Von Präsenz- und Zivildienern

Zurück zum Männlichkeitsideal

Per 1. Juni 2000 wurde das Gehalt der Zivildiener um 48% gekürzt. Der Minister sagt, man könne sich um 43 Schilling am Tag gesund und ausgewogen ernähren. - Zeit, nicht nur über die fatale Situation der "Zivis" zu diskutieren, sondern auch über den geistigen Hintergrund, der hinter dieser Aktion sichtbar ist.
Stefan Winterstein / 12.07.2000
Ausgangspunkt der Diskussion ist der: Jeder männliche junge Österreicher ist grundsätzlich zum Wehrdienst verpflichtet; nicht so der weibliche. Eine grundsätzliche Frage, die wir uns stellen müssen, lautet, wie eine solche Ungleichbehandlung der Geschlechter zu rechtfertigen ist - und die Antwort kann nur in den auch in Zeiten (eben nur) weiblicher Emanzipation noch weiterhin gültigen Geschlechterrollen liegen. Die klischeehaften Vorstellungen von sanfter Frauennatur einerseits und starker, kampfbereiter Männernatur andererseits sind offenbar derartig fest in unserem Denken verhaftet, daß sie Eingang in das Gesetz finden konnten und dies bis heute im öffentlichen Diskurs faktisch überhaupt nicht hinterfragt worden ist.

Das österreichische Gesetz ist in diesem Punkt aber ganz eindeutig sexistisch bestimmt. Die eingeräumte Möglichkeit, den Umgang mit der Waffe auf legalem Wege zu verweigern und anstatt des Wehrdienstes einen Ersatzdienst genannt Zivildienst zu leisten, d.h., die traditionelle Rollenverteilung für sich selber zu umgehen, muß so zunächst als ein großer Fortschritt erscheinen. Schon daß in sorgsamstem Umgang mit der Nomenklatur immer wieder darauf hingewiesen wird, daß der Zivildienst einen Ersatzdienst und keinen Alternativdienst darstellt, offenbart aber ein Denken, in dem gleichsam zwischen Eigentlichkeit und Uneigentlichkeit unterschieden und so den von der Allgemeinheit gestellten Forderungen entsprechende von sich ihnen verweigernden Elementen getrennt werden.

Den Zivildienern wird klar vermittelt, wieviel ihr Dienst wert ist: wurde die Dienstzeit doch von den acht Monaten, die der Militärdienst dauert, sukzessive auf zwölf Monate erhöht. Die mit 1. Juni 2000 in Kraft gesetzte Zivildienstnovelle führt den Zivildienern endlich in größer kaum mehr denkbarer Deutlichkeit die ihnen zuerkannte Wertigkeit vor Augen. Die bereits in Zeiten früherer Regierungen existente finanzielle Schlechterstellung wurde radikal verschärft und hat nun endgültig ein für viele schlichtweg existenzgefährdendes Ausmaß angenommen. Die Verhältnisse sind klar: Wer nicht dem gewünschten Bild entspricht, wird entsprechend bestraft. Das jahrelang in den Medien gezeichnete Bild des Zivildieners als des arbeitsscheuen Sozialschmarotzers belegt dies eindrucksvoll.

Inzwischen verweigert in Österreich beinahe ein Viertel der Wehrpflichtigen den Dienst mit der Waffe, wobei sich der höchste Anteil im urbanen Bereich findet. Im ruralen Raum sind die Vorstellungen der Geschlechterrollen offensichtlich noch deutlicher ausgeprägt. Der mit Uniform und Waffe verschmelzende junge Mann genießt einen bedeutend höheren Stellenwert im sozialen Ansehen als derjenige, der die verordnete Gewaltanwendung verweigert. Der Militärdienst ist ein Schritt der Initiation; der junge Mann muß sein körperliches Potential, seinen männlichen Mut unter Beweis stellen. - Den Mut eines jungen Menschen, der zwölf Monate etwa in der Altenpflege oder in einem Behindertenheim verbringt oder seinen zwölfmonatigen Dienst im Rettungsauto versieht, sich also nicht in die durch steife Hierarchien bestimmte militärische Maschinerie fügt, sondern als gleichwertig anerkannten, der Hilfe bedürfenden Menschen dient und sich ihren Bedürfnissen auf unmittelbarste Weise unterwirft, halte ich allerdings wirklich nicht für diskussionswürdig.

