Fröhlich sein stört «öffentliche Ordnung»

Schottentor: Augustinverkäufer soll zwei Gesetze übertreten haben

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Nimmt man die Internet-Einträge als Maßstab, muss der gebürtige Nigerianer Osarienem Sunday zu den – im positiven Sinn– auffallendsten Augustin-Kolporteur_innen in Wien zählen. Selbst nüchterne Menschen greifen zu poetischen Metaphern, wenn sie nach ihrer Meinung zu Mister Sunday gefragt werden. Er zaubere ein Lächeln in die mürrischsten Gesichter der Alltags-Gehetzten. Der «Sonnenschein von der Schottentorpassage» muss, wie aus heiterem Himmel, eine Polizeistrafe von 200 Euro zahlen. Von ­Robert Sommer.

Foto: Carolina Frank


/ 22.11.2016

Lassen wir Osarienem Sunday selber zu Wort kommen: «Seit 2002 verkaufe ich den Augustin am Schottentor. Bis April 2016 habe ich auch nie Probleme mit der Polizei gehabt. Warum auch? Ich bringe die Leute durch die Art meiner Kolportage zum Lachen und zum Schmunzeln. Viele revanchieren sich dafür, indem sie mir Zuwendungen geben, oft weit über den Verkaufspreis der Zeitung hinaus. Googelt einmal nach meinem Namen: Sunday, Schottentor, Augustin. Ihr werdet überrascht sein, wie viele Zeitungstexte, wie viele Facebookeintragungen, wie viele Kommentare, wie viele Fotos von mir im Internet herumschweben.»
Null Übertreibung. Als einmal seine Lebensgeschichte, sie begann mit seiner Flucht aus Nigeria nach Europa, groß in der Zeitung «Biber» zu lesen war, postete ein Kunde: «Ich komme jeden Tag am Schottentor vorbei und hab mir schon immer gedacht, dass dieser Mann eigentlich ein Porträt (und noch einiges mehr) verdient hätte! Vielen Dank an die Journalistin für diesen Artikel über den Sonnenschein vom Schottentor.» Im April des heurigen Jahres setzten plötzlich die Polizeikontrollen gegen Sunday ein. Manchmal durch einen Polizisten, manchmal durch zwei; oft kommt auch eine ganze Gruppe. Sie kamen ein- bis dreimal in der Woche. «Ich musste ihnen den Pass zeigen, dann verschwanden sie wieder. Seit 2006 besitze ich übrigens einen österreichischen Pass. Ich wunderte mich über die ständigen Kontrollen, meine Kundinnen und Kunden ebenso.»
Osarienem Sunday blieb ruhig, er hatte ja nichts zu befürchten. Anfang November geschah etwas, was in ihm das Vertrauen in die österreichische Beamtenschaft zerstörte. Er bekam eine Strafverfügung folgenden Wortlautes: «Sie haben am 24. August 2016 um 17:40 Uhr in 1010 Wien, U-Bahn-Station Schottentor, bei der dortigen Straßenbahnhaltestelle unterirdisch durch das unten beschriebene Verhalten, das geeignet war, ein berechtigtes (sic!) Ärgernis zu erregen, die öffentliche Ordnung gestört. Sie haben die Zeitung Augustin aufdringlich verkauft, indem Sie Personen, die auf die Straßenbahn gewartet haben, direkt und sehr laut angesprochen und sich dabei durch die Menschenmenge gedrängt haben, sodass Fahrgäste ausweichen mussten und sich sichtlich gestört fühlten. Sie haben um 17:42 Uhr durch folgende Begehungsweise den öffentlichen Anstand verletzt: Sie haben die uniformierten Exekutivbediensteten während der Personenkontrolle mit den Worten angeschrien: Only because I’m black! ­Aggressive police! Sie haben dadurch folgende Rechtsvorschriften verletzt: 1, § 81 Sicherheitspolizeigesetz; 2. § 1 Wiener Landesicherheitsgesetz. Wegen dieser Verwaltungsübertretungen wird über Sie eine Geldstrafe von 200 Euro verhängt.»
Der Betroffene bestätigt im Augustin-Gespräch, dass er gegenüber den Amtshandelnden tatsächlich eine Rassismus-Vermutung äußerte («Because I’m black»). Er ist nicht der Einzige, der das tut. Die Antirassismus-NGO «Zara» sammelt Jahr für Jahr Zeugnisse, die beweisen: Die Polizei hat ein Rassismus-Problem. Dass man die betreffenden Beamt_innen in Schwierigkeiten bringt, gelingt allerdings kaum. Streitet der Beamte oder die Beamtin die Vorwürfe ab, wird in der Regel ihnen geglaubt. Begründung: Im Dienst dürfe nicht gelogen werden.
Mister Sunday kann sich an diesen 24. August erinnern: «Plötzlich standen sieben Uniformierte vor mir. Die Wortführerin war die einzige Frau der Gruppe. Sie verhielt sich unglaublich aggressiv, ich weiß nicht, was man ihr über mich erzählt hatte. Ich denke, dass der Einspruch unseres Rechtsanwalts die Sache erledigt (wir werden berichten. Die Red.). Natürlich werde ich diese Strafe nicht zahlen. Denn nichts stimmt, was die Beamten sagen. Seit diesem 24. August gab es übrigens keine Kontrolle mehr. Selbst der Streifenpolizist, der täglich vorbeikommt, war völlig überrascht, als ich ihm die Strafverfügung zeigte. Noch mehr überrascht sind meine Stammkundinnen und -kunden. Ich versichere ihnen: Ich werde mich von der Schottentorpassage nicht vertreiben lassen.»

