«Das Leben ist wie eine Backerbsen Suppe»

Schreiben zwischen den Realitäten

article_3975_backerbse_180.jpg Mit Puneh Ansari hat Wien (und die Welt) eine neue Autorin, deren Facebook-Status-Updates unter dem Titel «Hoffnun’» nun als E-Book und in Print erscheinen. Ruth Weismann (Text & Foto) hat es gelesen und sich Fragen zum Genre Netzliteratur gestellt.
Ruth Weismann / 13.03.2017

Lapidar, unaufgeregt, langsam, mit wienerischem Einschlag. So klingt es, wenn Puneh Ansari liest. Das Fluc am Praterstern ist voll, das Publikum amüsiert und begeistert. Puneh Ansari liest als Erstes einen nicht ganz eine Seite langen Text über Meerschweinchenmännchen, die Meerschweinchenweibchen vergewaltigen. Und von der Rache, die sich die Schriftstellerin für sie vorstellt: eine Meerschweinchen-Folterkammer, in der sie ihnen beibringen würde, wie man sich benimmt. «Meerschweinchen sind nicht zivilisiert.»
Gelächter im Saal. Auch etwas Erstaunen.

 

Nicht niedliche Tiere

Tiergeschichten ohne jeglichen Niedlichkeitsanspruch kommen öfter vor in «Hoffnun’», dem Erstlingswerk der Wienerin mit iranischen Wurzeln – schon am Coverbild sieht man Pinguine. Tierisches Verhalten legt die Autorin gerne auf Menschen um, oder beobachtet, wie Menschen sich zu Tieren verhalten. Beide seziert sie gnadenlos in kurzen Texten, schickt sie durch schräge Welten und lässt sie in experimentellen Metaphern ertrinken. Denn zu lachen gibt es wenig, aber diese Erkenntnis präsentiert Ansari mit hintergründigem und sehr eigenständigem Humor. Der Hoffnung, dass die Welt besser wird, die sie trotz allem Pessimismus suggeriert, steht sie eigentlich neutral gegenüber, sagt sie, wenn man sie fragt. Auf Facebook und im Buch klingt das zum Beispiel so:

Das Leben ist wie eine Backerbsen Suppe
Aufgedunsene Backerbsen in einer immer lauer wer-
denden Suppe die man immer liebloser und zerstreuter
zamloeffelt ohne Maggi


Die 34-Jährige wird jetzt gerade einem breiteren Publikum bekannt, aber was sie in ihren Computer tippt, verfolgt eine kleine Fangemeinde seit sechs Jahren auf Facebook. Die Miniaturen in «Hoffnun’» sind Statusupdates, der Hinweis auf Stefanie Sargnagel liegt auf der Hand, was zuerst aber nur das Medium betrifft, sowie die Tatsache, dass sie kürzlich zusammen auf Lesetour in der Schweiz waren. Und wie Sargnagel zeichnet Ansari gerne, was auch im Buch ein bisschen zu sehen ist – zum Beispiel Enten, zu denen sie auf ihrer Facebook-Wall erklärte:

mir fehlen meine enten
ich meine sie sind auch unerwartet ok geworden für ein auftragsbild und
mir ans herz gewachsen u ich hab sie viiel zu billig verkauft :(
vielleicht sind enten zu «lieb» so auf kinderzeichnun’
vielleicht sollte ich einfach nur auf badboy wen ermorden dann zahlen dir
alle 30.000 euro und mir wärs scheissegal

 

Poesie & Wegwerfgesellschaft

Dass ihre Texte so gut ankommen, liegt unter anderem da­ran, dass sie mit Prägnanz und Einfallsreichtum unseren Alltag auseinandernehmen und neu wieder zusammensetzen, verquickt mit den großen Themen. Wenn Puneh Ansari in die Tasten haut, schaut die Welt gleich ganz anders aus – und doch seltsam vertraut.