(Zw.T.) Mit dem Anziehen der Uniform muß der Mensch sein Ich zurückstellen

Dem Präsenzdiener werden acht Monate seines Lebens für einen Dienst an einem Staat genommen, der ihm, in Verkörperung der Vorgesetzten, eindeutig feindlich gegenübertritt, und das in einem nicht gerade unempfindlichen Alter. Demokratie- und soziales Verständnis werden zumindest nicht gefördert, in dem Reich von Willkür, in das das Subjekt eingeführt wird, wahrscheinlich nicht selten sogar maßgeblich gestört. Ein direkter Sinn seines Tuns ist kaum gegeben (es sei denn, die achtmonatige Anwesenheit ist - als Männlichkeitsbeweis - bereits selber dieser gesuchte Sinn), ebensowenig wird ihm jedoch ein indirekter vermittelt. Sieht man von den Grenzüberwachungsdiensten, die das Individuum an einem übermächtig auftretenden, es demütigenden Staat leisten muß, und etwaigen, die Ausnahme darstellenden Sondereinsätzen ab, ist der Dienst ein Dienst für die Eventualität.

Der Zivildiener ist in seiner effektiven Tätigkeit unmittelbar mit dem menschlichen Individuum konfrontiert. Er hat, im Gegensatz zum Präsenzdiener, dem das Volk, zu dessen Schutz vor dem Feind zu dienen er gelobt hat, auf einer hohen Abstraktionsebene gegenübertritt, mit dem Volk in einer sehr konkreten Realisation zu schaffen. Auf der Abstraktionsebene des Wehrdienstes ist kaum ein persönlicher Gewinn des Involvierten möglich, ist die Abstraktion im Militärdienst doch auf beiden Seiten in stärkstem Maße gegeben. Mit dem Anziehen der Uniform und dem Leisten bedingungslosen Gehorsams innerhalb des strengstens hierarchisch strukturierten totalitären Systems der Kaserne muß der Mensch sein Ich zumindest zurückstellen. Daß einer ausdrücklich anonymen Figur, dem unbekannten Soldaten, ein Denkmal gesetzt werden kann, illustriert ja, wie weit die Entfremdung des Menschen im Militärischen tatsächlich geht.

Junge Männer werden in Österreich wie selbstverständlich für acht oder, wenn sie sich nicht in die traditionellen Formen fügen wollen, zwölf Monate zwangsverpflichtet. Diese Zeit bedeutet einen entscheidenden Einschnitt in eine entscheidende Lebenszeit, der unter den gegebenen Umständen nicht zur Förderung des sozialen Individuums, des Gemeinsinns oder Demokratieverständnisses dient. Es erschließt sich dem Subjekt kein positives System, an dem er seinen Dienst leistet, solange die Pflicht nicht, wenn sie gültig ist, für alle befähigten Menschen gleichermaßen gültig ist und solange dem einen kein nachvollziehbarer Sinn vermittelt werden kann und dem anderen ständig, und nunmehr auf das massivste, die Wertlosigkeit seines Handelns demonstriert wird.

Der Illusionen über den Wert, der sozialen Anstrengungen von der Gesellschaft beigemessen wird, wird der junge Mensch, der sich für den Zivildienst entschieden hat, durch das derzeit vorherrschende System vollkommen beraubt. Der jetzigen Regierung ist es gelungen, die Rollenbilder in aller Eile wieder nachzuzeichnen, d.h., die von früheren Regierungen unternommene, immerhin doch partielle Umwertung der Werte radikal zurückzunehmen und den aus der offenbar erwünschten traditionellen Norm fallenden jungen Mann dorthin zu stellen, wo die Hirne der Mehrheit ihn haben wollen.

Stefan Winterstein / 12.07.2000