Poesie mit dem ganzen Körper

Wiens erster Gebärden-Poetry-Slam

article_2287_poetryslam_180.jpg Die letzte Regel für Gebärden-Poetry-Slams, die auf dem deutschen Blog deafpoetryslam.wordpress.com nachzulesen ist, lautet «Regel 10: Alles andere wird mit gesundem Menschenverstand vom Deaf Slam Team beschlossen.» Gesunder Menschenverstand lag auch der längst fälligen Entscheidung zugrunde, endlich den ersten Deaf Slam in Wien auf die Bühne zu bringen.
Maria Gstettner / 24.07.2013

Der erste Wiener Gebärden-Poetry-Slam ist am 30. Mai im Theater Brett über die Bühne gegangen. Zu diesem historischen Ereignis kam natürlich der Kulturstadtrat mit einem Kamerateam der «Seitenblicke», die Bezirksvorsteherin brachte Journalist_innen sämtlicher Bezirkszeitungen mit. Beide hielten eine Begrüßungsrede und dankten dem Verein Grips, der diese Veranstaltung endlich auch nach Wien gebracht hatte. Nein, so war es nicht, denn Wien ist anders.

 

Der 6. Bezirk möchte gern Veranstaltungen für seine Festwochen haben, interessiert sich aber bis auf ganz wenige persönlich engagierte Politikerinnen nicht wirklich dafür. Das geht so weit, dass die Finanzierungszusage erst drei Tage vor dem Gebärden-Slam per Post eintrudelte. Davor wurde der Antrag auf Finanzierung zweimal aus bürokratischen Gründen zurückgeschmissen. Letztendlich reichte das Geld gerade für die Theatermiete und die Gebärdendolmetscher_innen, allerdings auch nur deshalb, weil die beiden hochmotiviert mitmachen wollten. Für Organisation und Moderation blieb nichts mehr übrig.

 

El Awadalla, die das Ganze organisiert hat: «Auf mich hat das den Eindruck gemacht, man wollte den Gebärden-Slam nicht, aber eine Veranstaltung für Behinderte in einem Wahljahr nicht zu finanzieren, das kommt auch nicht gut an, also zieht man das bürokratische Verfahren so in die Länge, dass am Ende eh nix herauskommen kann. Schuld wären dann aber die Veranstalterinnen. Dass mit Kraftaufwand und Dickschädel doch etwas zustande gekommen ist, naja, Pech für die Verhinderungspolitik der Sozialdummokratie.» Der erste Wiener Gebärden-Poetry-Slam füllte das Theater Brett bis auf den allerletzten Sitzplatz. Da die Gehörlosen untereinander gut vernetzt sind, genügten dazu ein paar Tage Mund- bzw. Gebärdenpropaganda.


Poetische Gebärden


Was ist überhaupt ein Poetry Slam? «Es ist ein Wettlesen um die Gunst des Publikums. Es gibt ein Zeitlimit, es werden eigene Texte vorgetragen. Es gibt eine Bewertung, aber das wollen wir nicht überbewerten. Der Wettbewerb ist dazu da, um das Publikum an die Texte zu binden, um die Bühne sexy zu machen, um für Aufmerksamkeit und Euphorie und gute Laune zu sorgen. Jeder, der schon mal zu einem Poetry Slam gegangen ist, weiß: Das funktioniert.» So erklärt Mieze Medusa, Großmeisterin der österreichischen Poetry-Slam-Szene, das Prinzip. Beim Gebärden-Slam kommt dazu, dass es eine Übersetzung geben muss - von der Gebärden- in die Lautsprache und umgekehrt, denn es gibt hörende und gehörlose Slammer_innen. Natürlich ist das Publikum genauso gemischt.

 

Erfunden wurde diese Art des Poetry-Slams in Deutschland und kam über Innsbruck nach Wien. Vier hörende Teilnehmer und drei gehörlose Teilnehmerinnen performten ihre Texte. Viele Leute im Publikum waren überrascht von der Poesie der Gebärdensprache, von den Bewegungen der Hände, von der Mimik, von der Darstellung eines Textes mit dem ganzen Körper. Gewonnen haben ex aequo der amtierende österreichische hörende Poetry-Slam-Meister Klaus Lederwasch und die Poetin Lena Schramek. Lederwasch, der schon bei vielen Poetry-Slams im In- und Ausland aufgetreten ist, sagte: «Der Gebärden-Slam ist der schönste Slam, bei dem ich je war. Der expressive Ausdruck der Gebärdenden hat ein ganz eigenes Flair. Beim nächste Mal möchte ich wieder dabei sein dürfen.»

 

Gedolmetscht haben Hanna Boesch und Andrea Rohrauer, die trotz nur einem Tag Vorbereitungszeit einen großartigen Beitrag zum Gelingen des Abends leisteten. In Innsbruck gab es zur Vorbereitung des «Deaf Slam» einen eigenen Workshop mit allen Teilnehmer_innen. Aber Wien ist eben anders.

 

Die Dolmetscherinnen übersetzten nicht nur die literarischen Texte, sondern auch die Moderation. Jimi Lend, Erfinder und Moderator des Drama-Slam war mutig genug, durch den Gebärden-Poetry-Slam zu führen. Er ließ sich dazu noch geschwind ein paar Begrüßungsgebärden beibringen - dann war das Eis gebrochen.
Etwas irritierend für die anwesenden hörenden Slammer_innen war der Applaus: Bei Poetry-Slams geht's laut zu. Es wird nicht nur geklatscht, es wird auch gerufen, gejubelt, manchmal gegrölt. Der Applaus der Gehörlosen ist ein Winken mit beiden Händen über dem Kopf. Übersetzt ungefähr: Je höher die Hände über dem Kopf gehalten und je schneller sie bewegt werden, desto lauter.

 

Der nächste Gebärden-Slam kommt ganz bestimmt, weil der erste ein Bedürfnis nach mehr gezeigt hat. 


Theater Brett: Münzwardeingasse 2, 1060 Wien
www.theaterbrett.at

Deaf Slam Tirol: http://deafslamtirol.wordpress.com

Infos und Termine im deutschsprachigen Raum: www.gebaerdenwelt.tv

 


Maria Gstettner / 24.07.2013