Calle Cuba

Wie man in Havanna den schnellen Peso macht

article_3913_cuba_franz_indowa_180.jpg Wegen der beengten Wohnverhältnisse (siehe Augustin Nr. 428) ist in Kuba, insbesondere in Havanna, die Straße Lebensraum, Umschlagplatz für Informationen und Anbahnungsort für Geschäfte. Eine Reportage von Franz Indowa (Text und Fotos).
Franz Indowa / 14.02.2017
«Hello, where are you from?» Schon wieder. Australia, Austria. Was soll’s. Also weiter den Malecón, Havannas berühmteste Straße, entlang. Oft sitzen Einheimische auf der rund acht Kilometer langen Kaimauer, während der Straßenverkehr beständig an ihnen vorbeibraust und die Meereswellen aus dem Golf von Mexiko zuweilen bis auf die Straße klatschen. Florida ist nur 90 Seemeilen entfernt und trotzdem unerreichbar. Ein paar junge Männer sprechen unermüdlich vorbeigehende Touristinnen an – eine mögliche Fahrkarte hinaus aus La Habana, wie die Einheimischen die Stadt nennen.
Auch Roberto hat es sich wie so oft am Nachmittag auf der Hafenmauer des Malecón gemütlich gemacht. Rasch kommen wir ins Gespräch, und er erzählt aus seinem Rentnerleben: Vierzig Jahre lange habe er im Büro gearbeitet. Doch das Ergebnis seines langen Arbeitslebens sei ernüchternd: Umgerechnet zehn Euro Pension pro Monat. Immerhin muss er für seine Ein-Zimmer-Wohnung in einer dieser Bruchbuden in Havanna Vieja keine Miete bezahlen. «Ich habe seit zehn Jahren keine Milch mehr getrunken», erzählt der Pensionist: «Dabei trinke ich Milch so gerne.» Manchmal esse er auch zwei Tage lang nichts, sagt der schlanke 70-Jährige, der nur 48 Kilogramm auf die Waage bringt.
Die so genannte Libreta – gleichsam der kubanische Versuch eines bedingungslosen Grundeinkommens –, die jeder Bürgerin und jeden Bürger den Bezug von stark subventionierten Lebensmitteln ermöglicht, reicht bei Weitem nicht zum Überleben: Pro Monat stehen pro Nase rund dreieinhalb Kilo Reis, fünf Eier, ein Viertelliter Speiseöl, rund zwölf Dekagramm Kaffee und ein Drittel Kilogramm Bohnen sowie ein halbes Kilogramm Hühnerfleisch zur Verfügung. Dazu etwas Brot und Gebäck. Alles Weitere muss am freien Markt zugekauft werden.
Längst gehören private Märkte und rollende Verkaufsstände zum Stadtbild von Havanna und anderer Orte. Sie legen – neben den Bauernmärkten – die Basis für die Nahversorgung der Bevölkerung. Wenn auch zu Preisen, die für Kubaner_innen wie den Rentner Roberto kaum erschwinglich sind: So kostet ein Kilogramm Zwiebeln hier umgerechnet etwa 50 Eurocent. Immerhin gibt es in den Städten vermehrt Urban-Gardening-Projekte und überall im Land, selbst an den kaum befahrenen Autobahnen, werden von fliegenden Straßenhändler_innen Knoblauch und Zwiebeln feilgeboten.

 

«Nimm mich mit!»

