Willkommen in Österreich! Ihr Mindestlohn beträgt 6 Euro die Stunde

Organisierung in der Landarbeit

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Im nordburgenländischen Seewinkel reifen gerade die Gurken und Tomaten unter Molochen von Glashäusern heran. Wer bei Supermarktgemüse an einen bäuerlichen Vorgarten denkt, sollte sich einen Ausflug in diese schwer beeindruckende Industrielandschaft gönnen. Es ist nicht gesagt, dass einem dabei nicht der Appetit vergeht; aber wenigstens kommt man am gut gedüngten Boden der Tatsachen an.

Foto: Lisa Bolyos


Lisa Bolyos / 04.08.2015
«Üdvözlünk Ausztriában, willkommen in Österreich. Der Mindestlohn in der Erntehilfe beträgt zumindest 6 Euro in der Stunde.» Diese Plakate hängen seit Beginn der diesjährigen Gemüseernte an den Einfahrtsstraßen von Ungarn, der Slowakei und Slowenien nach Österreich. Unter der angegebenen Telefonnummer kann man mehrsprachige, anonyme Beratung zu arbeitsrechtlichen Fragen in der landwirtschaftlichen Saisonarbeit und Erntehilfe bekommen. Eine Kampagne der Produktionsgewerkschaft gemeinsam mit verschiedenen migrations- und agrarpolitischen Gruppen will damit nicht nur die Erntehelfer_innen über ihre Rechte aufklären, sondern auch den landwirtschaftlichen Betrieben den ganz unsubtilen Hinweis geben: Den Lohndruck betreibt ihr und eure Abnehmer_innen, nicht die «billigen Arbeitskräfte aus dem Osten». Auf der deutschsprachigen Version steht daher auch statt «Willkommen in Österreich» ein knappes: «Lohndumping ist strafbar».
Mehrere Fälle von massiver Arbeitsrechtsverletzung in der Landwirtschaft wurden in den letzten Jahren vorm Arbeitsgericht ausgetragen – am bekanntesten wurde der Tiroler «Schotthof», auf dem 60 Arbeiter_innen die Arbeit niederlegten. Klassischerweise werden Arbeiter_innen für weniger Stunden angemeldet, als sie arbeiten, Überstunden nicht ausbezahlt, ganze Löhne vorenthalten oder völlig inadäquate Unterkünfte geboten. Von einsichtig bis gewalttätig ist dann auch die Bandbreite der Reaktion jener Landwirt_innen, die sich mit Vorwürfen konfrontiert sehen. Die Herausforderung für die Traditionsgewerkschaften besteht darin, aufsuchende Gewerkschaftsarbeit in anderen Sprachen als Deutsch zu machen.
Und auch am Plakattext muss noch ein bisschen gefeilt werden. Manche Anrufer_innen missverstehen ihn als Werbetext einer landwirtschaftlichen Jobagentur, erzählt eine (mehrsprachige) Gewerkschafterin in Eisenstadt.


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Lisa Bolyos / 04.08.2015