Mein Name sei ...

"Blaue Augen" - Geschichten aus dem Frauenhaus (1)

Stell dir vor, du begegnest deinem Traummann und landest wegen ihm im Frauenhaus. Unvorstellbar, doch tägliche Realität. Auch in Österreich.
Maria Stern / 01.07.2009
Mein Name sei Mirjana. Mir der Friede, mir die Welt.
Ich putze. In der Früh um sieben fang ich an, und am Abend um neun hör ich auf. Dazwischen ras ich zum Einkaufen, putz unser Zimmer, hol die Kinder, koch ihnen was.
Ich hab keinen Anspruch auf Sozialhilfe, weil ich arbeite, und ich muss arbeiten, um das Visum nicht zu verlieren. Egal, als Ausländerin hat man keine Privilegien. Aber dass ich so viel arbeiten muss, ist ärgerlich. Nun, als Putzfrau verdient man nicht viel, auch nicht, wenn man, wie ich, drei Bürostockwerke in einer Stunde schafft. Das kann sonst keine. Ich bin ein Genie.
Und der Arsch zahlt seit fünf Monaten keine Alimente. Für die 1000 Euro Schmerzensgeld hab ich die Exekution eingeschaltet. Weil ich nicht mehr konnte. Ich verdien 600 Euro monatlich und hab 400 Euro Fixkosten.
Darum haben sie ihn gekündigt. Jetzt ist er arbeitslos.
Hätte er besser den 8000-Euro-BMW verkauft. Allein die Ratenzahlung plus Versicherung sind monatliche 400 Euro. Das sind die Alimente. Außerdem hat der BMW nur zwei Sitze. Wo passen da die Kinder rein?
Gestern wollte ich noch die Alimente exekutieren. Arbeitslos ist er ja schon. Das Geld steht den Kindern zu. Das ist ihr Recht. Allen Kindern steht Geld zu. Ist so eine Art Menschenrecht. Eigentlich. Die Tussi vom Jugendamt hat sich nämlich bei mir entschuldigt und mir gesagt, dass man von meinem arbeitslosen Mann keine Alimente exekutieren könne, weil es zwischen Österreich und unserer Scheißheimat keine solchen Verträge gebe. Also keine Sozialhilfe und keine Alimente und keine gescheite Arbeit. Das darf mein Mann nie erfahren, sonst arbeitet er nie mehr.
Aber auch ihm fehlt das Geld. Darum will er Geld auftreiben. Schnelles Geld. Falls mir was passiert, weißt du, wo alle Papiere sind, hat er gestern am Telefon gesagt.
Ich will nicht wissen, was er macht.
Wenn ich nur eine Wohnung finden würde.
Ich brauche ein Dauervisum.
Ich muss um Rezeptgebührenbefreiung ansuchen. Der Hustensaft kostete zehn Euro.
Aber ohne Stempel vom Gericht geht gar nichts. Wozu hab ich mich scheiden lassen, wenn die mir keine Papiere schicken?
Ich brauch einen anderen Job. Von 8 bis 16 Uhr. Nicht von 7 bis 11 und von 16 bis 21 Uhr. Das ist nichts für alleinerziehende Mütter. Aber ich kriegs nicht hin, verdammt. Ich bekomme keinen anderen Scheißjob. Was glauben die überhaupt? Dass ich nicht gut genug bin zum Regaleeinräumen oder Hotelzimmerherrichten, nur weil ich Schwangerschaftsstreifen hab und Deutsch nicht perfekt in Wort und Schrift beherrsche?
Ich brauch einen anderen Job. Kann mal wer herhören, bitte?
Ich bin allein. Die Meinen sind 1000 Kilometer weg, und ich hab doch gar keine Zeit, um Freunde zu finden. Aber ich hab Kinder. Wir wohnen hier!
Und Entschuldigung, dass wir da sind, aber in dem Land, aus dem ich komme, gibt es keine Arbeit; die, die es gibt, ist noch härter als hier, dafür bekommt man noch weniger Geld.
Und die Luft ist vergiftet und die Flüsse sind es auch, und es hat sich noch niemand gefunden, die atomaren Endlager abzusichern. Den Rest haben die Bomben erledigt. In dem Land, aus dem ich komme, gibt es viele rostige Fabriken, die leer stehen und wenige Kinder. Wer sich trotzdem über eine Schwangerschaft drübertraut, treibt die Mädchen oft ab. Denn ein Menschenleben ist dort ziemlich beschissen, aber wenn du als Frau geboren wirst, dann kannst du wirklich einpacken. Na ja, wenigstens werden die Mädchen bei uns nicht am Ostersonntag in die frühlingskalten Flüsse geworfen, wie in so manchen Nachbarkulturen. Das ist doch schon was, oder?
Österreich ist besser. Da kann man wenigstens ohne Lebensgefahr über die Straße gehen, denn es gibt Verkehrsregeln, und die werden auch tatsächlich eingehalten. Und an den Schulen wird nicht gestreikt. Und Qualitätsprodukte sind hier auch billiger. Wirklich. Obwohl man in dem Land, aus dem ich komme, ein Zehntel verdient. Wenn man etwas verdient. Alles Mafia. Es ist wirklich ein Scheißland, aus dem ich komme. Ich verbiete mir, es zu vermissen. Ja, Tränen hab ich mir verboten.
Ich darf die Kinder nicht so viel allein lassen. Den ganzen Tag allein. Gott sei Dank sind wir im Frauenhaus. Hier haben sie Freunde, und die anderen Frauen lassen sie mitessen. Wer soll auf sie schauen, wenn ich eine eigene Wohnung hab?
Der Arsch muss endlich Alimente zahlen, sonst geht überhaupt nichts: keine Wohnung, keine Kinderbetreuung. Ich muss hier bald ausziehen. Ich bin schon so lange hier. Die brauchen mein Zimmer.
Mein Vater könnte auf die Kinder schauen. Er ist arbeitslos und hat Zeit. Aber er bekommt kein Visum, weil er arbeitslos ist.
Aber das Schlimmste ist, dass mein Ex die Tochter als Botengängerin benützt. Wenn ich nicht abheb, lässt er alles über sie ausrichten. Er denkt nur an sich. Sonst wüsste er, dass man einer Neunjährigen das nicht antun darf. Sie ist nur noch Haut und Knochen. Gut, ich hab mittlerweile auch Konfektionsgröße 34. Aber sie bringt trotzdem Höchstleistungen in der Schule, ist sehr, sehr beliebt, obwohl sie Ausländerin ist, sie kümmert sich um ihren kleinen Bruder, zieht ihn an, wenn ich schon weg bin, legt ihn schlafen, bevor ich komme. Nur dass er seine Geliebte, Arschloch blödes, am ersten gemeinsamen Besuchstag dabei hatte, das hat sie umgehaun. Denn sie küssten sich, während die Kinder am Spielplatz spielten, und Geld für Eis hatte er auch keines mit, das zahlte sie. Sie, die an der Scheidung schuld ist.
Der Kleine wird sowieso immer krank, wenn er seinen Vater sehen soll. Aber er ist nicht mehr so verschlossen. War ja auch ein Schock für ihn, dass er mit ansehn musste, wie sein Vater mit dem Degen auf seine Mutter losging. Der Degen ist übrigens eine Antiquität und war ein Hochzeitsgeschenk. Hurensohn, beschissener.
Gestern hab ich den Putzdienst im Frauenhaus übersehen. Hatte einfach keine Zeit, auf die Liste zu schauen. Jetzt hab ich einen Zusatzdienst bekommen und muss sieben Euro Strafe zahlen. Warum soll ich zahlen, wenn ich extra putze? Die sollen sich eine Putzfrau nehmen!