Vom Malecón aus gesehen breitet sich ganz Havanna vor einem aus: das für die Tourist_innen herausgeputzte Barrio Havanna Vieja, das heruntergekommene Havanna Centro und das bürgerliche Viertel Vedado.
An einer Straßenecke in Vedado steht Lorenzo mit seinem auffälligen Verkaufsstand: Er hat den ausrangierten Servierwagen eines Flugzeuges in ein mobiles Backwarengeschäft umfunktioniert. «Den Glaskasten habe ich selbst drauf gebaut», erzählt Lorenzo. «So ist es hygienischer.» Er ist an die 50 Jahre alt und hat früher als Centendor, im Rechnungswesen, gearbeitet. Jetzt steht er von Montag bis Freitag auf der Straße und verdient hier mehr Geld als im Büro: Bis zu sieben konvertible Pesos pro Tag, was nicht ganz sieben Euro entspricht. Am Wochenende verkauft Lorenzo nicht, sondern kümmert sich um seine Familie bzw. um Nachschub für die nächste Arbeitswoche. Sein Geschäft brummt: Schon wieder bleibt jemand stehen und kauft ein Weckerl.
Überhaupt sind die Straßen Havannas das Operationsgebiet der sogenannten Jineteros. Das sind quasi Keiler, die ein paar schnelle Pesos machen möchten: die Prostituierte mit den blondgefärbten Haaren in Vedado, die jedem, der es hören und nicht hören möchte, mitten am Tag ein «lleva me» zuhaucht – nimm mich mit – vielleicht ja bis Florida.
Ein paar Straßenecken weiter fragt mich ein adrett gekleideter Rentner, ob ich ihm eine alte bolivianische Münze zum Telefonieren wechseln kann. Vielleicht die sympathischste Art, hier angepumpt zu werden.
Viele wollen Zigarren verkaufen, und dann sind da auch jene zwei Jineteros, die mich mit dem Hinweis auf ein lokales Musikfestival in eine heruntergekommene Bar locken, nur um sofort auf eine Runde Mojitos eingeladen werden zu wollen – nicht ohne ernsthaft darauf hinzuweisen, dass auch Barack Obama just in dieser Bar gewesen sei. Und hier Mojito – natürlich den besten in der Stadt – getrunken habe. Nachdem ich im Gegensatz zu Obama keinen Mojito fließen lasse, werde ich wenigstens um ein paar Pesos angeschnorrt.
Auf der Straße arbeiten auch die Taxi- und Rikschafahrer, die – Sozialismus hin, Sozialismus her – in Havanna inzwischen genauso geschäftstüchtig und damit aufdringlich sind wie die Kollegen in Jakarta, Bangkok oder sonst wo. Und wer gerade kein Taxi braucht, könnte vielleicht ein Zimmer, ein Restaurant oder Zigarren benötigen?

 

Umschlagplatz für Informationen

Zudem ist die Straße ein Umschlagplatz für Informationen: Regelmäßig treffen einander Hausverkäufer_innen und potenzielle Käufer_innen am Paseo del Prado und bieten ihre Immobilien feil. Der öffentliche Raum ist in Kuba an sich werbefrei, einzig Revolutions-Propaganda ist immer wieder zu sehen: Einfache Graffiti an Hauswänden bilden die Gesichter der Revolutionäre Ernesto Che Guevara, Fidel Castro und Camilo Cienfuegos ab oder halten Sinnsprüche der Revolution hoch: «Revolution bedeutet, das zu ändern, was geändert werden muss.» Ein riesiges Plakat auf der Calle Independencia thematisiert das US-Embargo: Der Bloqueo wäre der größte Genozid der Menschheitsgeschichte, steht da.
Sogar der Einzug des Internet, der gerade Schritt für Schritt passiert, ist auf Kuba mit der Straße verbunden: Denn während sich die Tourist_innen für rund fünf Euro pro Stunde vom kleinen Internetcafé des Hotel Plaza und von anderen 5-Sterne-Schuppen aus in virtuelle Welten begeben, surfen die Kubaner_innen an WLAN-Spots auf der Straße stehend, was stets zur Bildung von Gruppen führt.
Obdachlosigkeit gibt es im karibischen Bauernstaat an sich nicht, etwas außerhalb von Havanna, in Guanabo, habe ich dann aber doch zwei Sandler ausgemacht. Am ungepflegten Strand von Guanabo treffe ich «El Chino»: «Einer meiner Vorfahren stammt aus China», erklärt Alberto seinen Spitznamen. Er suche regelmäßig den Strand ab und hoffe auf den Fund angeschwemmter Goldmünzen aus karibischen Piratenschätzen. Ein paar Mal sei er bereits fündig geworden.

 

Kubanische Straßenzeitung: Granma

Auf Kubas Straßen gibt es sogar Zeitungsverkauf: Allerdings wird nicht eine Straßenzeitung wie der Augustin angeboten, sondern die «Granma», das offizielle staatliche Organ. Die Zeitung «Granma» ist nach jener Jacht benannt, mit der Fidel Castro mit seinen Getreuen im Jahr 1956 von Mexiko nach Kuba übersetzte, um seine Revolution gegen die Diktatur Batistas zu starten. Die Parteizeitung gibt sich weltläufig, erscheint online und in mehreren Sprachen, sogar in Englisch und Deutsch.
Ende November 2016, in den Tagen nach dem Tod von Fidel Castro, jubeln nicht nur die Auslandskubaner_innen in Miami, sondern auch die Zeitungsverkäufer_innen in Havanna: «Kuba ist Fidel» oder «Er lebt im Volk weiter» lauten die Schlagzeilen in übergroßen Buchstaben, und das Zeitungsgeschäft läuft in diesen Tagen dank Sonderausgaben über Fidel Castro gut. Auch weil die unwissenden Tourist_innen schon mal statt eines kubanischen Pesos einen konvertiblen Peso bezahlen – und damit den 25-fachen Preis! So hat sich die Revolution irgendwie doch noch gelohnt – hasta la victoria siempre.
Franz Indowa / 14.02.2017