Meine Damen und Herren, dem Grafen reicht’s!

Schauplatz Kleylehof: Das Burgenland soll einen seiner experimentierfreudigsten Kunstorte verlieren

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Österreichischer könnten die Verhältnisse nicht sein: Ein Graf, offiziell natürlich nicht mehr Graf, besitzt, vom Ende der Monarchie unberührt, einen Gutshof im Burgenland, ehemals Ungarn. Künstler_innen und Schwalben lassen sich nieder, um einen der riesigen Ställe zu ihrem Habitat zu machen. Nach zehn Jahren reicht’s dem Adel, die Kunst soll gehen. Die kurze Geschichte eines grandiosen Experiments, erzählt von Lisbeth Kovačič.

Foto: Lisbeth Kovačič

 


Lisbeth Kovačič / 09.06.2015
Der Kleylehof war ein für das nördliche Burgenland typischer Gutshof, er beherbergte neben den landwirtschaftlichen Betriebe seiner adeligen Besitzer_innen bis zu 300 Landarbeiter_innen, Handwerker_innen, eine Schule und ab 1921, als unmittelbar neben dem Hof die Grenze gezogen wurde, eine Zollwachhütte. Die letzten der ehemaligen Bewohner_innen zogen Ende der 1940er aus. Die Eigentümer_innen verloren zwar 1919 mit dem Adelsaufhebungsgesetz eigentlich ihre Adelstitel, nie jedoch – wie ungarische Adelige nach 1945 – ihre Besitztümer. So blieb der Hof, eine gewaltige landwirtschaftliche Fläche und das «Barockjuwel» Schloss Halbturn im Besitz einer erzherzöglichen Familie und seine Nutzer_innen besitzlose Bittsteller_innen.
Ein großer Teil der Gebäude ist verfallen, in zwei ehemaligen Stallgebäuden wird jedoch nun schon seit Jahrzehnten widerständig Kunst geschmiedet: In einem schafft der Bildhauer Franz Gyolcs seit den 90er Jahren mit einem prekären Mietvertrag ausgestattet nicht nur Skulpturen für gräfliche Vorgärten, sondern lädt in eine Galerie sowie in eine für Konzerte und Theateraufführungen geschaffene Freiluftarena. Durch ihn und durch das seit 36 Jahren stattfindende Freejazz-Festival «konfrontationen» der Jazzgalerie Nickelsdorf entdeckte im Jahr 2000 eine Gruppe von Musiker_innen, performativen und bildenden Künstler_innen und Handwerker_innen den «Stall 2» und ließ sich dort erstmal ohne Mietvertrag, dafür mit umso mehr Ideen und Muskelkraft nieder, um das riesige Gebäude mit gefundenen Materialien und viel Kreativität vor dem Verfall zu retten. 2005 ließ sich der eigenlich-nicht-mehr Graf zu einem zehnjährigen Mietvertrag im Austausch mit einer Dachreparatur überreden.
Seither wurden Balkone, Schaukelhäuser und Raumklaviere gebaut, Dokus und Experimentalfilme gedreht, Soundart entwickelt, immer mehr Windräder in der pannonischen Tiefebene errichtet und viele Karotten geerntet. Aber vor allem entstand ein sich immer wieder personell ergänzendes Kollektiv, für das der Unterschied zwischen Warmwasserinstallation und performativer Installation keine bedeutende Rolle spielt. Seit 2007 lädt jeden Sommer das multidisziplinäre Festival «reheat» lokale und internationale Besucher_innen zu einem Wochenende von Konzerten, Performances und Installationen.

Was die Schwalben dem Bundesminister zwitschern


Nun sind die zehn Jahre vorbei, und der eigentlich-ja-nicht-mehr Graf beschließt, er hätte doch lieber «Reitersleute» im Gebäude ... oder «Maschinen für die Bio-Landwirtschaft» ... jedenfalls: Er braucht die Hallen! Auszugstermin: 15. Oktober. Damit ist alles gesagt, er muss sich nicht mehr zu einem Gespräch herablassen. Und die hier untergestellten Flugmaschinen und Helikopter? Und der Probe- und Aufnahmeraum? Und die alten Hallen, die für Schwalben genauso wie für Experimentalmusiker_innen einen großartigen Resonanzraum bieten? Und die Karotten? Wo sollen die alle hin? Hier, an die Grenze zwischen Kunst und Leben, zwischen Dublin-Erstaufnahmestaat Ungarn und gelobtem europäischen Kernland Österreich, zwischen dem Weinbaugebiet des Seewinkels und der Agrarsteppe des Nordens, fühlen sie sich zuhause. Hier möchten sie bleiben!
Damit der nein-nicht-Graf-sondern-Diplomingenieur vielleicht doch noch hinschaut, welches einmalige Biotop in den letzten fünfzehn Jahren am Kleylehof entstanden ist, haben nun Personen aus Kultur und Politik bis hin zu Ressortleiterin der Ö1-Musik Elke Tschaikner und Bundesminister Josef Ostermayer neben lokalen Kirchenvertretern, Historikern und international erfolgreichen Künstlerinnen einen Unterstützungsbrief und Appell an den Besitzer unterschrieben.
Vom 27. 6. bis zum 19. 7. findet die Werkschau «5 jahre kleylehof13» mit Installationen, Videos und Fotos statt. Das Highlight des Rahmenprogramms sind Konzerte von Fennesz und Gustav & Band am 4. Juli Außerdem gibt es auch 2015 wie jedes Jahr ein reheat, am 22. 8. Und es wird nicht das Letzte sein, was hier passiert!

http://kleylehof.klingt.org
http://reheat.klingt.org


Lisbeth Kovačič ist bildende Künstlerin und hat mit «minor border» einen preisgekrönten Dokumentarfilm über die burgenländisch-ungarische Grenze gedreht.

Lisbeth Kovačič / 09.06.2015