Von der Utopie zur Tyrannei

Die Selbstbefragung eínes Otto-Muehl-Kommunarden

article_3188_images_180.jpg

Der Begriff Kommune steht für eine Gruppe nicht miteinander verwandter Menschen, die einen gemeinsamen Haushalt führen, deren gemeinsame Interessen jedoch über das Führen dieses Haushalts hinausgehen. Sie können politischer, künstlerischer oder therapeutischer Natur sein. Gemeinsam ist (war) ihnen, dass sie alternative Lösungen zum Leben in der Kleinfamilie such(t)en. Dass die Ansätze der 1968er-Revolte, auch in Österreich eine Kommune-Bewegung zu etablieren, scheiterten, hat viel mit der medialen Hinrichtung der von Otto Muehl gegründeten Friedrichshof-Kommune zu tun.

Archivfoto Otto Muehl © apa/Pfarrhofer


Herbert Stumpfl / 04.08.2015
Kommunen-Guru Muehl wurde 1991 verhaftet und zu siebenjähriger Haft wegen Handlungen gegen die Sittlichkeit und das Suchtgiftgesetz verurteilt. Herbert Stumpfl hat uns folgende Selbstreflexionen über seinen Langzeit-Aufenthalt in der «Muehl-Kommune» zur Verfügung gestellt.

Gerade weil ich Otto Muehl schon Jahre vor der Kommune gekannt habe und später ein absolut treuer Otto-Muehl-Anhänger und Kommunarde gewesen bin, hat es mich danach gedrängt, diesen Bericht zu schreiben. Denn durch die zwanzig Jahre lang andauernde Reflexion über die Dimensionen sowie die Entgleisungen unseres sozialutopischen Experiments ist mir klar geworden, dass sie ohne die Beschreibung der Macht gruppendynamischer Prozesse nicht verstanden werden können. (...)

Der ursprüngliche Anlass zu diesem Bericht war der Ärger über die bis zur Unkenntlichkeit vereinfachten Bilder, die über die Muehl-Kommune kursieren. Meist sind es autoritär verkürzte Urteilssätze, die etwa lauten: «Die Kommune war ein autoritäres Unternehmen und Muehl ein Triebtäter!» Indem Primitiv-Urteile solcher Art die sozialutopische Dimension der Kommune unterschlagen, unterschlagen sie nicht nur die wichtigste Dimension des Experiments, sondern auch die Faszinationskraft Muehls, die eben nicht nur in seinem sich über Jahre hinweg zunehmenden Autoritarismus, sondern in einem Bündel ganz anderer Eigenschaften und Kompetenzen bestanden hat.

Daher wird auch der hier unternommene Beschreibungsversuch so etwas wie das Gegenteil der Festsetzungen sein, die die zwei gegensätzlichen, in der Öffentlichkeit kursierenden Bilder zu Otto Muehl in ihrer Simplifizierung charakterisieren. Das eine Bild ist das des von der Gesellschaft verfolgten Avantgardekünstler und genialen Kommunengründers, das andere das des tyrannisch-autoritären, sexuell übergriffigen und faschistoiden Bösewichts.

Als eine Sache des Verstehens sollen aus einer reflektierten Teilnehmerposition heraus die komplexen Kräfte und die Verwerfungen sichtbar werden, in die wir geraten sind. Es werden daher nicht nur die Ursachen des Erfolgs und des Scheitern der Kommune erhellt, sondern auch die Faszination, die Otto Muehl als Künstler auf die Gesellschaft – und als Kommunengründer auf uns junge, rebellierende Menschen ausgeübt hat.

Warum haben wir als Aufgeklärte im Muehl-System mitgemacht?


Ein zweites Motiv ist die Beantwortung der Frage, die mir immer wieder gestellt wird: Aber bitte, wie ist es denn möglich gewesen ist, dass so aufgeklärte, kritische Menschen wie du, die durchaus keine Sektierertypen sind, nicht bemerkt haben, in was für einem autoritären System sie mitgemacht haben? Es ist das eine Frage, die ich auch mir selbst immer wieder gestellt habe. Ihre Beantwortung schließt die Darstellung des dritten Motivs mit ein: Die intensive und unwiderrufliche Erfahrung, die wir mit den Mechanismen gruppendynamischer Prozesse gemacht haben. Es sind Erfahrungen, die jede und jeder macht, der mit mehreren Menschen zusammen ist: In großen und kleinen Unternehmen, in Firmen, Schulen und Kirchen, in Verbänden und Vereinen, in politischen Parteien und sozialen Institutionen, in Versammlungen und in Familien.