Die Banken sind das Schlimmste


Ich muss aufs Magistrat, den Kleinen in einen anderen Kindergarten ummelden. Er muss früher hin. Ich kann nicht jeden Tag eine Mitbewohnerin bitten, ihn zu bringen, nur weil ich die sauberen Banken und Sparkassen putzen muss. Die Raiffeisenkasse ist der totale Wahnsinn: vier Aufzüge. Das reinste Labyrinth. Ich hab mich verirrt, echt. Ich frag mich, warum meine Putzfirma jeden Tag andere Räume zum Putzen kriegt. Wir könnten viel besser arbeiten, wenn wir uns nicht ständig neu orientieren müssten.
Die Banken sind das Schlimmste: lauter Schnösel mit Ultraansprüchen. In den Büros der Voest sitzen coolere Typen. Gott, was haben wir geflirtet!
Herrlich wars natürlich im Möbelgeschäft. Es war ja niemand da, und die Betten dort sind um einiges bequemer als die im Frauenhaus. Das Frauenhaus hat ja auch kein Geld. Mann, wie hab ich schnell geputzt, nur um mich dann eine Stunde lang hinlegen zu können!
Wenigstens bin ich hübsch. Aber das sind ja die meisten. Wenn uns bei der Weihnachtsfeier wer gesehen hätte, er hätte nie erraten, dass all die munteren Damen in Stöckelschuhen und mit geglätteten Haaren Putzfrauen sind. Nee, nee, wir machen tatsächlich die Stadt schöner!
Ein Glück übrigens, dass ich so dünn bin. Im Ausverkauf werden die ganz kleinen Größen ja so lange runtergesetzt, bis sie tatsächlich fast für nichts zu haben sind Und das trifft sich gut, denn ich hab ja fast nichts. Aber ich trag Levis. Original. Um zehn Euro. Echt wahr.
Und tanzen kann ich auch noch. Neulich im Café hab ich sie alle an die Wand getanzt. Den Typen sind die Augen nur so rausgepurzelt. Einer wollte sofort Sex. Aber er hat mein Nein akzeptiert. Das machte ihn schon fast wieder interessant.
Ich hätte doch Sängerin werden sollen, damals, statt mit 18 zu heiraten. Wer weiß, wo ich jetzt wäre? Sicher nicht im Frauenhaus, so viel steht fest.
Nein, nein, so darf ich nicht denken. Ich liebe meine Kinder. Sie sind alles, was ich hab. Na ja, ich hab ja fast nichts. Aber sie sind gesund und gescheit und momentan ist es schwer, aber das wird schon wieder werden. Das muss werden. Es muss.

Info: Maria Stern
ist Lehrerin, Eurythmistin, Musikerin, Schriftstellerin und lebt mit ihren drei Kindern in Wien.
www.myspace.com/mariastern

Maria Stern / 01.07.2009