geht zu Herzen, der Reichtum ihres Geistes ist unerschöpflich. Sie sind lebende Edelsteine, faszinierend und schön.» Als Laie kann man der schwülstigen Lobpreisung im ersten Moment zumindest nicht widersprechen. «Er weiß sehr wohl, dass er ein besonders schöner Hund ist - und lässt das auch raushängen», sagt Nagl mit einem Lächeln auf den Lippen.

Seit drei Jahren begleitet Dimo ihn auf Schritt und Tritt, führt ihn, wartet vor Treppenstufen, um sein Herrchen auf diese aufmerksam zu machen, sammelt heruntergefallene Dinge behutsam vom Fußboden auf. Auch als übereifriger Weckdienst tritt er täglich in Erscheinung. «Für mich, als alter Morgenmuffel, ist das manchmal etwas ungewohnt. Sobald ich morgens ab fünf Uhr nur eine Zehe unter meiner Decke herausstrecke, schleckt er mich ab und weckt mich.» Tatsächlich wirkt es so, als würde Dimo jede von Julian Nagls Bewegungen aufmerksam verfolgen. «Ein Freund, ein richtig guter Freund» sei der Hund für ihn geworden; aber auch ein Antriebsmotor für sein Leben. «Es gibt viele Situationen, in denen ich selbst nicht nach draußen gehen würde, es wegen meines Hundes allerdings muss.» Das sei für ihn wichtig, vor allem seit seiner krankheitsbedingten Frühpensionierung.

Zur Moral der Arbeitgeber_innenseite


800 Euro wirft seine Pension ab, allein die Hälfte davon bezahlt er für seine kleine Einzimmerwohnung. Beklagen tut er sich darüber nicht. «Wenn ich weiterhin als Heilmasseur gearbeitet hätte, würde ich jetzt auch nicht mehr verdienen. Der Arbeitsmarkt ist nicht wirklich auf Menschen mit Behinderung ausgelegt.»

Die Arbeitslosenquote ist bei Menschen mit Behinderung in Österreich um mehr als 50 Prozent höher als bei Menschen ohne Beeinträchtigung. Seit 2005 stieg die Zahl der Erwerbslosen bei - wie es beim Arbeitsmarktservice (AMS) heißt - «Personen mit gesundheitlichen Vermittlungseinschränkungen»um 66 Prozent, bei Arbeitslosen ohne Behinderung waren es lediglich knapp 14 Prozent. Um dem entgegenzuwirken, gibt es von staatlicher Seite zwar Auflagen, viele Expert_innen kritisieren diese aber als zu lasch. Ein großer Teil der Unternehmen würde die verhältnismäßig geringe Ausgleichstaxe, die bei Nichteinhaltung der Vorgaben fällig wird, in Kauf nehmen, um die Norm zu umgehen. Ab einer Betriebsgröße von 25 Beschäftigten sind Unternehmen verpflichtet, eine Person mit Behinderung aufzunehmen, je 25 Dienstnehmer_innen eine weitere. Pro Monat werden für jede Person mit Behinderung, die zu beschäftigen gewesen wäre, 244 Euro fällig. Ab 100 Angestellten sind es jeweils 342 Euro, ab 400 je 364 Euro. Besonders schwer behinderte Dienstnehmer_innen werden dem Arbeitgeber doppelt angerechnet - unter anderen auch Blinde.
«Es ist natürlich ein komisches Gefühl, wenn Arbeitgeber_innen Geld dafür angeboten wird, dich zu beschäftigen», erzählt Julian Nagl. Richtig bizarr sei aber erst, dass von vielen Unternehmen dennoch lieber die Gebühr bezahlt werde. «Da fühlt man sich doch ziemlich als Mensch zweiter Klasse.»

Saller / 01.09.2014