Wer löscht den Brand?

Die Geschichte des Gert Hoffmann: leben und kämpfen für eine bessere Gesellschaft

Enttäuscht über den gegenwärtigen Zustand der Welt, aber immer noch zuversichtlich, dass die Zukunft dem Sozialismus gehört in diesem Wechselbad der Gefühle traf der Augustin den 91-jährigen Gert Hoffmann an. Den Sozialismus, den e r meine, könne man aber nicht mit Menschen, die so sind, wie sie jetzt sind, errichten. Gert Hoffmann ist einer der letzten überlebenden österreichischen Spanienkämpfer.
Walter Famler, Frank Preiß / 02.09.2008
Das 20. Jahrhundert ist seit kurzem Geschichte und somit Sache der Wissenschaft, die sich damit detailliert beschäftigt und Archive und Bibliotheken mit den Ergebnissen ihrer Forschungen füllt. Das Bedauerliche ist, dass gleichzeitig die Jahre, die ja gar nicht so lange zurückliegen, aus unserem aktuellen Bewusstsein in historische Ferne rücken, und wir, in die spätkapitalistische Konsumgesellschaft inmitten von historischen Erinnerungsobjekten gezwängt, vergessen, dass unsere heutigen Verhältnisse das Ergebnis der gesellschaftlichen Bewegungen des vergangenen Jahrhunderts sind.
Begegnet man dem gerade 91 Jahre alt gewordenen Gert Hoffmann, ist man solch pessimistischer Zeitdiagnose schlagartig enthoben. Geboren im vorletzten Jahr der Habsburgermonarchie, reicht sein Erinnerungsvermögen bis in die Hungerwinter der 20er-Jahre. Aufgewachsen in einer sozialdemokratisch orientierten Wiener Anwaltsfamilie, bezeichnet er die Ermordung des sozialistischen Abgeordneten Matteotti durch italienische Faschisten und den Brand des Justizpalastes 1927 als Ereignisse, die ihn bereits in der Kindheit politisch geprägt haben. Starken Einfluss auf seine politische Entwicklung übte auch sein fünf Jahre älterer Bruder Wolfgang auf ihn aus, ein kommunistischer Aktivist, der im austrofaschistischen Anhaltelager Wöllersdorf zum Berufsrevolutionär wurde und als einer der ersten österreichischen Freiwilligen als Interbrigadist für die spanische Republik kämpfte.
Gert macht seine erste Bekanntschaft mit einem Polizeikotter im Jänner 1934, als ausgerechnet er nach NSDAP-Krawallen versehentlich für einen Nazi gehalten wird. Nachdem er im Lauf der Jahre mehrmals wegen Teilnahme an illegalen Kundgebungen im Polizeikotter landet, wird er im Juni 1937 wegen Hochverrats und Aufwiegelung zu einer fünfjährigen Kerkerstrafe verurteilt und in das Zuchthaus Stein eingeliefert. Nachdem er von dort im Februar 1938 im Zuge einer von Kanzler Schuschnigg als Vorbereitung der Volksabstimmung über die Zukunft Österreichs verkündeten politischen Amnestie freikommt, nimmt er an den Demonstrationen gegen die drohende Nazigefahr teil.

Bitterer Herbst in Katalanien


Am 10. März, zwei Tage vor dem Einmarsch deutscher Truppen, gelingt ihm, dem Kommunisten aus einer emanzipierten jüdischen Familie, die Flucht in die Tschechoslowakei. Als seine Eltern mehr als ein Jahr später zunächst nach Brüssel entkommen, ist auch ihr zweiter Sohn längst an der Front in Spanien. Nach Zwischenstation in einem Emigrantenkollektiv in Brünn wird er von der kommunistischen Partei mit gefälschten Papieren via Paris nach Spanien geschleust. Nach euphorischem Empfang und einer kurzen militärischen Ausbildung erfolgt im August der Einsatz in der Ebroschlacht, danach die Demobilisierung der Internationalen Brigaden. Nach diesem bitteren Herbst ist Gert noch einmal nördlich von Barcelona an der Front. Gegen die Übermacht der faschistischen Armeen können die hungergeschwächten republikanischen Verbände nur mehr wenig Widerstand aufbieten. Im Tross mit Massen von Zivilisten erfolgt der Marsch über die Pyrenäen und in die Anhaltelager, in denen hunderttausende republikanische Soldaten unter miserabelsten Bedingungen interniert werden. Nach der Besetzung Frankreichs werden Zehntausende dieser Soldaten an Deutschland ausgeliefert.

