Welche Bibelstelle gilt in Texas?

Der Todestraktseelsorger

Edwin Smith war zwei Jahre lang freiwilliger Seelsorger im Todestrakt von Texas. Da er Kontakt zu den Angehörigen der Gefangenen hatte, wurde es ihm aus "Sicherheitsgründen" nicht mehr gestattet, diese Aufgabe weiter auszuführen. Edwin Smith sieht das als Chance, sich jetzt noch mehr gegen die Todesstrafe und für die Insassen einzusetzen. Per E-Mail gab er der Wiener Anti-Todesstrafe-Aktivistin Sabine Scheibel (siehe auch Ausgabe Nr. 65) für den AUGUSTIN folgendes Interview:
Sabine Scheibel / 05.01.2001
Edwin Smith, kannst Du Dich bitte kurz vorstellen und den LeserInnen Deine Verbindung zu den Gefangenen im Todestrakt erklären?

Ich bin der Gründer der Dove Prison Ministry International. Vor kurzem habe ich eine Gruppe namens True Justice Foundation gegründet, um für eine Abschaffung der Todesstrafe in den Vereinigten Staaten zu kämpfen. Ich habe beinahe zwei Jahre im Todestrakt von Texas als freiwilliger Seelsorger gearbeitet. Dort habe ich viele Freundschaften geschlossen und persönlichen Kontakt zu den Männern gefunden, während ich sie bei ihren Zellen besucht habe.

Was bedeutet, dass Du als freiwilliger Seelsorger gearbeitet hast? Gibt es dort auch vom Staat bezahlte Priester und wie stehen diese zur Todesstrafe ?

Der Staat Texas erlaubt den Freiwilligen, die vom Staat bezahlten Priester zu unterstützen. Man muss eine Ausbildung machen, um die Regeln des Gefängnissystems zu lernen, dann wird man als freiwilliger Seelsorger zugelassen. Es gibt Freiwillige, die als Seelsorger, Lehrer oder Sozialarbeiter arbeiten. Im Gefängnis in Terrell Unit, Livingston, gibt es 15 freiwillige Seelsorger.

Es gibt auch Priester, die vom Staat bezahlt und Angestellte des Staates sind. Ich kann nicht über alle sprechen, aber die meisten angestellten Priester sind sehr wohl für die Todesstrafe. Ich denke mir, dass es auch welche gibt, die dagegen sind, aber ich kenne sie nicht.

Viele Unterstützer der Todesstrafe meinen, dass "ein Auge für ein Auge" bedeutet, dass Gott die Todesstrafe unterstützt. Was meinst Du als Priester dazu?

In der Zeit von Moses waren die Menschen an das Gesetz "ein Auge für ein Auge" gebunden. Doch Jesus selber sagte in Matthäus 5:38-42, dass wir die andere Wange hinhalten sollen, wenn uns jemand auf die eine schlägt. Ich denke mir, er wollte uns damit lehren, dass wir niemandem dieselbe Behandlung angedeihen sollen, die wir selbst erhalten haben. Wir sollten demütig genug sein, Gott urteilen zu lassen. Die Religion lehrt uns, dass wir uns selbst nicht rächen sollen, sondern dass die Rache Gott gehört und er Vergeltung üben wird. Es wird uns gesagt, dass wir Essen und Trinken mit unseren Feinden teilen und Böses mit Gutem vergelten sollen.

Die meisten Menschen in Europa wissen nichts über die Insassen in den Todestrakten von Amerika. Kann man sagen, dass die schlimmsten Mörder dort sind? Wärst Du auch dann bereit, ihr Freund und Unterstützer zu sein, wenn es keine Todesstrafe gäbe und sie "nur" im Gefängnis wären ?

Ironischerweise sind die schlimmsten Mörder Amerikas nicht jene im Todestrakt. Viele kaltblütige Mörder sind sehr klug. Sie morden und sind klug genug, nicht zum selben Zeitpunkt ein weiteres Verbrechen zu begehen. Laut dem Gesetz in Texas kann jemand nur dann die Todesstrafe erhalten, wenn sein Verbrechen bestimmte Kriterien erfüllt. Die extrem Brutalen, die aus Rache oder wegen Drogenhandels töten, wissen, wie man tötet, ohne dafür die Todesstrafe zu erhalten. Diese Mörder bekommen Strafen zwischen 20 Jahren und lebenslang. Das bedeutet aber nicht, dass es ihm Todestrakt nicht auch Männer gibt, die gewalttätig sind und niemals auf Bewährung freikommen sollten. Selbst wenn die Todesstrafe abgeschafft wird - und ich glaube daran, dass das geschehen wird - müssen wir weiterhin die Unterstützer der Insassen sein. Viele werden eine lebenslange Strafe erhalten und somit weiterhin völlig isoliert sein.