Facebook ist das Kommunending vom 21. Jahrhundert
Alle liken alles von Allen und sharen alles mit Allen als
gäbs keine Viren kein Aids u kein Morgen.
& dann wundern sie sich dass die Geschlächtskrank-
heit SIE trifft ihr eigen fleisch & blut ihr liebstes hab &
gut ihr macbook3000
Dann kommen sie plötzlich drauf dass sie zu wenig Zeit
mit ihrer Familie verbracht haben und werden
existenziell


Facebook in seinen literarischen Möglichkeiten auszureizen scheint Ansaris Vorhaben zu sein. Immerhin handelt es sich um ein Medium, das den Alltag vieler Menschen begleitet wie die tägliche Morgensendung im Radio. Ein Leben im Flow zwischen Online- und Offline-Welt, zwischen kurzen Klick-Häppchen und wenig Aufmerksamkeitsspanne. Eine hyperflexible Angelegenheit.
Wenn zwischendurch das Auge dann auf solche locker hingeworfene Minitexte trifft, die manchmal banal sind, manchmal schräg, manchmal glühend, manchmal kühl, dann hat das Wirkung.

 

Halt dich an d1 Hoffnun’ fest

«Die Texte die auf Facebook, Blogs, Twitter und in Chats entstehen, sind episodisch. Das ist der Unterschied zu wie man sonst schreibt», sagt Nikola Richter. Sie lebt in Berlin und leitet mit mikrotext einen Verlag, der auf E-Books spezialisiert ist und hauptsächlich Texte veröffentlicht, die im Netz entstehen. Auch «Hoffnun’» ist im Programm. Wenn Richter einen Text herausgeben will, schaut sie als Erstes, ob er gut am Screen funktioniert. Dort also, wo man nicht so lange am Stück liest und Leser_innen schnell ein- und aussteigen.
Digitale Literatur gibt es in unterschiedlichen Formen. Ob es nun ein Code ist, der aus Textdatenbanken Neues generiert, wie das etwa die Gruppe «Trauma Wien» macht: Die hat Bots kreiert, um hunderte E-Books voller Texte, die aus Kommentaren unter Youtube-Videos zusammengestellt wurden, auf Amazon hochzuladen und das Unternehmen damit zu spammen. Oder Literatur, die von Software geschrieben wird. Oder eben Statusmeldungen, Postings und Chatverläufe, die zwischen Ego-Show und literarischer Durchdringung, zwischen alltäglichen Banalitäten und aktivistischen Interventionen, zwischen Social Web und gedrucktem Papier, zwischen gesprochenem Wort und glänzendem Smartphone-Screen mühelos hin- und herwechseln. Und sich dabei auch jener Formen bedienen, die beim Tippen in einer durch mündliche Rede geprägten Schreibkultur entstehen. Wie das «n’» in «Hoffnun’», das an bekannte virale Netzjargonkreationen angelehnt ist – «vong» statt «von» oder «d1» statt «dein» – aber von Puneh Ansari selbst erfunden wurde. Inzwischen verwenden es auch einige andere Facebook-Userinnen.
«In den Social Networks stehen Frage und Antwort auf derselben Ebene», sagt Nikola Richter. Es gibt eine Gleichzeitigkeit, die das Schreiben verändert. Wo dabei die alleinige Autor_innenschaft aufhört und die Kooperation beginnt, lässt sich nicht genau sagen.»

Akademikerschlampe beim AMS

Puneh Ansari reflektiert auch die problembehafteten Seiten ihres Webprojekts. «Ich weiß, dass Facebook eigentlich nicht gut ist, die ganze Überwachung. Aber ich verwende es trotzdem. Mir ist aufgefallen, dass ich total viel kritisiere und sage, der Kapitalismus ist schlimm und so. Gleichzeitig schreibe ich darüber, dass ich fernsehe, ich konsumiere Sachen, und es kommen die ganze Zeit Markennamen vor. Der ur Widerspruch!» Ansari denkt dennoch, dass es Sinn macht, diesen Widerspruch zu thematisieren, und zwar mit Selbstironie, ohne jemanden zu verurteilen. Zu zeigen, wie durchtränkt alles mit allem ist.

