Worüber wir reden sollten

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„Früher habe ich das oft gehabt in der Beratung. Foto vom Schimmel machen, an das Wohnungsamt schicken. Da haben die Leute wirklich innerhalb von ein paar Monaten eine neue Wohnung gehabt. Heute kannst du nicht einmal mehr ein Foto von einem Schimmel hinschicken, weil die sagen, ich habe schon 3000 Schimmelfotos da, das interessiert uns überhaupt nicht.“
Martin Schenk / 13.03.2017
So schildert eine Sozialarbeiterin die aktuelle Situation in Salzburg. Wohnen ist derzeit eines der heißesten von allen brennenden Themen. Das ergab eine Studie der Wirtschaftsuniversität Wien und der österreichischen Armutskonferenz. Warum diskutieren wir eigentlich nicht seit Monaten über z.B. leistbares Wohnen? Die Mietpreise sind in den letzten Jahren – vor allem in den Städten wie Salzburg, Innsbruck und Wien – derart in die Höhe geschossen, dass viele kaum noch leistbaren Wohnraum finden, berichten die Studienautorinnen Evelyn Dawid und Karin Heitzmann. Ein ganzes Jahr haben sie sich auf die Spuren sozialer Alltagsprobleme begeben, mit Leuten gesprochen, sich Zeit genommen und genau hingehört. Prekäre Wohnverhältnisse und versteckte Wohnungslosigkeit sind angestiegen: Manche Armutsbetroffene leben in Räumen ohne Fenster, ohne Strom, ohne Wasser. Andere teilen sich eine kleine Wohnung, was zu krassen Überbelegungen führt, und wieder andere „wandern“ von hilfsbereiten Bekannten zu Bekannten, um nicht auf der Straße schlafen zu müssen. Aus den Notunterkünften, die eigentlich für akut Wohnungslose gedacht sind, werden zunehmend Dauerwohnstätten für Personen, die keine leistbare Wohnung finden. Die hohen Wohnkosten können tief ins Privatleben eingreifen: Scheidungen von Ehen sind nicht möglich, weil sich die trennungswilligen Partner_innen in den großen Städten zwei kleine statt einer größeren Wohnung nicht leisten können. „Wir hassen uns, aber wir sind auch nicht so blöd, dass wir obdachlos werden“. Wer sich trotzdem trennt, läuft Gefahr in die Armut abzurutschen. Die Sozialinitiativen haben viele alleinerziehende Frauen in ihren Beratungsstellen, in den letzten Jahren aber auch vermehrt geschiedene unterhaltspflichtige Männer.
Die Studie verglich die Situation mit der vor 10 Jahren. Sozialorganisationen, die in der Armutsbekämpfung tätig sind, betreuen aktuell mehr Personen mit psychischen Erkrankungen als noch vor zehn Jahren. Deren Problemlagen sind tendenziell komplexer geworden. Umso mehr fällt ins Gewicht, dass die gesundheitliche Hilfe bei psychischen Beeinträchtigungen und Erkrankungen als äußerst lückenhaft beschrieben wurde: Es fehlt an leistbaren Psychotherapiemöglichkeiten, stationären Langzeittherapieplätzen, unterstützenden Maßnahmen für Familien, in denen ein Mitglied erkrankt ist, und an niederschwelligen aufsuchende Angeboten. Darüber sollten wir reden. Überhaupt niemand spricht über die Probleme rund um das Rehageld. Als schwierig gestaltet sich der Alltag von ehemaligen Bezieher_innen einer Invaliditätspension, die nach deren Abschaffung einen Wiedereinstieg ins Berufsleben versuchen sollen. Manche finden einen Job, viele pendeln aber frustriert zwischen AMS, Transitstelle und kurzen Phasen in regulärer Arbeit.
Warum diskutieren wir eigentlich nicht seit Monaten über Wohnen und Gesundheit? Warum gilt da nicht der allgemeine Lieblingssatz „Sorgen und Ängste ernst“ zu „nehmen“? Warum wird andauernd über Mindestsicherungskürzungen gesprochen, aber zu leistbarem Wohnen und Gesundheitsproblemen geschwiegen? Darüber sollten wir reden. Und was tun.

Martin Schenk / 13.03.2017