Gert Hoffmann landet wie viele andere Kampfgenossen seiner Brigade im Februar 1939 in den mit Stacheldraht umzäunten Dünen bei St. Cyprien, wo die Internierten unter den Hieben der Garde Mobile mit bloßen Händen Unterkünfte und Feuerstellen einrichten, Brunnen schlagen und Sanitäreinrichtungen bauen. Eine Stange Brot für zehn Männer, infiziertes Wasser, Durchfall, zerfetzte Decken, die kaum Schutz gegen die kalten Februarstürme bieten. Nachdem Baumaterial im Lager eintrifft, sind es der Schriftsteller Ludwig Renn und der Österreicher Hans Hertl, die die Initiative ergreifen und die erschöpften Gefährten zum Barackenbau animieren. Den 1. Mai feiern die Brigadisten schon in ihrer in Eigeninitiative organisierten Lagerstruktur.

1945 wird er GI der US-Armee


Während der Jahre in verschiedenen Internierungslagern gelingt es Gert, sowohl seinen Vater als auch den Bruder ausfindig zu machen. Es werden die letzten Treffen sein. Während Gert nach der Besetzung Frankreichs durch deutsche Truppen mit spanischen Papieren als Landarbeiter untertaucht, kommt der Vater im berüchtigten Lager Le Vernet im Süden Frankreichs zu Tode, der Bruder wird 1942 nach Auslieferung an die Deutschen im KZ Groß-Rosen ermordet. Als Gert Ende 1944 im schon befreiten Brüssel nach seiner Mutter sucht, erfährt er, dass sie mit einem der letzten Transporte nach Auschwitz deportiert wurde.
Im Jänner 1945 wird Gert Hoffmann von der US-Army rekrutiert, nimmt als GI an der Befreiung Deutschlands teil und rüstet am 12. Mai im bayrischen Plattling ab. Erst am 12. November 1945 ist er dann wieder in Wien. Die ersten Nachkriegsjahre schlägt er sich mit verschiedenen Jobs durch, zunächst ist er als Dolmetscher und Übersetzer bei der amerikanischen Public Safety Division im Palais Auersperg tätig, danach als Disponent des Rohfilmlagers der sowjetisch verwalteten Wien-Film auf dem Rosenhügel. Den ersten Job verliert er, nachdem er am 1. Mai 1946 mit dem Demonstrationszug der KPÖ, die rote Fahne schwingend, an seinem Arbeitsplatz vorbeidefiliert, den zweiten nach Abschluss des Staatsvertrages, als die Verwaltung der Wien-Film unverzüglich alle politisch nicht opportunen Mitarbeiter entlässt. Gert wird Handelsvertreter für die Firma Koreska und verkauft deren Kohlepapier vor allem in Lateinamerika, wobei ihm dort seine hervorragenden Spanischkenntnisse besonders zugute kommen. Als ihm sein Chef 1967 den Parteiaustritt nahe legt, ist sein Verhältnis zur KPÖ schon ziemlich kritisch und die Entscheidung fürs Papier und gegen die Partei fällt einigermaßen leicht. Als der Markt für Kohlepapier mit dem Aufkommen der Kopiermaschinen einbricht, wechselt Gert noch einmal den Job, nicht aber das Metier: Er wird Handelsvertreter für amerikanische Druckmaschinen in der Sowjetunion. Als er sich mit der Herstellung von EKG-Papieren selbstständig macht, ist er fast 70 Jahre alt, erst im Vorjahr verkauft er seine Firma und geht in Pension.

Info:
Gert Hoffmanns Lebenserinnerungen Wer Löscht den Brand. Ein Bericht aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts erscheinen im März 2009 beim Dietz-Verlag/Berlin.
Walter Famler, Frank Preiß / 02.09.2008