Oft, wenn wir Ex-Kommunarden einander von diesen alltäglichen Prozessen berichten, fassen wir sie in den lapidaren Satz «Du weißt schon, es war wie in der Kommune» zusammen. Denn wir wissen in der Tat, wovon wir reden; wir haben diese Dynamik sogar auf der Basis der idealen Prinzipien einer Alternativ-Gesellschaft erfahren – und im Nachhinein den unschätzbaren Vorteil gehabt, unser damaliges Hineingerissen-Werden in zunehmend autoritäre Strukturen nach dem Zusammenbruch der Kommune in einem Zeitraum von zwei Jahrzehnten mit vielen Mitkommunarden in wechselnde Perspektiven reflektieren zu können. Dieser Bericht ist ein Ergebnis dieser Reflexionen.
(...) Ich war als einer der ältesten Kommunarden knappe zwanzig Jahre jünger als Otto Muehl, das Gros der Kommunard_innen aber fünfundzwanzig und dreißig Jahre. Uns junge Leute begeisterte es, einen wirklichen Sieger zum Anführer zu haben, der es verstand, in uns die Empfindung wachzurufen, an einem ungewöhnlichen Experiment teilzunehmen und einer revolutionären Elite anzugehören. Muehl hat sich zwar nie selbst als Genie bezeichnet, doch durch sein Auftreten und seine Fähigkeiten als Kommunikator erweckte er in uns den Glauben an seine Genialität – und überzeugt davon, wir hätten den schöpferischen Fluss eines richtigen Mensch-Seins in einer gerechten, nicht auf Konsumismus aufgebauten Gesellschaft gefunden, versprachen wir uns eine glänzende Zukunft.

Zudem wurde Muehls Dominanz immer auch durch seinen Humor, sein Unterhaltungstalent und seine offene und direkte Kommunikation aufgewogen. Sodass sich schon in dieser ersten Wohngemeinschafts-Phase der erst im Entstehen begriffenen Kommune, also noch vor der Einführung der freien Sexualität die WG-Mitglieder um ihn drängten, weil keine und keiner von uns jungen Leuten sich mit der anregenden, oft auch grenzüberschreitenden Innovationskraft seiner Kommunikation messen konnte. Nichts war in seiner Nähe wirklich bitterernst – und wem wegen Muehls gelegentlichen ironischen Sticheleien der Kragen platzte und wer sich gegen ihn empörte, der wurde von ihm mehr geschätzt als jene unterwürfigen Typen, die ihn Jahre später wie Höflinge den Fürsten eines Hofstaates umkreisen würden.

Der Sprung von der Reichsbrücke und andere Mutproben


Große Energie, Selbstüberzeugtheit, Innovationskraft, Entscheidungsfreude und sein künstlerischer und lebenspraktischer Erfahrungsvorsprung sowie eine gewisse Beherrschung des gruppendynamischen Spiels ließen uns seinen Führungsanspruch als Selbstverständlichkeit erscheinen. Schon als Sohn eines strengen Lehrers im burgenländischen Weinbauort Gols hatte er eine dominante Rolle gegenüber seiner Altersgruppe gespielt und als Schüler eine Fußballmannschaft mit Dressen und einer Vereinsfahne gegründet. Auch der Ehrgeiz, anderen zu imponieren, scheint sich schon sehr früh gezeigt zu haben.

