Vor meiner Haustür

Robert Treichler über eine kurze, aber lebenslängliche Gasse im 4. Bezirk

article_2416_wienserie_180.jpg Fuzi steht vor dem Haus Nummer 21 und sagt: «Ich bin der Weihnachtsmann!» Die Kinder sehen ihn misstrauisch an, und ein Vierjähriger hält dagegen: «Du bist der Zauberer Ziegenbart!»
Beide könnten Recht haben. Aber gegen den Zauberer Ziegenbart spricht, dass Fuzi Cowboy-Hut und -Stiefel und ein Ledergilet trägt; gegen den Weihnachtsmann, dass er jetzt die Mutter des Vierjährigen anmacht, und dass es erst Oktober ist. Und dass er Fuzi ist. Aber wer weiß, vielleicht verkürzt sich der Weihnachtsmann die Warterei zwischen Weihnachten und Weihnachten, indem er den weißen Bart länger wachsen lässt und als Ex-Jodelkönig von Wien aka Fuzi in der Schleifmühlgasse wohnt?
Robert Treichler / 07.01.2014

«Wie bist du denn hierher gekommen, Weihnachtsmann?», frage ich Fuzi, aber Fuzi hat eingesehen, dass er bei der Mutter des Vierjährigen nicht landen kann, und stakst bereits Richtung Naschmarkt. «Mit einer fliegenden Kutsche!», sagt der Vierjährige. Also doch.

 

Die Schleifmühlgasse führt von der Rechten Wienzeile bis zur Wiedner Hauptstraße und bietet Touristen auf ihren 350 Metern nicht ein einziges verlässliches Fotomotiv. Trotzdem empfiehlt die Online-Reise-Sektion der «New York Times» sie als eine der «faszinierendsten Straßen» des Viertels. Da stehen sie dann, die Reisenden, und wissen nicht, worauf sie ihre Aufmerksamkeit und ihr Objektiv richten sollen. Ist nicht ihr Fehler. Man kapiert erst nach vielen Jahren, warum man in die Schleifmühlgasse gekommen ist.
Man müsste jemanden fragen.

