In der Cuartería

Kubanisch wohnen auf engstem Raum:

article_3880_cuarteria_180.jpg Der Soziologe Manfred Krenn (Text und Fotos) verbrachte das Jahr 2016 in Camagüey auf Kuba und erkundete dort für den Augustin eine spezielle Wohnform: die Cuartería.
Manfred Krenn / 17.01.2017
Es ist Sonntag, und wir sind bei der Schwester einer kubanischen Freundin zum Essen eingeladen. Es handelt sich um einen mehrgenerationalen Frauenhaushalt. Niurka wohnt mit ihrer 23-jährigen Tochter und ihrer vierjährigen Enkelin auf engstem Raum, was auf Kuba nicht ungewöhnlich ist.
Das Besondere an diesem Besuch ist, dass ich zum ersten Mal seit meiner Ankunft auf der Gran Antilla eine sogenannte Cuartería betrete. Cuartería (abgeleitet von cuarto = Zimmer) bezeichnet spezielle Wohnformen auf Kuba, in denen die mithin ärmsten Bevölkerungsteile leben. Es handelt sich in der Regel um ehemalige Hotels oder große Kolonialhäuser, deren vormalige Besitzer das Land nach der Revolution verlassen haben und die von armen, wohnungslosen Kubaner_innen in Beschlag genommen und unter sich aufgeteilt wurden.
In der Regel bedeutet(e) dies, dass der Wohnraum einer Familie auf ein, höchstens zwei Zimmer beschränkt ist, Sanitärräume werden gemeinsam genutzt. Das heißt, in den Cuarterías wohnt eine große Anzahl von Menschen auf engstem Raum zusammen, was einerseits zu erhöhten Konflikten führt, aber auch besondere Formen der Solidarität und gegenseitigen Unterstützung entstehen lässt.
Auf Kuba existieren unterschiedliche Namen für diese Wohnformen. So werden etwa als «Solar» jene Formen bezeichnet, in denen die Zimmer auf einen gemeinsamen «Patio», einen Innenhof, münden, der auch gemeinsam genutzt wird. Man findet sie in unterschiedlichen Größen (je nach Größe des Objekts), in einigen konzentrieren sich hunderte Familien bzw. Personen, in anderen jedoch auch nur fünf bis zehn. Im Zuge des Ausbaus des Tourismus auf der Insel wurden einige Hotels renoviert und wieder ihrer ursprünglichen Bestimmung zugeführt – den Bewohner_innen wurden neue Wohnungen zur Verfügung gestellt.
Niurka wohnt im ehemaligen Hotel Sevilla, einer der großen Cuarterías, die ganz in der Nähe meiner Wohnung liegt. Von außen deutet nichts darauf hin, dass hinter der Fassade des Hauses hunderte von Personen wohnen. Ich bin unzählige Male daran vorbeigekommen, ohne mir dessen bewusst zu sein. Cuarterías und Solares sind in der Regel von außen nicht als solche zu erkennen.
Wir betreten die Cuartería und tauchen sofort in einen langen, schmalen und dunklen Gang ein, von dem unzählige Türen abgehen. Viele sind (nicht zuletzt aufgrund der unerträglichen Hitze) offen. Ich fühle mich nicht wohl in meiner weißen (Yuma-)Haut. Dies ist tatsächlich noch einmal eine andere Welt. Die überwiegende Mehrheit der Bewohner_innen ist farbig. Dabei sind die Blicke, die ich ernte, keineswegs feindselig oder ablehnend, sondern spiegeln eher ungläubiges Erstaunen, einen Yuma in dieser Umgebung zu sehen, oder aber auch Gleichgültigkeit.
Es ist vielmehr das Gefühl, unaufgefordert und unvermittelt in den Intimraum von Personen bzw. von ganzen Familien einzudringen. Nicht nur ihr gesamter Wohnraum mit seinen zehn bis zwölf Quadratmetern, sondern auch ihre Armut ist meinem fremden Blick unmittelbar preisgegeben. Wobei Letzteres eher meinem eigenen Unbehagen zu entspringen scheint, denn bei den Bewohner_innen der Cuartería sind kaum Anzeichen einer diesbezüglichen Scham zu erkennen.

 

Kaffee und Caldosa

Niurka wohnt im zweiten Stock. Sie bewohnt mit ihrer Tochter und ihrer Enkelin eine, bei uns würde man sagen, Maisonette. Es handelt sich um zwei übereinanderliegende Zimmer von ca. zwölf Quadratmetern, von denen das untere als Küche und Wohnraum dient, das obere als Schlafraum. Die Kleinwohnung enthält sogar den für eine Cuartería wohl eher außergewöhnlichen Luxus eines eigenen (wenn auch winzigen) Klos mit Dusche.
Der Empfang ist herzlich, und den kleinen Raum erfüllt bereits ein köstlicher Duft nach Caldosa, jenem reichhaltigen kubanischen Suppentopf, der mit Fleischstücken, Süßkartoffeln, Kochbananen und anderen Viandas (Knollenfrüchte) zubereitet wird. Zunächst wird jedoch der bei Besuchen unvermeidliche Kaffee kredenzt, auf Kuba immer schwarz und mit viel Zucker. Außerdem muss die Caldosa noch eine Weile vor sich hin köcheln.
Niurka ist 52 und Lehrerin, ihre Tochter Krankenschwester – alle drei (inklusive der Enkelin) würde man in der überaus elaborierten, in feingliedrige Abstufungen unterteilten kubanischen Hautfarbskala eher den dunkleren Segmenten, zwischen «moreno» (dunkelbraun) und «prieto» (schwarz) zuordnen. In die Cuartería sind sie durch Wohnungskauf gelangt – das Geld aus dem Verkauf der ebenfalls kleinen Wohnung in einem abgelegenen Viertel hat zur Erfüllung des Wunsches nach einer zentraleren Wohnlage nur für dieses «Maisonetterl» in der Cuartería gereicht.
Nach dem (köstlichen) Essen drehen wir eine Runde in der Cuartería, die mir ihre außergewöhnlichen Ausmaße offenbart und nochmals in aller Deutlichkeit vor Augen führt, wie viele Personen hier auf engstem Raum zusammenwohnen. Die Runde endet auf dem (Flach-)Dach des ehemaligen Hotels Sevilla, das hauptsächlich zum Wäschetrocknen verwendet wird. Hier oben hat man nicht nur einen herrlichen Blick über die Stadt. Die Größe der Terrasse, die Weite des Blicks und die angenehm kühlende Brise erzeugen einen scharfen, aber wohligen Kontrast zur dunklen und muffigen Enge des Gebäudeinneren.
Fast könnte man für einige Augenblicke die tristen Wohnverhältnisse unter seinen Füßen vergessen, wenn nicht die erhöhte Perspektive der Dachterrasse den Blick hinter die Fassaden und damit in das Innere der gegenüberliegenden, sich in noch schlechterem Zustand befindlichen, Cuartería freigeben würde.
Nach einem weiteren Kaffee widmen wir uns kurz den eher mäßig interessanten nachmittäglichen Highlights der Televisión Cubana – der Fernseher läuft während unseres gesamten Besuchs. Wir verabschieden uns mit dem Versprechen, bald wieder einmal vorbeizuschauen.
Ich trete ins gleißende Licht der Straße, das mir die Augen verbrennt, und tauche gleichzeitig aus einer der seltsamsten Welten des kubanischen (All-)Tages wieder auf.
Manfred Krenn / 17.01.2017