Arena der Anerkennungtun & lassen

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Früher hatten die Eltern zu ihren Kindern gesagt, du sollst es einmal besser haben. Jetzt sagen sie, hoffentlich hast du es nicht schlechter. Schichten, die bislang für sich und ihre Kinder nur die Perspektive des Aufstiegs kannten, sind nun plötzlich mit dem Abgrund des Abstiegs konfrontiert.

In Interviews mit männlichen angelernten Arbeitern und Facharbeitern sowie prekär beschäftigten Frauen in der Steiermark kommen all die Begleitfolgen sozialen Abstiegs zum Vorschein: soziale Disqualifizierung, verletzte Gerechtigkeitsgefühle und Ohnmachtserfahrungen. Die Männer haben Entlassungen, Wiedereinstellungen und wieder Entlassungen erlebt. Die Frauen berichten von unsicheren, schlecht bezahlten Jobs, langen Phasen der Erwerbslosigkeit und der Schwierigkeit, Beruf und Familie zu vereinbaren. Die schwierigen Arbeitsbedingungen nehmen die Männer in Kauf für soziale Sicherheit, einen bescheidenen Wohlstand und soziale Anerkennung. Die Frauen sind stolz, alles zu schaffen, ein eigenes Einkommen und auch Zeit für die Kinder zu haben.

Das Versprechen aber, dass Leistung und Arbeitseifer soziale Sicherheit und Anerkennung garantieren, ist ins Wanken geraten. Sie alle haben sozialen Abstieg erlebt: beruflichen Abstieg vom Metallarbeiter zum Straßenreiniger, Lohnverlust, erzwungene Frühpensionierung. Sie fühlen sich um das versprochene Lebenskonzept betrogen, das einen Tausch von harter Arbeit gegen bescheidenen Wohlstand und einen anerkannten sozialen Status vorgesehen hat. Die Frauen haben immer in prekären Jobs gearbeitet, aber auch immer wieder einen Job bekommen. Diese konstanten Arbeitsmarktchancen im unteren Lohnsegment sind jedoch jetzt auch im Schwinden. Wer nimmt mich mit über 50 im Gastgewerbe, es wird immer schwieriger. Ohne Murren alles gemacht zu haben, zählt plötzlich nicht mehr. Die Vereinbarung, dass Fleiß und notwendige Unterordnung in der Arbeit mit sozialer Sicherheit und Anerkennung belohnt werden, ist aufgekündigt. Ausbildung, Fleiß, Entsagungen, Treue all das schützt nicht vor Abstieg.

Das nehmen die Betroffenen als eklatanten Verstoß gegen die Fairness wahr, als eine tiefe Verletzung und Kränkung. All das löst schwere Ohnmachtsgefühle aus. Die Debatte über die Faulheit der Anderen und die gleichzeitige Anrufung der Anständigen und Tüchtigen ist hier begründet.

Wenn das Versprechen gebrochen wird, lebst du weiter“, heißt es bei Bruce Springsteen, aber es stiehlt etwas aus der Tiefe deiner Seele. Der versprochene Traum, dass alle gewinnen, wenn sie nur wollen, ist eine Lüge. Der Arbeiter in Springsteens Song schlägt sich mit Gelegenheitsarbeiten durch, einmal dort, einmal da. Ich folgte dem Traum, den die Leute am Fernsehschirm hochhalten, sagt er. Jeden Tag wird es härter, diesen Traum zu leben, an den ich glaube. Ich fühle mich, als würde ich den gebrochenen Geist aller tragen, die verloren haben.

Die soziale Disqualifizierung von hunderttausenden von Menschen wird öffentlich nicht wahrgenommen. Ihre Situation wird heruntergespielt, mit leeren politischen Parolen wie Arbeit um jeden Preis bedacht oder mit Sätzchen aus der Ratgeberprosa à la Streng dich mehr an zugedeckt. Die Ignoranz rächt sich spätestens dann, wenn in dieser Arena des Kampfes um Anerkennung, die Demagogen und Hetzer das alleinige große Wort führen.

Buchtipp: Es reicht! Für alle! Wege aus der Armut. Deuticke-Verlag.