Viele Menschen sind für die Todesstrafe, weil sie der Meinung sind, dass Gefängnis keine Strafe wäre. Sie sagen, die Gefangenen haben ein schönes Leben. Sie können dreimal am Tag essen, fernsehen und sich eine gute Zeit machen. Kannst Du uns mehr über die Bedingungen in Terrell Unit, dem Todestrakt von Texas erzählen ?

Denen, die sagen, dass Gefängnisse keine Strafe sind, möchte ich sagen, dass sie falsch liegen. Viele, die ich kenne, würden lieber sterben, als ihr Leben im Gefängnis zu verbringen. In Terrell sind die Insassen für 23 Stunden am Tag in 1,80 mal 3 Meter großen Zellen untergebracht. Eine Stunde am Tag ist es ihnen erlaubt, zum Duschen und zur Bewegung ihre Zelle zu verlassen. Sie müssen diese Stunde alleine verbringen, alleine leben und alleine essen. Der Lärm im Zellblock ist überwältigend, es ist sehr schwierig zu schlafen. Tag und Nacht ist der Lärm unglaublich. In ihren Zellen gibt's nur ein kleines Fenster, und es ist so hoch, dass die meisten nicht hinaussehen können, ohne eine Kiste auf ihr Bett zu stellen und auf diese zu klettern. Das Essen ist kalt, wenn es gebracht wird. Es gibt keine Klimaanlage und keine Zentralheizung. Es ist heiß im Sommer und kalt im Winter. Die Insassen haben keinen Fernseher und es ist ihnen nicht erlaubt, sich für Gottesdienste zu treffen. Alle Aktivitäten muss man alleine machen. Die einzigen freundlichen Menschen, die man sieht, sind die BesucherInnen von außen. Wenn die Häftlinge keine Familie oder Freunde haben, die ihnen Geld schicken, können sie weder ein Radio, noch Bücher oder Schreibpapier kaufen. Das Leben in Terrell ist grausam und sehr einsam.

Wie laufen Besuche ab ? Was sind "Kontaktbesuche" und gibt es so etwas in Terrell Unit? Wie oft dürfen die Insassen ihre Familien und Freunde sehen ?

Bei einem Kontaktbesuch ist es dem Insassen erlaubt, seine Freunde oder Familienmitglieder zu berühren. Dies ist aber den Insassen des Todestraktes nicht erlaubt. Todestraktinsassen haben zu ihren Familien oder Freunden keinerlei physischen Kontakt. Keine Berührung ist erlaubt, nicht einmal eine Umarmung. Nicht einmal am Tag ihrer Hinrichtung dürfen die Gefangenen ihre Angehörigen umarmen. Es ist ihnen ein Besuch in der Woche erlaubt. Die Seelsorger dürfen zu jeder Zeit an jedem Tag kommen. Am Mittwoch ist Medien-Tag und nach Mittag sind keine Besuche mehr erlaubt, da diese Zeit für Interviews reserviert ist. Familienmitglieder oder Freunde, die von weit entfernt kommen, dürfen "spezielle Besuche" abhalten. Das bedeutet, dass sie vier statt zwei Stunden zu Besuch kommen dürfen und, wenn man es speziell arrangiert, auch einen zweiten Besuch in derselben Woche machen können. Alle Besuche müssen vom Büro des Gefängnisdirektors erlaubt werden. Das Gefängnissystem kann die Insassen jederzeit und ohne, dass es Gründe nennt, unter "Lockdown" setzen. Die Isolation ist das schlimmste, mit dem die Männer leben müssen. Kein Kontakt zu anderen Insassen und keine Möglichkeit, fernzusehen.

Was bedeutet Lockdown ?

Wenn das Gefängnis bestimmt, dass es ein Sicherheitsrisiko gäbe oder dass es Probleme gibt, können sie alle Insassen in ihren Zellen anhalten. Sie dürfen dann gar nicht mehr heraus, nur einmal alle drei Tage, um zu duschen. In dieser Zeit bestehen ihre Mahlzeiten nur aus Erdnussbutterbroten. Manchmal, das hängt von den Gründen für den Lockdown ab, werden ihre anderen Privilegien, wie das Erhalten und Versenden von Post, ebenfalls gestrichen. Ein Lockdown kann angeordnet werden, wenn Waffen gefunden werden, ein Aufstand oder ein Kampf stattgefunden hat.

