Warum Wohnen nicht arm machen muss

Gemeinsam Wohnraum schaffen: Antworten aus der Geschichte des Genossenschaftswesens

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Wie leistbares Wohnen in der Vergangenheit für breite Teile der Bevölkerung umgesetzt werden konnte, zeigt das Buch «Genossenschaftliches Wohnen – Auf den Spuren des Isidor Karl Theodor Demant» von Pamela Neuwirth und Tanja Brandmayr. Die Autorinnen berichten über die historische Entwicklung von gemeinschaftlich organisierten und betriebenen Siedlungsprojekten in Österreich. Burkhard Schelischansky hat es gelesen und sich gefragt, ob wirtschaftliche Krisenzeiten nicht danach schreien, alte Konzepte auf den Plan zu rufen.

Bildunterschrift: Das einzige noch bestehende, jedoch umgebaute Haus einer Demant-Siedlung steht heute als Solitär zwischen Schnellstraße und Gleisanlagen.


Burkhard Schelischansky / 09.06.2015
Sie fungiert zunehmend als Beruhigungsmittel für all jene, die Geld besitzen und – angesichts von Lehman, Hypo und Co. – Sorge um ihr Geld auf der Bank haben. Sie ist auch mitverantwortlich für den Bauboom in Österreichs größeren Städten, trägt aber nicht zur Lebensqualität in diesen Städten bei, weil sie ein Investprodukt und somit Spekulationsobjekt ist. Inhalt feuchter Träume der Immobilienbranche, vermeintlich sicherer Hafen des Kapitals, das neue Gold der Anleger_innen und oft unbewohnt: Die Rede ist von der Anlegerwohnung.
Aber die Summe vieler Anlegerwohnungen ergibt kein Haus, bildet keine Nachbarschaft, ist keine Umgebung für das Zusammenleben. Denn ihre Eigentümer_innen leben nicht in ihren Wohnungen und haben somit keinen Bezug zu ihrem Viertel, ihrer Straße und ihrer Stadt. Ihr Interesse gilt der Rendite, und die soll möglichst hoch sein. Sie sind eben Anleger_innen und keine Bewohner_innen. Von selbst versteht sich auch, dass die Errichtung solcher Objekte anderen Maßstäben folgt, als es die qualitätsvolle architektonische und städtebauliche Gestaltung eines Lebensraumes bedarf.
Und wer nicht wahrhaben will, welche negativen Auswirkungen diese Entwicklung auch hierzulande zeitigen kann, der möge sich in seinem Spanien-Urlaub selbst davon überzeugen: Vor allem an den Küsten stehen als Folge einer Immobilienblase tausende Häuser und Wohnungen unverkauft und ungenutzt herum. Wie wir heute wissen, waren diese Wohnungen kein gutes Investment.

Kleintierzüchter für leistbaren Wohnraum


Leistbare Wohnungen sind in Österreich vor allem in den wachsenden urbanen Ballungszentren knapp geworden, und so macht das Wohnen, das eigentlich ein Grundrecht ist, arm. Besonders für die untersten Einkommensschichten ist die Wohnkostenbelastung beträchtlich (51 % des Haushalts-Nettoeinkommens bei Mieter_innen, 44 % bei Eigentümer_innen). Tendenz steigend bei sinkenden Realeinkommen. Was tun?
In ihrem Buch «Genossenschaftliches Wohnen – Auf den Spuren des Isidor Karl Theodor Demant» erzählen Pamela Neuwirth und Tanja Brandmayer, dass im Österreich der zwanziger Jahre das Wohnen ebenso teuer war wie heute, weil Wohnraum kaum zu Verfügung stand. Mit überbelegten Wohnungen ließ sich damals auch gut Geld verdienen. In der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg hatten aber breite Bevölkerungsschichten keinen Zugang zu Arbeit, damit kein Geld und in weiterer Folge keine Wohnungen und Häuser. Just in dieser Zeit großer Entbehrungen begann etwas, das aus der heutigen Sicht durchaus als große Erfolgsgeschichte des österreichischen Wohnbaus bezeichnet werden kann. In spontaner Selbsthilfe und im Eigenbau besiedelten Wohnungslose zunächst ungeordnet öffentliche Grundstücke am Stadtrand von Wien («Wildes Siedeln»). Daraus entstand sehr bald eine gut organisierte, kooperative und genossenschaftliche Siedlungsbewegung, als deren Dachverband 1922 der «Zentralverband der Kleingärtner, Siedler und Kleintierzüchter Österreichs» gegründet wurde. Getragen und geprägt wurde diese Bewegung unter anderen auch von Architekt_innen und Intellektuellen wie Adolf Loos, Josef Frank, Margarete Schütte-Lihotzky und Otto Neurath. Auch der international bekannte und noch heute die Stadt Wien prägende Gemeindewohnbau nahm in dieser Bewegung seinen Anfang, wurde aber in Folge vor allem in mehrgeschoßigen urbanen Hofbebauungen umgesetzt. Die selbst nutzenden Siedler_innen verwirklichten an den Rändern vieler Städte in Österreich mit Unterstützung der Kommunen vorwiegend eingeschoßige Kleinsiedlungen, sogenannte Randsiedlungen.