Freier Parkplatz führt zu freier Wohnung


Zum Beispiel Sarah. Sie kam vor sechs Jahren zum Frühstücken in den Breakfast Club auf Nr. 12-14. Damals war sie 19 und bewarb sich gerade an der Kunstakademie. Bald darauf begann sie im Breakfast Club zu kellnern. Eines Tages bat sie ein junger Mann, mal kurz einen Parkplatz freizuhalten, weil er mit seiner Freundin die Umzugskartons abtransportieren wollte. Klar, sagte sie, aus welcher Wohnung eigentlich? Am nächsten Tag unterschieb sie den Mietvertrag. Schleifmühlgasse Nr. 15. An der Kunstuni läuft es ziemlich gut, Sarah macht Installationen, so zwischen Grafik und Bildhauerei, und sie kriegt mittlerweile schon Einzelausstellungen. Ihre erste hatte sie in der Galerie Schleifmühlgasse Nr. 12-14, das ist der Eingang neben dem Breakfast Club.
In dieser Gasse kann man wohnen, Geld verdienen und Karriere machen. Der dazu vorgesehene Weg führt die ungeraden Nummern entlang über die Galerie Gabriele Senn auf 1a, die Galerie Christine König ebenfalls 1a, die Galerie Kerstin Engholm auf Nummer 3 bis zur Galerie Georg Kargl Fine Arts auf Nr. 5.
Werner trägt immer einen Hut, ist der beste Frühstückslokalbesitzer der Welt und benötigt dazu nur 38 Quadratmeter und sieben Tische plus ein Kindertischchen mit Buntstiften. Er sagt, Kinder denken nicht lange nach, so ist ihm Kunst am liebsten. An schönen Tagen können die Kinder mit Kreide auf das Trottoir zeichnen, und Werner zeichnet mit. Werner war erst Fußballer bei der Admira, später Steuerberater und immer schon autodidaktischer Künstler. Ich werde besser, sagt er. In der Auslage steht ein alter Fernseher, ein Werk des amerikanischen Neodadaisten Edward Kienholz (1927-1994). Den hat Georg Kargl als dauerhafte Leihgabe dagelassen.
Die Schleifmühlgasse ist trotz all der Galerien und der Künstler keine Kunstmeile geworden, weil, na ja, Entschuldigung, sagt Frau Erika, ich liebe Kunst, aber die alte. Frau Erika ist pensionierte Hauswartin und immer noch amtierende Saalwartin des Turnvereins auf Nr. 23. Sie ist 1975 hierher gezogen, weil ihr Mann da gewohnt hat. Am Naschmarkt gleich um die Ecke wurden zu der Zeit Vögel verkauft, Schmierseife und, als letzter Schrei, Matchbox-Autos. Nebenan im Hotel Drei Kronen gingen Huren ihrer Arbeit nach, und Frau Erikas Schwiegervater lugte mit dem Feldstecher in den Hof runter. Da stand oft Mara, eine Strichkatz' mit langen schwarzen Haaren und einem Tigermantel. Zum Aufwärmen setzten sich die Huren immer ins Café Anzengruber an der Ecke Schleifmühlgasse/Mühlgasse. Aber eines Tages war Schluss. Das lag nicht zuletzt an Ankica und Jere, einem kroatischen Ehepaar, das aus Split nach Wien übersiedelte, um das Anzengruber zu übernehmen.
Das kam so: Ankicas Vater hatte zur Zeit des Jugoslawischen Königreiches in Wien Exporthandel mit Tschechien betrieben, und zu seinen besten Freunden gehörte die Familie Schwab, die das Café Anzengruber führte. Im Zweiten Weltkrieg wurde das Gebäude von Bomben getroffen, der vordere Teil stürzte ein. Die Russen nutzten die Ruine als Pferdestall, der fehlende Stuck erinnert noch heute an die Zerstörung. Zu Kriegsende waren fast alle Mitglieder der Familie Schwab tot, und die Verbliebenen baten Ankicas Vater, das Café zu übernehmen. Als er starb, hinterließ er ein Testament, das Ankica zu seiner Nachfolgerin machte.
Das war 1974. Ankica und ihr Mann Jere warfen die Huren und die Strizzis raus und machten ein neues Anzengruber. So wie wir sind, sagt Ankica heute, 38 Jahre später. Jere ist ehrlich, überschwänglich, laut. Ankica ist still, aufmerksam, warmherzig. Das Anzengruber ist all das.

«Die Gasse lässt nicht alles mit sich machen»


In den Jahren hat Ankica etwas über die Schleifmühlgasse gelernt: In schweren Zeiten bleibst du hier nicht übrig, sagt sie, denn: Die Alteingesessenen geben dir das Gefühl, zur Familie zu gehören.
Warnung: Die Gasse lässt nicht alles mit sich machen. Das Austropop-Café an der Ecke Kühnplatz zum Beispiel ging pleite, die Schleifmühlgasse vertrug das nicht. Jetzt führt Mukhtar, der Sudanese, den sie Muki nennen, da ein billiges Gasthaus. Werner sagt, Muki ist total ok.
Die Gasse hat ihr Urteil gesprochen.
Und dann war da auch noch Dragoljub, der vor über 40 Jahren aus Serbien als Hausmeister in die Schleifmühlgasse Nr. 21 gekommen war, und der nie so richtig gut Deutsch lernte. Wenn er Papierkram zu erledigen hatte, stand er mit den Zetteln in der Hand da und sagte: «Brauche Aufenthaltsgenehmigung für Neffe!» oder «Muss machen Storno TV, ist Porno». Den Pornokanal haben wir noch gemeinsam storniert, dann ist Dragoljub gestorben. Nur die Gasse, die endet natürlich nie.


Robert Treichler, 1968 in Graz geboren, ist Leiter des Auslandsressorts des Nachrichtenmagazins «profil», Mitglied der Band «The Mauvais Garçons» und wohnt seit dem Jahr 2000 in der Schleifmühlgasse.

Robert Treichler / 07.01.2014