Wer ist im Käfig? Wer fehlt im Käfig?

Zwischen den Gürtelfahrbahnen werden Kinder zu richtigen Männern

article_1477_guertelkaefig_180.jpg Wer benützt die so genannten Gürtelkäfige? Wer okkupiert sie? Wer fehlt in den Gürtelkäfigen? Wer möchte sie benützen, fühlt sich aber ausgeschlossen? Über einen Beobachtungszeitraum von zwei Monaten November und Dezember 2009 versuchte die Wiener Lehrerin Doris Pichler mittels eines Foto- und Text-Tagebuchs Antworten auf diese Fragen zu finden. Ein Projektbericht, nebst einer ausgewählten Tagesbuchnotiz.
Doris Pichler / 24.03.2010
Ich gehe von der Überlegung aus, dass es sich bei den Gürtelkäfigen um intersektionelle Räume handelt: Damit meine ich, dass vor allem die Überschneidung der Kategorien Geschlecht, ethnische und soziale Herkunft spezielle Situationen und Räume schafft, nämlich Orte, wo sich männliche Kinder und Jugendliche treffen bzw. zum Spielen verabreden. Viele der Jugendlichen wohnen in den Gemeindebauten entlang des Gaudenzdorfer- und Margaretengürtels. Sie leben in Wien in zweiter und dritter Generation. Ihre Eltern bzw. Großeltern waren als GastarbeiterInnen nach Österreich gekommen. BewohnerInnen mit Migrationshintergrund nennen die Gebildeteren sie heute. Ihre Familien sind in der Regel finanzschwach und «bildungsfern». Teure Freizeitangebote können selten wahrgenommen werden. Oft sind es dann auch die älteren Geschwister, hier vorwiegend die Mädchen, die in ihrer Freizeit, manchmal auch im Notfall statt Schule, auf ihre jüngeren Geschwister aufpassen müssen.

So gesehen kann der Gürtelkäfig als Migrationsraum oder als transnationaler Raum betrachtet werden. Mit der Bedeutung Migration wird der Gürtelkäfig einerseits von AußenbeobachterInnen gefüllt. Filmprojekte wie «Sneaker Stories» von Katharina Weingartner und «Gemma Gürtelkäfig» von Doris Kittler teilen diese Fokussierung.
Andererseits wird das Thema Ethnizität von den Akteuren selbst zum Thema gemacht, wenn etwa ein Fußballspieler mir seine Hobbymannschaft aus dem 15. Bezirk vorstellt und betont, dass alle aus Serbien seien. Einige tragen die Trikots der serbischen Nationalmannschaft. Die Gürtelkäfige sind so gesehen ethnisch determinierte Orte determiniert einerseits durch die Anwesenden selbst, die immer wieder ihre Herkunft ins Spiel bringen, andrerseits durch jene, die die Anwesenden wie selbstverständlich auf ihren Migrations- und Integrationsstatus reduzieren.

Der Gürtelkäfig ein Panoptikum im foucaultschen Sinn, da überschaubar, einsichtig, durchleuchtet durch die Flutlichter und daher kontrollierbar. Es ist ein ab- bzw. eingegrenzter, klar definierter Raum durch seine Befestigung und seine Geräte: Tore, Basketballkörbe, Volleyballnetz. Die Durchsichtigkeit der Konstruktion erlaubt ein Sehen und auch ein Gesehenwerden, lässt die Stahlkonstruktion gläsern und zerbrechlich scheinen, während sie gleichzeitig Stabilität und Unverwüstlichkeit signalisiert. Flutlicht ermöglicht das Spielen bei Nacht und auch die Sichtbarkeit der Spielenden.
Gürtelkäfige können somit auch als Auslagerungsorte von Aktivitäten verstanden werden, um die BewohnerInnen vor Lärm zu bewahren. Ist der Lärm nur ein Vorwand? Geht es viel mehr darum, bestimmte Personen nicht in der Nähe zu wissen bzw. zu wissen, wo sie sind?
Gürtelkäfige sind Bühnen, auf denen die Konstruktion von Männlichkeit ermöglicht wird. Die Ausdrucksform des Fußballspiels erscheint dafür am meisten geeignet zu sein. Die Spieler versetzen sich imaginär in die Rolle der von TV-Kameras umschwirrten Fußballstars. Der Käfig ist also Repräsentationsraum von sozialer und nationaler Identität, aber vorwiegend Repräsentationsraum für Männlichkeit. Die jungen Kicker im Käfig assoziiert die Mehrheitsbevölkerung durchgehend mit Migration, manchmal auch mit positivem Vorzeichen: «Hierher müssten die Fußballverantwortlichen kommen, wenn sie nach Talenten Ausschau halten!», nörgeln Freunde des Multikulturalismus. Die jungen Akteure im Käfig teilen die Illusion, im Käfig entdeckt zu werden. Vereinzelt existieren dafür ja Vorbilder.