Arbeitslosengenossenschaft im Architektenwohnzimmer


Als Parallelgeschichte und Rahmen dieser historischen Entwicklung von Wohnbaugenossenschaften in Österreich dient im Buch der beiden Autorinnen die Biographie des Linzer Architekten und gebürtigen Czernowitzers Isidor Karl Theodor Demant. In Fachkreisen eher unbekannt, kommt man nicht umhin, angesichts seiner Lebensgeschichte eine gewisse Bewunderung zu entwickeln. Veranschaulicht wird sein Wille und Mut vor allem dadurch, dass er als Jude und Beamter in der Zeit des Austrofaschismus zu Hause in seinem Wohnzimmer eine gemeinnützige Kleinsiedlungsgenossenschaft für Arbeitslose gegründet hat. Diese Bemühungen mündeten im Bau der sogenannten Demantsiedlungen in Linz – in einer Zeit, in der die anhaltende Weltwirtschaftskrise dafür sorgte, dass es konjunkturbedingt kaum eine nennenswerte Bautätigkeit gab. Zweck der Genossenschaft war, «den Mitgliedern, die ausschließlich oder doch vorwiegend den minderbemittelten Bevölkerungskreisen angehören, günstige und gesunde Wohnungen zu beschaffen». So war es möglich, dass Arbeitslose durch «einfachen Eigenbau» in einer genossenschaftlichen Struktur zu einem Heim kamen.
Sicher war diese Selbsthilfe aus der damaligen Lebensrealität gewachsen, doch sollte das Aufblühen dieser Bewegung nicht ausschließlich auf die damals vorherrschende Not reduziert werden. Ausschlaggebend für den Erfolg war wohl auch die Organisationsform: unabhängig, genossenschaftlich organisiert und auf Selbstverwaltung ausgerichtet. Der im Buch viel zitierte Bauökonom Klaus Novy spricht von einer damaligen Hochblüte und heute vergessenen und verlernten Kultur der Genossenschaft.
Wohl nicht ganz zufällig erleben wir aktuell wieder einen gewissen Boom von gemeinschaftlichem, nicht gewinnorientiertem, meist in Baugruppen organisiertem Wohnbau. Mehrere Projekte sind gerade im Entstehen – in Wien in der Seestadt Aspern, habiTAT in Linz und die Kumpanei in Graz. Innerhalb «einer abstiegsgeängstigten Mittelschicht ist Wohnen ein zunehmend teures, knappes und im kleinfamiliären Zuschnitt vordefiniertes Gut geworden». In einer solchen Situation gewinnt das gemeinsame Handeln und das schützende Kollektiv oder auch einfach der Nachbar/die Nachbarin an Bedeutung. Gleichermaßen übernehmen solche Gemeinschaften oder «Commons» die Aufgaben eines erodierenden Sozialstaates.

Von der Genossenschaft zum Baukonzern


Nach der Umfärbung der Genossenschaften im Austrofaschismus und der Zusammenlegung vieler kleiner Genossenschaften zu wenigen großen in der Nazizeit wurde durch diverse Novellierungen in der Nachkriegszeit der rechtliche Rahmen für das gegenwärtige Wohnbaugenossenschaftswesen geschaffen. Dieses System hat im Wesentlichen nichts mehr mit der Idee der ursprünglichen Kleingenossenschaften zu tun. Heute werden vielerorts riesige Flächen von Wohnbaugenossenschaften entwickelt und bebaut. In der Realität handelt es sich bei diesen Genossenschaften unserer Zeit eher um staatlich geförderte Wohnbaukonzerne, die wenig mit der ursprünglichen Idee der Kleingenossenschaften gemein haben, obwohl diese sich die Gemeinnützigkeit nach wie vor auf die Fahnen heften.
Die von Architekt Demant gebaute Siedlung in Linz existiert heute nicht mehr. Die Siedlung des jüdischen Architekten musste den Hallen der «Hermann-Göring-Werke» (später VÖEST) weichen. Demants Flucht vor den Nazis verschlug ihn über Umwege nach Zypern, wo er in den 1950ern für sich ein einfaches Haus baute. Dieses Haus wurde im türkisch-griechischen Krieg in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts nach seinem Tod ebenfalls zerstört. Viel ist also nicht geblieben vom architektonischen Werk des Isidor Karl Theodor Demant. Mit dem vorliegenden Buch bleibt seine Geschichte aber erhalten und damit auch das Wissen über den Aufbau und das Wirken von genossenschaftlich entwickelten Projekten in Zeiten einer Wirtschaftskrise. Insofern sei dieses Buch jedem empfohlen, der sich über den Wohnbau und das Zusammenleben in unserer Gesellschaft Gedanken macht. In den 1920er-Jahren wurde diesbezüglich Beachtliches geleistet. Es ist nicht zu spät, daran anzuknüpfen.




Info:
Pamela Neuwirth & Tanja Brandmayr:
Genossenschaftliches Wohnen. Auf den Spuren des Isidor Karl Theodor Demant
Promedia 2015, 220 Seiten, 25 Euro

Burkhard Schelischansky ist selbständiger Architekt in Graz und betreibt gemeinsam mit anderen das Architekturbüro SuedOst


Burkhard Schelischansky / 09.06.2015