Abenteurer, Ethnograph, Pferdenarr

Werner Finke (1942–2002) arbeitete wenig am Schreibtisch

article_3562_tuerkei_180.jpg Werner Finke war ein österreichischer Ethnologe, der über drei Jahrzehnte in der Türkei geforscht hat. Er war ein «Praktiker», ein Vertreter der angewandten Ethnologie und vor allem interessiert an materieller und visueller Kultur. Er hat für das Museum für Völkerkunde (heute «Weltmuseum Wien») eine Sammlung mit über 1000 Objekten erstellt, sie ist die größte europäische Museumssammlung von Ethnographica aus dem Südosten der Türkei.
Maria Six-Hohenbalken , Mehmet Emir / 11.05.2016
Finkes besonderer Beitrag zur Erforschung der kurdischen Gesellschaft war, dass er es seit 1967 fast jährlich bewältigte, in den Südosten der Türkei zu reisen, selbst in politisch brisanten Zeiten, um die Dokumentation materieller Kultur sowie audiovisuelle Dokumentationen zu erweitern. Ihm war vor allem an dieser Sammlungs- und Dokumentationsarbeit gelegen, wie auch regelmäßig «im Feld» zu sein und meist zwei Monate im Jahr in die kurdischen Gebiete in der Türkei zu reisen.
Die Schreibtischarbeit hingegen war ihm nicht so gelegen, er hat seine mannigfaltigen Forschungen kaum publiziert und auch sein Studium nie abgeschlossen. Im Brotberuf war er Reitlehrer. Die Liebe zu den Pferden und zur Natur spiegelt sich auch in seinen Forschungen wider. Besonderes Augenmerk legte er auf jene Gesellschaften, die eine Weidewirtschaft betrieben, wobei meist ganze Familien im Sommer mit dem gesamten Hausrat auf die «zozan» (Hochalm) zogen und dort ihre schwarzen Zelte aufschlugen. In den heißen Regionen im Südosten der Türkei boten nur die hochgelegenen Weiden genug Futter für die Schaf- und Ziegenherden und für die Pferde.
Werner Finke zog mit den Kurd_innen mit oder folgte ihnen auf ihren Wanderwegen. Die Menschen vertrauten ihm, er war wie ein Einheimischer unterwegs und daher unauffällig. So konnte er in Gebiete reisen, die für ausländische Reisende aufgrund der politischen Situation kaum zugänglich waren. Werner Finke ist 2002 nach einem Verkehrsunfall verstorben. Seine Schwester Frau Widhalm hat das umfassende Foto-, Ton- und Filmmaterial dem Institut für Sozialanthropologie (ISA) der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) übergeben. Es umfasst etwa 30.000 Fotos, an die hundert Super8- und 16mm-Filme und Tonmaterial über das ländliche Leben, das Handwerk und die Musik der Region. Geplant sind Buchpublikationen und Musikdokumentationen wie auch ein freier Onlinezugang zum Bildmaterial. Damit soll den Menschen aus den Regionen, in denen Werner Finke gearbeitet hat, diese umfassende Dokumentation ihrer Kultur wieder «zurückgegeben» werden.
Maria Six-Hohenbalken & Mehmet Emir

Info:
Das Autor_innen-Duo arbeitet am ISA am Nachlass von Werner Finke.

Maria Six-Hohenbalken , Mehmet Emir / 11.05.2016