Dieser Hang zu außergewöhnlichem Handeln spielt auch in folgender Geschichte, die er uns öfter erzählt hat, eine Hauptrolle. Es ging dabei um eine Wette, die er an einem schönen, heißen Sonntagvormittag mit anderen Jungs, die er am Dorfanger traf, eingegangen war: Dass er es nämlich wagen würde, sich trotz seines schönen neuen Anzugs, den er zum ersten Mal trug – vielleicht hatten ihn die anderen deswegen gehänselt – in den wasserführenden, schlammigen Straßengraben zu werfen – und er tat es, obwohl er wusste, dass er zuhause von seinem Vater verprügelt werden würde, was dann tatsächlich geschah, als er nässe- und schlammtropfend bei seinen Eltern auftauchte. Muehl berichtete auch von einer anderen Mutprobe: Als ihm seine Aktionistenkollegen Brus und Frohner beim Baden an der Donau nicht glauben wollten, dass er sich traue, von der Reichsbrücke zu springen, da tat er es.

Und nicht zuletzt war der Aktionismus selbst eine einzige mutige, zehn Jahre lang währende Grenzüberschreitung gewesen, deren Erfolg Muehls Selbstbewusstsein ungeheuer erhöht hatte – sodass er noch in den Zeiten der Wohngemeinschaft sich trotz seiner abgebrochenen Psychoanalyse zutraute, mit uns nach dem Muster der Wilhelm-Reich’schen Widerstandsanalyse Einzelanalysen durchzuführen, die er in kurzer Zeit zur sogenannten Aktionsanalyse weiterentwickelte. Seine Macht wuchs dadurch so sehr an, dass es geradezu einem Tabubruch gleichkam, ihm zu widersprechen. (...)

Jede(r) stand unter ständiger Beobachtung


Einer der wichtigsten stabilisierenden Faktoren nicht nur für unser System, sondern für autoritätslastige Systeme insgesamt ist: Dass sie für gläubige Anhänger sehr bequem sind: Sie brauchen nur brav mitzumachen und werden belohnt. Sodass es das Klügste ist, folgsam den Regeln des Systems zu gehorchen. Warum also sollte ich, der Gläubige, die köstlichen Fleischtöpfe der Kommune und das gute Gewissen, in einer ethisch hochwertigen sozialen Avantgarde zu leben, mit dem Horror des Ausgeliefert-Seins an die Einsamkeit der Kleinfamilienwelt tauschen wollen? Nein, ich gewiss nicht, auch wenn ich manchmal an Auszug dachte. Doch auf die Vitalität des großen Körpers der Kommune zu verzichten und auf die Geborgenheit in einer gemeinsamen Ideologie und Praxis? Nein! Niemals, selbst dann nicht, wenn, wie bei mir, das Schlimmste – ein nicht enden wollender Absturz in der Hierarchie – eintreten würde.

Denn ein Privileg des Lebens in der Kommune war, dass hier niemand nur ein Irgendwer war, selbst wenn er der letzte Kommunarde in der Hierarchie sein sollte. Denn die Aufmerksamkeit aller ruhte auf jeder und jedem. Sie bezog sich auf sein Verhalten: auf seine Fortschritte in seiner Therapie, im Zeichnen, in der Malerei, im Tanzen, in der Selbstdarstellung, in der Sexualität, im Job und in der Realitätsbewältigung. Sie bezog sich auf seine kommunikativen und sexuellen Fähigkeiten. Jeder Einzelne stand quasi unter ständiger Beobachtung, jeder Einzelne wurde öffentlich bewertet – was sogar dann, wenn er kritisiert wurde, seine Bedeutung hob. Sodass keine und keiner mehr das Gefühl zu entwickeln brauchte, nur irgendein Partikel in der Anonymität der unüberschaubaren Maschinerie der Kleinfamiliengesellschaft zu sein.
(...)

Info:
Am Freitag, 18. September, stellt Herbert Stumpfl, 20 Jahre lang Mitglied der sogenannten Muehl-Komnmune im nördlichen Burgenland, seine – noch unpublizierte – selbstreflexive Studie «Ein autoritärer Idealismus. Gruppendynamische Prozesse eines sozialutopischen Experiments» zur Debatte. Der vorliegende Text sind von der Redaktion ausgewählte Passagen aus dieser Studie. Viele weitere Ex-Kommunard_innen haben ihr Kommen zugesagt. Ort: Arena Bar, 1050 Wien, Margaretenstraße 117, Beginn 19.30 Uhr.


Herbert Stumpfl / 04.08.2015