Kannst Du mir etwas über das Verhalten der Wärter erzählen ? Man hört Geschichten über Wärter, die den Gefangenen drohen oder sie zusammenschlagen. Sind diese Geschichten wahr ?

Die Art, wie die Insassen von den Wärtern behandelt werden, ist sehr unterschiedlich. Manche Wärter missbrauchen die Insassen, andere behandeln sie sehr korrekt. Wie bei jeder anderen Gruppe von Menschen gibt es auch unter den Wärtern Gute und Schlechte. Ja, es gibt Beispiele von Mißbräuchen durch Wärter, denen alles egal ist. Aber es gibt auch Wärter, die die Gefangen mit Respekt und Höflichkeit behandeln. Ich persönlich habe noch keinen Missbrauch beobachten können und bin selber mit nichts anderem als Respekt behandelt worden.

Zurück zu Deiner Beschäftigung als freiwilliger Seelsorger. Wie war damals die Möglichkeit, Kontakt mit den Insassen zu haben ?

Als Seelsorger ging ich zu den Zellen. Ich stand außerhalb der Zelle, doch ich konnte die Männer durch die Gitter berühren. In Terrell sind die Zellen jetzt dicht und es gibt nur ein kleines Fenster, das mit schwerem Draht bedeckt ist. Es gibt nur eine Öffnung, die groß genug ist, um einen Finger durchzustecken, um den Finger des Insassen zu berühren.

Warst Du schon einmal Zeuge einer Hinrichtung ?

Ich war bisher noch nie Zeuge einer Hinrichtung. Einige der Männer haben mich darum gebeten dabeizusein, wenn sie eines Tages einen Termin bekommen. Wenn eine Hinrichtung angesetzt wird, ist es für jeden eine sehr stressige Zeit. Viele dieser Männer sind Christen geworden oder haben sich einer anderen Religion zugewandt und bekommen von dieser Seite Stärke. Die meisten, die ich kannte, hatten ihren Frieden gemacht und gingen still und freiwillig in die Hinrichtungskammer. Sie empfinden es als Gang nach Hause und meinen, dass sie bald frei von einem Leben voller Leid sein werden. Ich habe einigen von ihnen vor der Hinrichtung die letzten Sakramente gegeben und mit ihnen und ihren Familien gebetet.

Wir beide haben einen gemeinsamen Freund: Johnny Paul Penry. Kannst Du ein wenig mehr über diesen Mann erzählen? Was macht ihn so besonders?

Johnny Paul Penry ist für viele Menschen auf der Welt ein ganz besonderer Freund. Er hat den IQ eines siebenjährigen Kindes. Seit ich Johnny kennengelernt habe, hat er mich als Vater angenommen und seine Briefe werden mit "Dein Sohn John" unterschrieben. Johnny lacht immer viel und fragt mich immer nach seinen Freunden. Es ist für ihn sehr wichtig, Post zu bekommen und zu wissen, dass die Menschen ihn lieben. Am 16. November 2000 hätte Johnny durch die tödliche Injektion sterben sollen. Um ungefähr 15 Uhr, während wir gerade mit den Gefängnisbeamten wegen der Hinrichtung zusammengetroffen sind, genehmigte das Oberste Gericht einen Aufschub. Alle die wir als Zeugen dieser Hinrichtung gedacht waren, waren hocherfreut wegen dieses Wunders. Der Staat Texas überlegt derzeit, die Hinrichtung von geistig Behinderten per Gesetz verbieten zu lassen.

Bevor wir dieses Interview beenden: Gibt es etwas, das Du die Europäer bitten würdest, das sie tun sollen? Was können wir hier, auf dieser Seite der Welt, überhaupt machen?

Es gibt viele Sachen, die unsere Freunde in Europa tun können. Sie können Petitionen unterschreiben und Briefe schreiben, wenn eine Kampagne angelaufen ist. Eine große Hilfe ist es, ein Brieffreund zu werden und die Insassen mit persönlicher Post zu unterstützen. Für die Männer, die kein Geld haben, kann Geld gesammelt werden, damit sie die wichtigsten Dinge bekommen können. Dafür wurde in England ein Konto eröffnet. Details über dieses Konto und wie man Geld spenden kann, kann man bei mir erhalten.

Ich danke Dir dafür, daß Du Dir die Zeit für dieses Interview genommen hast.

Sabine Scheibel / 05.01.2001