Vom Banker zum Trucker

40-Tonnen-Reisen mit Beethoven zur Begleitung

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Sein Beruf in der Bank machte Jean-Paul Klauser nicht mehr glücklich. Er kehrte dem Karrierekrieg den Rücken und verwirklichte seinen Traum aus Kindertagen, «große Fahrzeuge zu bewegen» und nahm früh morgens LKW-Fahrstunden, bevor er zur Arbeit bei Credit Suisse in Zürich ging. Der Neo-Trucker erzählt im Interview mit Stefan Michel auch über den Genuss von Beethoven im Fahrerhaus.

Foto: Roland Soldi


Stefan Michl / 08.11.2016
Halb sieben Uhr früh, Jean-Paul Klauser steuert sein Cabriolet in eine Parklücke auf dem Firmengelände. An seinem alten Arbeitsort wäre sein sportliches Audi-Cabriolet nicht aufgefallen. Auf dem Parkplatz der Eberhard Bau AG in Kloten hingegen sticht es heraus. Auch Klausers feine Statur und Stimme passen nicht ganz ins Bild des auf Abbruch und Aushub spezialisierten Unternehmens. Noch vor zwei Jahren arbeitete der 44-Jährige im Anzug, leitete bei einer Großbank ein Team mit 150 Mitarbeiter_innen. Heute trägt er ein gelbes T-Shirt und ist Aushilfs-Lastwagenfahrer. Unterwegs im Firmengebäude grüßt er Kolleg_innen, fragt einen, wie seine Ferien waren, und wird auch vom Disponenten freundlich begrüßt. Schnell wird klar: Der Ex-Banker ist zwar anders, aber er ist kein Außenseiter.
Aufgewachsen sei er mit klassischer Musik und Literatur, in einem musisch orientierten und akademisch geprägten Elternhaus. «Matura machen und studieren war der vorgegebene Weg», sagt er, während er einen 13 Tonnen schweren, noch leeren Lastwagen durch den Zürcher Morgenverkehr steuert. Am Konservatorium Luzern begann er ein Studium als Opernsänger, arbeitete als Taxichauffeur, Kellner und in einem Auktionshaus. Schließlich studierte er Jus. «Ohne Interesse am Fach und ohne Ambitionen», betont er. Danach stieg er bei Credit Suisse ins Personalwesen ein und erhielt bald viel Verantwortung. Klauser machte das, was man Karriere nennt.
«Meine Zeit bei der Bank war eigentlich ganz in Ordnung», sagt er rückblickend. «Ich habe viel gelernt, im Positiven wie im Negativen.» Doch nach 15 Jahren begann das Negative zu überwiegen. «Ich hatte verstanden, wie ein globales Unternehmen funktioniert, und war es leid, immer wieder die gleichen, angeblich neuen Ideen und Konzepte umzusetzen, die schon beim letzten Mal nicht funktioniert hatten», beschreibt Klauser seine Frustration. Das war die Zeit, in der er sich an seinen Bubentraum erinnerte, einmal «große Fahrzeuge zu bewegen». Noch als Bankangestellter sei er oft an Baustellen stehen geblieben und habe dem Treiben zugeschaut.

 