Frauen und Mädchen halten sich nicht in den öffentlich zugänglichen Käfigen auf. Sie sind nicht am Nachmittag und auch nicht am Abend da. Sie sind nicht da, weil sie auch sonst nicht im unorganisierten öffentlichen Raum sind. Mädchen sind dann da, wenn der Raum organisiert und betreut ist und wenn sie so die Selbstverständlichkeit ballspielender Mädchen und Frauen erleben können. So gesehen sind die Gürtelkäfige auch geschlechtlich determinierte öffentliche Orte. Wahrscheinlich halten sich die Mädchen, während ihre Brüder sich im Gürtelkäfig inszenieren, in einem privaten «goldenen Käfig» auf.
Viele Mädchen spielen ebenso gerne Fußball wie die Burschen. Dazu bedarf es geeigneter Orte, nämlich Räume, wo das Fußballspiel möglich ist. Doch diese Orte sind bereits, da männlich definiert und mit Männlichkeit markiert, besetzt. Um derart vergeschlechtlichte Räume, wie im Falle der Gürtelkäfige, aufzubrechen, braucht es eigene spezielle Regelungen, wie zum Beispiel betreute Mädchenzeiten. Neben dem Betreuungsangebot sind Frauen und Mädchen als Role-Models, als Vorbilder also gefragt.

Aus dem Tagebuch

Montag, 30. 11. 2009, 15 bis 16 Uhr

Ich gehe in den beiden Ballmixstunden mit meinen 18 Mädchen (sie sind zwischen 10 und 13 Jahre jung) in den Fußballkäfig am Gaudenzdorfer Gürtel, Höhe Haydnpark. Ich sehe, dass sich ein älterer Mann im Käfig aufhält. Er wirkt etwas «eigen». Das bemerken auch die Mädchen. Er scheint betrunken zu sein, hat eine Bierdose in der Hand und geht im Käfig herum. Ein einziger Mann, noch dazu sichtlich ohne Ballspielambitionen, darf uns doch nicht vom Spielen abhalten! Ich erkläre das den Mädchen und sage, dass sie den Mann möglichst nicht beachten sollen (schließlich habe ich eine langjährige Erfahrung im Entwickeln von Strategien, um für mein Mädchenteam während der Ballmixstunden im Steinbauerpark Platz zum Trainieren zu schaffen). Einige Mädchen aus der ersten Klasse gestehen ihre Angst vor dem Mann.
Ich versuche, ihnen die Angst zu nehmen. Ein Mädchen meint, dass ich den Mann, wenn es notwendig ist, zusammenschlagen soll. Wegen dem möchte ich nicht im Gefängnis landen, erwidere ich. Eindringlich rate ich den Mädchen noch einmal, den Typen einfach zu ignorieren. Womöglich werde er dann ohnehin den Platz verlassen.
Das Aufwärmen gestaltet sich schwierig, die Aufmerksamkeit der Mädchen klebt bei dem Mann, der nicht hierher gehört. Wir beginnen zu spielen. Die Mädchen, die nicht spielen, sitzen auf einer Bank. Ich leite das Spiel und behalte den Mann, der nun entlang des Zaunes im Inneren des Käfigs auf und ab geht, im Auge. Mit zunehmender Spieldauer wird die Person den Mädchen immer mehr egal. Sie konzentrieren sich aufs Spiel. Auf einmal erscheint M., ein Mädchen, das heuer nicht mehr in die Ballmixstunden kommt. Sie steht plötzlich da, denn sie wohnt in einem Gemeindebau mit Blick auf den Gürtelkäfig. Sie hat uns entdeckt und freut sich, dass sie mitspielen kann.
Ein Mann, der mit seinem Hund unterwegs ist, schaut eine Weile zu. Bald darauf erscheinen drei oder vier junge Männer. Es ist ungewöhnlich, dass Leute stehen bleiben und zuschauen. Während die jungen Männer kurz das Spiel beobachten, verlässt der ältere Mann den Käfig. Ist es ein Zufall, dass er gerade jetzt geht, oder ist es die Präsenz der jungen Männer, die ihn zum Gehen bewegt?
Ich glaube nicht, dass es ein Zufall war. Alleine die Anwesenheit der jungen Männer muss ihn verunsichert haben. War es die Angst vor den anderen Männern? War es die Angst, von den Männern dabei ertappt worden zu sein, dass er hier fehl am Platz war, denn der Platz war in diesem Moment eindeutig ein Frauenraum? Was steckt hinter dem Wunsch der Schülerin, ich solle den älteren Mann notfalls «zusammenschlagen?» Zum einen ist sie sich sicher, dass ich dem Mann körperlich und oder kräftemäßig überlegen sei. Zum anderen vermute ich, dass sie bloß versuchte, auf diese Weise ihre Angst vor dem Mann zu minimieren.
Dass M. kam und mitspielen wollte, nachdem sie uns von ihrer Wohnung aus wahrgenommen hatte, ist wohl ein Zeichen, dass Mädchen gerne die Käfige benutzen. Doch es fehlen die Verbündeten und ein organisierter Raum, der in unserem Fall durch die Person der Lehrerin zum Freiraum wurde. Entscheidend ist für mich auch, den Mädchen zu vermitteln, dass Fußballspielen keine Männerangelegenheit sei.
Doris Pichler / 24.03.2010