Warum wir auf die Strasse gehen

Über einen weiteren Versuch, "positiven Boulevardjournalismus" zu betreiben

Morgen.jpgZum «Morgen», der Wochenzeitung der AudimaxistInnen, wie sich die BesetzerInnen des Audimax der Wiener Universität augenzwinkernd nennen, muss man den ZeitungsmacherInnen gratulieren. Der Verzicht auf akademisch-intellektuellen Schreibstil macht es möglich, das Anliegen der «Schlafsack-Revolution» auch der nichtstudentischen Bevölkerung zu erklären. Also neben dem Augustin noch eine Zeitung mit dem Anspruch, «positiven Boulevardjournalismus» zu betreiben. Wir baten Dario Summer vom «Morgen»-Team, über die Entstehungsgeschichte und über mögliche Perspektiven nach einem Ende des Unistreiks zu berichten. Hier sein Beitrag für den Augustin.


Dario Summer / 18.11.2009
Bei den StudentInnen hat es sich schnell herumgesprochen: Die Audimax-Besetzung hat jetzt eine eigene Zeitung! Die 1000 Stück umfassende erste Ausgabe war sofort vergriffen. Tags darauf gab es bereits Fotoshootings mit Pressefotografen. Was steht drinnen, und warum gibt es diese Zeitung überhaupt?

Kein Morgen ohne heute. Heute gehen die Studierenden auf die Straße und besetzen unzählige Hörsäle. Mittlerweile in ganz Europa. Heute passiert was. Und es passiert für morgen, unser aller Zukunft. Doch warum gehen sie auf die Straße? Was wird gefordert? Warum regen sie sich überhaupt auf? Die Medienlandschaft in Österreich ist ausgedörrt. Der staatliche Rundfunk schweigt. Auflagenstarke Zeitungen zeigen sich abgeneigt. Der «Morgen» entstand als Gegengewicht. Er bietet Information von innen, von den Betroffenen selbst. Es werden Tatsachenberichte geliefert, die Probleme verständlich aufbereiten. «Morgen» ist Boulevard im positiven Sinn. Kleine Häppchen für zwischendurch. Jede/r versteht sie. Jede/r bekommt die Möglichkeit zu verstehen.
Schnell war sie gegründet. Schneller war klar, wann sie erscheinen wird. Am schnellsten war klar, dass sie uns Stress machen wird, «Morgen U-Bahn-Zeitung der Protestbewegung». Binnen acht Stunden wurde die erste Ausgabe erschaffen. Dann ging sie in Druck. Jetzt ist sie schon fast ein Sammlerstück, denn von dieser ersten «Morgen» gab es magere 1000 Exemplare. Für die nächsten Ausgaben fanden wir uns in Kleingruppen zusammen. Wir organisierten so die Themen und trafen Entscheidungen. In offenen Redaktionssitzungen diskutieren wir im großen Rahmen unsere Anliegen und die Inhalte von «Morgen» So schaffen wir Raum für wichtige Entscheidungen. Wir finden uns danach in kleinerem Kreis zusammen, um die passenden Artikel auszuwählen, wobei wir hier auf personelle Rotation setzen.

Die Nähe zum Audimaxismus

Inhaltlich orientiert sich die «Morgen» an den Forderungen und Zielen des Audimaxismus. Erklärtes Ziel ist die Information und Aufklärung von Außenstehenden. Alle Meinungen sind willkommen, sofern sie frei von Diskriminierungen aller Art sind. Durch die gendergerechte Schreibweise sollen die LeserInnen auf die in unserer Gesellschaft noch immer vorherrschende Problematik der Ungleichbehandlung hingewiesen werden. Eine Behinderung des Leseflusses ist daher durchaus erwünscht. Ansonsten wird auf journalistischen Stil geachtet. Weg vom elitären, universitären Schreibstil! lautet die Devise. «Morgen» ist eben für alle da. Der Zugang zu guter Information darf nicht vom Bildungsgrad abhängig gemacht werden.
Der Finanzplan dieser jungen Zeitung basiert auf Spenden. Zuwendungen aller Art ermöglichten eine Auflage von 10.000 Exemplaren bei der zweiten Ausgabe. Durch den Verzicht einer Nennung entsteht für die GeldgeberInnen keine Art von Vorteil. Werbeschaltungen lehnte das Redaktionsplenum einstimmig ab. Während der Besetzung, und nach Möglichkeit darüber hinaus, soll dem so bleiben. Eine Unabhängigkeit vom Werbemarkt garantiert auch eine inhaltliche Unabhängigkeit. Kostengünstiges Produzieren wird durch die gute Presseorganisation im Audimax ermöglicht. Fotos müssen nicht zugekauft werden, und Pressemeldungen kommen über ein internes System. Diverse GastautorInnen unterstützen die Zeitung mit Wortspenden, und Sachspenden ermöglichen einen günstigen Druck.

Das Ende der Besetzung wird nicht das Ende der Bewegung bedeuten. Die Medienlandschaft in Österreich ist karg. Aus diesen Gründen wird die «Morgen» die Besetzung überdauern. Die Gründung eines Vereines garantiert das Fortbestehen: Strukturen werden gefestigt, Ideale weiter hochgehalten. Dieses Sprachrohr kritisch denkender Studierender bietet ein Gegengewicht zu den vielen derzeit sehr lifestyle- und modelastigen jungen Medien. Stattdessen bekommen Kritik, Satire und Diskurs ihren verdienten Platz. Missstände werden aufgezeigt, Erfahrungen ausgetauscht. Und jeden Mittwoch gibt es eine neue Morgen.

http://unsereuni.at/morgen/
Kontakt: morgen.dieunibrennt@gmail.com

Dario Summer / 18.11.2009