Ein Experiment für den Arbeitgeber

Klauser hält an einer Baugrube in Zürich. «Ich muss Aushub holen. Wo soll ich den Lastwagen hinstellen?», fragt er den Arbeiter, der ihm entgegenkommt. «Da drüben! Retour!», diktiert dieser und steigt in einen Bagger. Klauser erklärt: «Der zeigt mir jetzt mit seiner Baggerschaufel, wo er mich haben will.» Geschickt fährt er den fünfachsigen Laster rückwärts. Es ist diese Zentimeterarbeit mit dem tonnenschweren Fahrzeug, die ihn fasziniert. Plötzlich rumpelt es, und der Fünfachser schaukelt hin und her. «Ok, wir stehen richtig», kommentiert Klauser. «Einige Baggerfahrer hupen kurz oder geben ein Zeichen. Dieser hier gehört zu der Sorte, die einfach die Ladung fallen lassen, wenn ich die richtige Position erreicht habe.»
Das raue Klima auf der Baustelle störe ihn grundsätzlich nicht, aber es nerve, wenn man zusammengestaucht werde, wenn man mal drei Anläufe braucht, um einen Sattelschlepper rückwärts auf einer engen Baustelle an den richtigen Ort zu bewegen. «Wenn einer ausfällig wird, muss man eben mal im gleichen Ton dagegenhalten, auch wenn einem das gegen den Strich geht», erklärt Klauser. Jahrelang suchte er bei der Bank die cleversten und motiviertesten Mitarbeiter_innen und sorgte dafür, dass sich diese wohl fühlten, damit sie ihr Potenzial entfalten konnten. Auf der Baustelle ist für Wohlfühl-Klima kein Platz.
Lastwagen-Fahrstunden nahm Klauser, als er noch im Sold der Bank stand – um sechs Uhr morgens, damit er pünktlich im Büro war. Von seinen Ausbildern erfuhr er: Du bist nicht der Einzige. Es gebe immer mal wieder den einen Arzt oder Anwalt, der sich den gleichen Traum verwirklicht. Im Gegensatz zu den meisten anderen hat Klauser allerdings die ganze Berufsausbildung absolviert und sich eine Anstellung als Chauffeur gesucht. «Beim Vorstellungsgespräch sagte man mir, dass man mit meiner Anstellung ein Experiment eingehe», erzählt er. Eine Woche lang sei er beim Fahren begleitet worden. «Die wollten sehen, ob ich auch wirklich fahren kann. Ich bin der Firma Eberhard heute noch dankbar für die Chance.» Mit dem Umstieg von der Bank ans Lastwagensteuer änderte Klauser auch seinen Lebensstil: «Zum ersten Mal in meinem Leben stellte ich für mich ein Budget auf, notierte, wovon ich mich als Erstes trenne, sollte das Geld knapp werden.»
Seine Frau arbeitete weiter als Anwältin, zog aber mit. «Statt einer teuren Kreuzfahrt machten wir Veloferien in der Schweiz und genossen das sehr», erzählt Klauser. Kinder hat das Paar keine, diese Unabhängigkeit sieht der Ex-Banker als Privileg. «Viele meiner Kollegen von früher finden es toll, was ich mache, sagen, sie würden auch gerne weg von der Bank», schildert er. «Aber sie kommen nicht heraus aus ihrem goldenen Hamsterrad und können sich nicht vorstellen, mit weniger zu leben.» Klauser hat andere Freuden gefunden: «Es gibt nichts Schöneres als in fast drei Metern Höhe durch eine verschneite Winterlandschaft zu fahren, während sich ein Beethoven-Konzert mit dem Sound des 6-Zylinder-Motors mischt», schwärmt er. An He­rausforderungen mangelt es ihm nicht: «Mit 40 Tonnen im Nacken ist extrem vorausschauendes Fahren gefragt: Jeder Bremsvorgang will eingeteilt sein, jede Kurve berechnet, jede Steigung analysiert. Am Anfang fuhr ich mit schweißnassen Händen.»

 

Ein zweites Standbein

Heute ist er stolz, es als Banker zum Lastwagenfahrer gebracht zu haben und vollwertige Arbeit zu leisten. Als Nächstes hat Klauser 25 Tonnen Betonbrocken abzuladen, im Recycling-Werk von Eberhard. «Da muss ich rückwärts einen Hügel hinauf und bis an die Kante fahren, aber nicht darüber hinaus, sonst stürzen wir 20 Meter in die Tiefe», sagt Klauser ruhig. Ohne erkennbare Nervosität erledigt er seine Aufgabe und schaut danach auf das Display neben dem Lenkrad, wo schon der nächste Auftrag angezeigt wird.
Allerdings: Nur noch Lastwagen zu fahren, das wäre Jean-Paul Klauser dann doch zu wenig: «So langsam kenne ich alle Deponien», sagt er und schmunzelt. Deshalb baut er sich neben den Baustellentransporten ein zweites Standbein als Projektmanager auf. Aber nur in Teilzeit, damit genügend Zeit fürs Lastwagenfahren bleibt.
Stefan Michl / 08.11.2016