 

Solidarität mit Sunday
Die Stammkundinnen und Stammkunden, die Sunday mit der Strafverfügung konfrontiert, reagieren staunend bis fassungslos. Hier eine Auswahl der Mails der letzten Tage an die Adresse des Augustin.

(1) Liebe Augustin-Redaktion, Osariemen Sunday, der den Augustin am Schottentor verkauft, hat mir erzählt, dass er wegen «Ruhestörung» von der Polizei eine Strafe in der Höhe von EUR 200 verordnet bekommen hat. Stellvertretend für viele ist mir diese Vorgehensweise nicht nachvollziehbar. Herr Sunday ist nicht nur sympathisch, freundlich und zuvorkommend, sondern zaubert jedem vorbeigehenden Passanten täglich ein morgendliches Lächeln ins Gesicht. Es wäre daher wichtig, gegen diese Strafe zu protestieren und die Fakten richtigzustellen.
Paul Schmidt, Generalsekretär Österreichische Gesellschaft für Europapolitik

(2) Sehr geehrtes Augustin Team. Mein Arbeitsweg führt mich seit Jahren durch die Passage am Schottentor, wo Herr Osariemen an vielen Tagen des Jahres den Augustin verkauft. Egal zu welcher Tages- oder Jahreszeit, Herr Osariemen verbreitet durch sein freundliches und fröhliches Wesen eine gute Stimmung unter den Passanten. Wenn man mit Herrn Osariemen spricht, ist er immer höflich, unabhängig davon, ob man einen Augustin kauft oder nicht. Es ist eine Freude, dass Menschen wie Herr Osariemen das Stadtleben Wiens bereichern.
Marlene Steinbichler

(3) Ich steige seit einigen Jahren auf meinem Weg zur und von meiner Arbeit am Schottentor um, und komme daher sehr oft an Herrn Sunday vorbei. Speziell in der Früh habe ich mich schon sehr oft über die Begegnung mit ihm gefreut: er ist einer der wenigen Menschen, die ich kenne (nein, der einzige!), der so häufig eine unglaubliche, genuine Lebensfreude ausstrahlt. Man kann beim aufmerksamen Vorbeigehen förmlich beobachten, wie es ihm gelingt, doch etliche der Passanten mit seiner positiven Ausstrahlung zu erreichen und ihren Tagesbeginn zu verschönern. Wobei die von ihm eingesetzten Mittel tatsächlich sehr einfach sind: das fröhliche Pfeifen einer Melodie, das Anpreisen des neuen Augustin mit einer selbstironischen Sprachmelodie, und das freundliche, offene Lachen. Ich habe es nie erlebt, dass er jemandem offensiv eine Zeitung aufdrängen wollte oder in irgendeiner Weise unangenehm oder offensiv aufgetreten wäre. Ich kann daher nur betonen, dass mir unverständlich ist, wie es zu dieser Beschuldigung kommen konnte, und ich hoffe, dass sich dieses Missverständnis aufklären lässt. Wien wäre definitiv besser, wenn es hier mehr Menschen wie ihn gäbe!
Claudia Nielsen


(4) Liebes Augustin Vertriebsteam, ich habe von den Anschuldigungen bezüglich eines aufdringlichen Verhaltens gehört und würde Euch gerne unterstützen, da ich mir das bei Sunday überhaupt nicht vorstellen kann und auch nie beobachtet habe. Anbei die gescannte Version eines Unterstützerbriefes, das Original übergebe ich Sunday, wenn ich ihn das nächste Mal sehe.
Sabine Springer

(5) Herr Sunday ist keinesfalls aufdringlich. Ja, er preist seine Zeitungen lautstark und fröhlich pfeifend an – wie weiland die Marktfahrer der «guten alten Zeit». Er hat immer aufmunternde Worte parat, wenn man in der Früh verschlafen aus der U-Bahn heraufkommt, und an grauen Novembertagen geht förmlich die Sonne auf, wenn man ihn pfeifen hört. Könnte ich besser singen, würde ich ein Duett mit ihm anstimmen! Einmal wollte ich die Zeitung kaufen, als er mir sagte, dass ich sie bereits hätte – und tatsächlich: Ich war über seine Ehrlichkeit höchst erfreut und habe mir ein paar Tage später die nächste Ausgabe bei ihm geholt. Ich hoffe, er bleibt noch lange am Schottentor und erfreut uns mit seinen Talenten!
Ina Mateovics

(6) Die Strafsumme ist extrem hoch und absolut ungerechtfertigt! Ich kenne diesen Mann seit Jahren, wenn auch nur vom Kaufen einer Zeitung. Wenn ich mich nicht irre, ist er über 10 Jahre lang schon als Augustin-Verkäufer tätig. Er ist immer zuvorkommend, höflich, gut gelaunt, friedlich und sehr dankbar für jegliche Unterstützung, auch nur ein freundliches Wort. Sein Verkaufsschmäh? Singen, pfeifen und manchmal ein Weihnachtsmann-Kostüm anziehen. Er hat unlängst einer gehbehinderten alte Dame geholfen, er hilft auch blinden Menschen zur Straßenbahn oder zur Rolltreppe – und ist sonst nur ein verdammt netter Kerl. Ich bin gerne bereit, für ihn auszusagen.
Stella Richter

/ 22.11.2016