Der Schneebergblick war Pflicht

Vom Riederberg über den Troppberg

article_3879_schneeberg_180.jpg «Nächst Wien gibt es der Zauberplätzchen so viele» – das hatte bereits in der Biedermeierzeit der Wiener Reisende Joseph Kyselak (1795–1831) erkannt, der durch das Anbringen seines Namens an markanten Plätzen ein berühmter Mann geworden ist.
Dieser Ausspruch ist auch heute noch gültig, meinen Helga (Fotos) und Werner Rauchberger (Text).
Werner Rauchberger / 17.01.2017
Ich bin selbst im Wienerwald aufgewachsen und seit Jahrzehnten, mit offenen Augen für Geheimnisvolles und kulturhistorisch Inte­ressantes, in dieser Landschaft unterwegs. Im Wienerwald wandern bedeutet, dass man auch unabhängig vom Wetter jederzeit Ausflüge unternehmen kann. Ein kleiner Rucksack, gute Schuhe und eine Wanderkarte reichen aus, um loslegen zu können. Dazu sind auch die meisten Ziele gut mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar.
Unsere Wanderung beginnt im Westen, knapp außerhalb von Wien – am Riederberg. Dieser Ausgangspunkt ist zwar geprägt vom Lärm des Straßenverkehrs, allerdings kommt man schon nach wenigen Minuten zur Tafel «Klosterruine» und begibt sich bergab in eine pittoreske Waldschlucht. Dort befindet sich ein interessantes Relikt aus dem Mittelalter – die Ruine des Klosters «Zu unserer lieben Frau und St. Laurentius im Paradeis». Die Geschichte des Klosters ist leider kurz und unheilvoll. Im Sommer des Jahres 1451 wurde das neue Kloster von Franziskanern in der Einsamkeit gegründet – das Paradies! Das war es aber nicht. Im Jahre 1509 gab´s den ersten Brand, und nach dem Wiederaufbau fiel es nur 20 Jahre später einem verheerenden Türkenüberfall zum Opfer. Kirche und Kloster brannten aus, und die Mönche wurden ins Feuer geworfen. Danach wurde kein Wiederaufbau mehr durchgeführt. Vom Paradies blieb nur eine malerische Ruine und das alte Klosterbründl – heute also ein idealer Ort für Menschen, die ausgetretene Trampfelpfade vermeiden möchten und gleichzeitig Entspannung an einem interessanten Platz suchen.

 

