Lasst uns schlafen!

Für eine Entkriminalisierung des Schlafs im öffentlichen Raum

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Österreich ist ein Entwicklungsgebiet in Sachen Schlafkultur, und ein verfassungsmäßig zugestandenes «Recht auf Schlaf» ist noch Illusion. Ein Beispiel aus Floridsdorf zeigt, wie mit Schlafenden nicht umgegangen werden sollte.

Fotos: David Schmidhofer


David Schmidhofer / 29.10.2014
In einer Gasse in einem Außenbezirk von Wien steht ein unauffälliger Lieferwagen. Es wird darin geschlafen, was niemanden außer den Schlafenden selbst betrifft. Der Schlaf hat keine Auswirkungen auf das Leben anderer. Er verschmutzt nicht die Umwelt, richtet keinen Schaden an und verursacht keine Kosten. Nicht einmal über den solcherart missbrauchten Parkplatz kann man sich ernsthaft aufregen. Ob das Auto nun mit oder ohne Schläfer dort steht, macht für den Rest der Welt keinen Unterschied.
Nicht weit von diesem Lieferwagen, am Romaplatz in Floridsdorf, steht ein weiterer Lieferwagen. Nur hat dieser zwei Fenster mit Vorhängen. Wenn es auch sonst niemandem auffallen mag, dem geschulten Blick motivierter Polizist_innen entgeht nicht, was im Inneren des Wagens vorgeht. Morgens kann man am Romaplatz immer wieder das gleiche Ritual beobachten. Polizist_innen hämmern entschlossen mit ihren großen Taschenlampen gegen mehr oder weniger getarnte Wohnmobile. Türen öffnen sich und verschlafene Gesichter schauen ängstlich heraus. Menschen, die gerade noch im friedlichsten Schlummer lagen, wird mit einem morgendlichen Adrenalinschub der Tag verdorben. Ausweise werden kontrolliert, Gesetze zitiert, Strafzettel ausgestellt. Da wird ein erheblicher Aufwand betrieben, nur damit sich jemand nicht ausschlafen kann. In der gleichen Zeit könnten sich die Polizist_innen selbst ausschlafen. Und dann könnten sich auch gleich die fünf österreichischen Steuerzahler_innen ausschlafen, die währenddessen ausschließlich dafür arbeiten, diesen Polizeieinsatz zu finanzieren. Was bringt Menschen dazu, sich über Dinge aufzuregen, die niemanden betreffen, die man nicht einmal bemerkt, nur weil sie davon wissen?

Reykjavík vs. Delhi


Wenn Sie jemals auf dem Flughafen von Reykjavík sind und zufällig ein Vulkanausbruch Ihren Abflug verzögert, dann sollten Sie Ihr Schlafbedürfnis gut im Griff haben. Denn in der Wartehalle gibt es zwar Stühle, auf denen Sie sitzen dürfen - aber nur mit geöffneten Augen. Sicherheitsleute kontrollieren regelmäßig, ob jemand eingeschlafen ist, und wecken den/die Übeltäter_in sofort auf.
Welch ein Unterschied zu «weniger entwickelten» Ländern wie Indien. Daran, dass im Zentrum von Delhi Menschen mitten auf dem Gehsteig liegen und schlafen, kann man nicht nur ablesen, dass die indische Gesellschaft verarmt und ungerecht ist. Es fällt auch auf, dass man die Menschen dort schlafen lässt. Nichts wäre für die Behörden leichter, als sie in die Slums zu jagen. In Indien herrscht wohl noch ein anderes Verständnis vom Schlaf. Die Bahnhöfe liefern den Beweis. Viele Fahrgäste nutzen die Wartezeit, um sich hinzulegen. Ganze Großfamilien breiten ihre Decken aus und schlafen auf dem Boden. Das sollte man nicht in der westlichen Welt ausprobieren. Man stelle sich vor, dass am Wiener Romaplatz Roma mit Wohnwagen auftauchen und dort nicht nur schlafen, sondern, wer weiß, womöglich noch Decken ausbreiten und unter freiem Himmel essen oder gar musizieren!
Da hat der hochmodernisierte Mensch den Mond erobert und unglaubliche Technologien erschaffen, die ihm das Leben erleichtern sollen. Er hat es damit aber nicht geschafft, sich selbst ausreichend Schlaf zuzuteilen. Indirekt wird der Schlaf immer weiter reguliert, denn Schlaf und Arbeit schließen einander aus. Bald müssen schon die Vierjährigen mit Wecker aufwachen: Der Pflichtkindergarten ruft! Er sorgt dafür, dass Mama und Papa früh aufstehen und lange arbeiten können, und bereitet die Kinder auf dasselbe Schicksal vor. Bald werden noch die Siebzigjährigen frühmorgens aus dem Bett gerissen, um, statt ihre letzten Jahre zu genießen, weiter ihren vorbestimmten Hauptlebenszweck zu erfüllen, die Arbeit. Am Arbeitsplatz zu schlafen ist in Japan üblich, bei uns wäre es ein Kündigungsgrund. Und sogar Parkbänke werden mit Metallleisten versehen, um zu verhindern, dass man darauf schläft. Schlafen ist natürlich, dennoch dürfen wir es nicht in der Natur tun. Zelte sind im öffentlichen Raum strenger verboten als Waffen. In Niederösterreich kostet das Schlafen unter freiem Himmel bis zu 5000, in der Stadt Salzburg bis zu 10.000 Euro Strafe.
Lasst uns schlafen! Hemmungslos und unkonventionell. Tun wir es, wann immer und wo immer wir wollen. Fangen wir an, über ein Drittel unseres Lebens selbst die Kontrolle zu übernehmen. (Von den anderen zwei Dritteln spreche ich erst gar nicht.) Selbstbestimmtes Schlafen sollte in den Status eines Menschenrechts gehoben werden. Seit Jahren befasst sich die Politik mit der Frage, ob leichte Drogen erlaubt werden sollen, aber eine liberale Schlafpolitik ist in keiner Partei ein Thema. Weil der Schlaf als Inbegriff der Faulheit gilt? Schlafen ist natürlich, gesund und unvermeidbar. Es gehört weitgehend entkriminalisiert.

David Schmidhofer / 29.10.2014