Ok Coca Cola zero fragt die Leute auf fb was ihr Grillfavorit ist und Leute antworten. Sie führen eine Konversation mit einem Getränk

Ihrer Verlegerin gefällt, dass Ansari unerwartete Themen anspricht. «Auf einmal geht es um Eichhörnchen, die sie im Fernsehen sah oder die Sauna in Wien. Das hakt sich rein, während andere ständig über Erdoğan, Trump und Pegida schreiben, durchbricht sie die Filterblasen durch inhaltliche Intervention. Und unser Verhalten im 21. Jahrhundert, die Wegwerfgesellschaft, Pseudokultur, die kritisiert sie sehr stark. In der Like-Kultur, in dieser ganzen Performance-Kultur, da hinterfragt sie kurz immer alles, das ist sehr intelligent und sehr wertvoll», erläutert Nikola Richter ihre Motivation, Ansaris Postings ins Verlagsprogramm aufgenommen zu haben. Sie sei bei ihrer Auswahl an Texten und Autor_innen für mikrotext an Haltung interessiert, sagt sie. Das reicht vom Sammelband «Cloudpoesie. Dichtung für die Vernetzte Gesellschaft» über «Ich bin privat hier. Eine Ukraine-Reportage» von Sebastian Christ bis zu «Mein Akku ist gleich leer. Ein Chat von der Flucht» von der deutschen Journalistin Julia Tieke und dem syrischen Geflüchteten Faiz, der jetzt auch in Schulen gelesen wird.
Viel engagierte Arbeit also, die im sogenannten Underground stöbert und von der sie ohne Nebenjob als Redakteurin nicht leben könnte. Auf der Frankfurter Buchmesse 2014 wurde Richter dafür mit dem Young Excellence Award ausgezeichnet.
Auch Puneh Ansari denkt nicht, dass sie nun vom Schreiben leben kann und die Post-Uni-Prekarität ein Ende hat, nur weil sie jetzt offiziell Schriftstellerin ist. Beim AMS ist sie immer noch gemeldet.

Kann ich fragen ob ich den Kurs oder whatever sie jetzt
für eine Überraschung für mich haben aufschieben
kann auf Oktober damit ich mein Buch fertigstellen
kann’ oder ist das absolut falsch daneben und too
much weltfremd unverschämt Akademikerschlampe
komm ich dann direkt ins Arbeitskräfteueberlassuns-
terrorbootcamp am fünften Arbeitsmarkt
wo nur die ganz unverschämten,
hartnäckigen Fälle hinkommen
was es offiziell nicht gibt so ein codewortding
mit einem suizidalen Arbeitsvertrag aus dem sie einen nur
bei guter Führung wieder entlassen wo man Schuhe
binden lernt in der ersten Woche und eine Exkursion
zu einem postkasten macht in der 2. Woche


Allerdings, für gänzlich unvermittelbar hält sie sich nicht, sie könnte sich einiges an Jobs vorstellen. Am besten solche, wo sie ein bisschen Ruhe hat, zum Beispiel in einer Bibliothek, erzählt sie. Denn zur Zufriedenheit braucht sie nicht viel, wie ihr Buch verrät:

ich will einfach nur ein funktionierendes fernsehbild
mit dazugehörigem ton, eine funktionierende dusche
und freiheit


Wir mutmaßen: Vermutlich braucht sie auch einen Computer und W-Lan.

 

Puneh Ansari: Hoffnun'
mikrotext 2017
E-Book: 5,99 Euro
Print: 14,99 Euro
Lesung: 4. April, 19 Uhr
Akademie der bildenden Künste, 1., Schillerplatz 3"


Ruth Weismann / 13.03.2017