Milch für die Kaiserin

Gehen wir von der Klosterruine zum markierten Weg Richtung Troppberg, kommen wir auf eine wunderschöne und aussichtsreiche Wiese am Rabenstein. Hier gab es schon im 19. Jahrhundert eine Jausenstation – jetzt ist diese schon seit vielen Jahren aufgelassen, und das zerfallende Haus wird vom Gestrüpp überwuchert. Im Mai 1891 konnte man hier ein großes Ereignis feiern – Kaiserin Elisabeth ist dort auf einem ihrer Ausflüge eingekehrt und hat Milch getrunken! Eine Steinplatte mit entsprechender Aufschrift erinnert noch daran. Irgendwie erinnert dieser Platz an ein verwunschenes Dornröschen-Schloss, das auf die Wiedererweckung wartet! Im Sommer kann man sich dort an den zahlreichen Brombeeren laben und somit gestärkt den Anstieg zum Troppberg in Angriff nehmen. In weiterer Folge taucht man auch in eine der 37 ausgewiesenen Kernzonen des Biosphärenparks Wienerwald ein. Hier hat die Natur Vorrang – es gibt keine forstwirtschaftliche Nutzung, und diese Bereiche werden im Sinne des Naturschutzes sich selbst überlassen. Die Bäume hier, meistens Buchen, werden mehrere hundert Jahre alt, bis sie eines Tages – bedingt durch Insekten- und Pilzbefall – schließlich absterben oder einfach vom Wind geworfen werden. Letztendlich vermodert das Holz und gibt die gespeicherten Nährstoffe wieder in den natürlichen Kreislauf zurück. Auf diese Weise wachsen die Urwälder von morgen heran und nicht zuletzt dienen diese Kernzonen für manche Tier- und Pflanzenarten als Rückzugsgebiete. Wanderwege für die Erholungssuchenden bleiben aber nach wie vor erhalten, und so gelangen wir auf einem steilen Schlussanstieg auf den Gipfel des Troppberges auf 542 Meter. Hier befindet sich noch die erste, im Jahre 1870 aus Stein erbaute Gustav-Jäger-Warte. Daneben aber der neue Aussichtsturm, dessen Plattform – hoch über den Baumkronen – ein überragendes Panorama bietet. Die Stufen zu dieser Plattform sind aus Gitterrosten gefertigt, was Schreckhaften durchaus Herzklopfen bescheren kann. Die Überwindung zahlt sich aber in jedem Falle aus. Wenn man die Blicke schweifen lässt, umweht einen der Hauch des Hochgebirges. Speziell der Schneebergblick ist fulminant. Früher sind ja Aussichtswarten unter dem Blickwinkel gebaut worden, dass es gewährleistet sein musste, den Schneeberg zu sehen, da für die meisten Wanderer_innen dieser Gipfel unerreichbar war. Man kann sich fast nicht sattsehen – zum Beispiel sind bei guter Fernsicht Hochschwab und Totes Gebirge zu erblicken, und solcherart motiviert ist es trotzdem an der Zeit, eine Jausenstation aufzusuchen, die geöffnet hat. Ein kurzer Abstieg Richtung Irenental, und man gelangt zu einem Ort, der irgendwie außerhalb von Raum und Zeit gelegen ist. Schon die etwas vergilbte Hinweistafel «Jausn auf der Alm» macht einen neugierig. Die Erwartungshaltung wird dann noch übertroffen, wenn man an diesem abgelegenen, überaus romantischen Plätzchen einen Einkehrschwung macht und dort Getränke und ausgezeichnete Mehlspeisen konsumieren kann. Frau Fischer – eine betagte Dame hoch in den 90ern – und ihr Sohn kümmern sich großartig um ihre Gäste. Hier kann man lange verweilen und auch den Erzählungen Frau Fischers lauschen. Sie berichtet von Touristenströmen, die in früheren Zeiten die Gegend besucht haben und hier ihre Erholung gefunden haben!

 

Eis für die Fleischhauerei

Für den Rückweg in die «Zivilisation» empfehle ich die Variante über die Hochramalm nach Purkersdorf, wo sich noch eine seltene Abwechslung anbietet. Neben der Gaststätte auf der Hochramalm befindet sich nämlich ein kleiner Teich, auf dem man in der schönen Jahreszeit eine Bootsfahrt machen kann. Das künstlich angelegte Gewässer stammt aus dem vorigen Jahrhundert und diente ursprünglich als «Eisfabrik» für das nahe gelegene Wien. Die Winter waren zu dieser Zeit wesentlich kälter, und so bildete sich auf dem Teich eine dicke Eisdecke, aus der Blöcke geschnitten und an die Abnehmer in die Großstadt, wie Kühlhäuser oder Fleischhauereien, geliefert wurden. Wenn wir nach diesem letzten Höhepunkt ins Tal zum Bahnhof oder zum Bus marschieren, haben wir einen ausgefüllten Tag hinter uns – wir haben landschaftliche Höhepunkte erlebt, haben uns geschichtlich gebildet und haben Menschen getroffen, die uns in Erinnerung bleiben.

 

Der Autor ist Wanderführer beim Alpenverein. Seine Sektion Edelweiss ist Herausgeber der Broschüre «Autofrei in die Wiener Hausberge»; sie beinhaltet neben Wander-Tipps auch welche für Skitouren, Schneeschuhwandern und Klettersteige, die mit Öffis erreichbar sind. Apropos, Anreise zum Riederberg über Bhf. Hütteldorf mit dem Bus 447 oder 547 zur Haltestelle Riederberghöhe (Fahrzeit ca. 30 Minuten); Rückfahrt nach Wien vom Bhf. Purkersdorf Zentrum; reine Gehzeit der Tour etwa 4–5 Stunden, Karte: Wanderatlas Wienerwald, Verlag Freytag-Berndt & ARTARIA.

Werner Rauchberger / 17.01.2017