«You are the future!»

Die dubiosen Einsparungseffekte der Raiffeisen-Fusion

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Über die Fusion von Raiffeisen Bank ­International (RBI) und Raiffeisen Zentralbank (RZB) wurde in den letzten ­Wochen viel geschrieben. Über die Auswirkungen auf die Belegschaft und die Zukunft der Personalvertretung hat Martin Birkner mit Fritz ­Schiller, Betriebsratsvorsitzender bei Raiffeisen Capital Management, gesprochen.

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Martin Birkner / 27.02.2017
Könnten Sie kurz die Hintergründe der ­Fusion von RZB und RBI zusammenfassen? Ist sie auch eine Antwort auf die massiven Probleme, die Raiffeisen seit Beginn der Krise in Osteuropa hat?
Die Fusion ist einerseits eine Antwort auf die von Ihnen angesprochenen «Krisenfolgen» in osteuropäischen Ländern, andererseits hängt sie mit den sogenannten Basel-3-Vereinbarungen und den damit einhergehenden Verschärfungen der Kriterien hinsichtlich Eigenkapitalisierung zusammen, die von der Europäischen Zentralbank im Gefolge der Krise installiert wurden. Die Fusion erhöht zwar wie gefordert die Eigenkapitalquote, führt aber auch zu Rationalisier­ungen, das heißt zum Abbau von Arbeitsplätzen.
Die «neue» RBI wird jedoch im Firmensprech plötzlich nur noch als «Finanzbeteiligung mit selektiver Kooperation» definiert. Hier drängt sich sofort der Gedanke auf: Beteiligungen kann man verkaufen! Es sei nur an das negative Beispiel Bank Austria erinnert. Es herrscht Unklarheit über die Zentralisierungsstrategie. In letzter Zeit registrieren wir ein Neuerstarken einzelner Landesbanken, vor allem der Steirischen und der Oberösterreichischen. Diese Auseinandersetzung kann zu einer neuen Macht-Dezentralisierung in Richtung Landesbanken führen, welche die Zentralisierungsstrategie hintertreibt.

Mitarbeiter_innen als Verschubmasse

Was bedeutet die Fusion für die Mitarbeiter_innen?
Aktuell ist das größte Problem die geplante Auslagerung von 150 Arbeitsplätzen des Raiffeisen Service Center (RSC) von Wien nach ­Bratislava. Diese soll nicht sanft, sondern schon bis 2018 vonstattengehen. Die Mitarbeiter_innen in Wien erfuhren von den Plänen erst durch die Medien! Dementsprechend schockiert ist die Belegschaft, deren Arbeitsplätze wegrationalisiert werden. Bei der gemeinsamen Weihnachtsfeier der Mitarbeiter_innen aus Wien und ­Bratislava rief die Geschäftsführerin erfreut in Richtung der slowakischen Angestellten: «You are the ­future.» Die ohnehin unterdurchschnittlich bezahlten Wiener Stellen sollen gegen noch «billigere» in der Slowakei getauscht werden. Die paar Millionen Euro, die sich der Konzern dadurch erspart, sind aber durch die mangelnde Erfahrung und Ausbildung der jungen, neu eingestellten Mitarbeiter_innen in Bratislava möglicherweise gar kein Gewinn.
Welche Strategie verfolgen Sie als Betriebsrat?
Die Stimmung unter den Angestellten ist zwar schlecht, allerdings gibt es in letzter Zeit eine ­engere Zusammenarbeit der Betriebsrät_innen in den unterschiedlichen Konzernteilen. Wir lassen uns nicht mehr zum Spielball einzelner Konzernmanager_innen machen. Das gibt Mut für die Zukunft, wir werden aber angesichts der ­allgemeinen Situation in der Branche keine großen Sprünge machen. Es geht wohl oder übel eher darum, Verschlechterungen abzuwehren. Zumindest hier sind wir zuversichtlich, nicht zuletzt, da für die kommende Periode wieder Gewinne in Millionenhöhe erwartet werden.

Nicht mehr mitspielen

Wie sehen Sie die Perspektive kämpferischer Betriebsratspolitik in einer Branche, die international von massiven Personalkürzungen betroffen ist?
Da Österreich im internationalen Vergleich als «overbanked» gilt, werden wir, so fürchte ich, am weiteren Abbau von Arbeitsplätzen nicht vorbeikommen. Es geht also weitgehend um die ­soziale Abfederung der Kürzungen. Dafür sind ausreichend Mittel zur Verfügung zu stellen. Wir müssen uns jedenfalls gegen die bei Raiffeisen übliche Vorgehensweise wehren: Verluste und «Anpassungen an die Wettbewerbsfähigkeit» haben die Mitarbeiter_innen auszubaden, die Verursacher, die Herren Manager haben in der Regel keine Konsequenzen zu tragen. Einen Schlag auf den Kopf bekommen, sich bekreuzigen und auch noch «Danke» sagen? Da spielen wir jetzt nicht mehr mit!
Martin Birkner / 27.02.2017