«Außereuropäische Bevölkerungsgruppen»

Feldforschungen auf der Arabischen Halbinsel

article_3833_arabisch__180.jpg Historisches Bild- und Tonmaterial von der arabischen Halbinsel überließ Walter Dostal (1928–2011) dem Institut für Sozialanthropologie (ISA). Augustin-Mitarbeiter Mehmet Emir betreut das Archiv und stellte eine Fotoauswahl zusammen. Johann Heiss (Text) informiert darüber, wer dieser Walter Dostal eigentlich gewesen ist.
Johann Heiss / 06.12.2016
Walter Dostal hat seit den 50er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts die Sozialanthropologie (oder Völkerkunde bzw. Ethnologie, wie das Fach früher hieß) entscheidend mitgeprägt, sowohl durch seinen theoretischen Zugang als auch durch seine Feldforschungen vor allem auf der Arabischen Halbinsel und durch die Lehre an den Universitäten von Bern und Wien.
Walter Dostal, in der Nähe von Brno 1928 geboren, studierte in Wien Völkerkunde, was damals bedeutete, dass die Geschichte «außereuropäischer Bevölkerungsgruppen» in der fachlichen Ausbildung eine wichtigere Rolle spielte als anderswo. Diese Orientierung hat Walter Dostal bei seinen Feldforschungen nie ganz verloren, schon in seiner Dissertation und in seiner Habilitation befasste er sich mit historischen Fragen.
Walter Dostal ging zunächst als Professor an die Universität Bern, um 1975 als Ordinarius an das Wiener Institut zu kommen. Hier nutzte er die Gelegenheit, durch die Ausbildung von Schülerinnen und Schülern seine am Materialismus orientierte Sichtweise weiterzugeben bzw. zur Diskussion zu stellen. Sein ihm durch seine Ausbildung vermitteltes geschichtliches Interesse blieb erhalten, hinderte ihn jedoch nicht, sich mit der Gegenwart seiner Untersuchungsgebiete zu beschäftigen.
Hauptsächlich forschte Walter Dostal auf der Arabischen Halbinsel, im Norden und Süden des heutigen Jemen sowie im Südwesten des heutigen Saudi-Arabien. Dabei interessierte ihn die Gestaltung und Organisation des Zusammenlebens der Menschen ebenso wie die materielle Kultur, Landwirtschaft und Architektur. Zahlreiche Publikationen stammen aus seiner Feder, darunter ein Buch über den Markt von Sanaa (1979). Eine umfangreiche Publikation seiner letzten großen Feldforschung im Südwesten von Saudi-Arabien, durchgeführt zwischen 1979 und 1983, erschien im Jahr 2006 in Wien.
Hauptsächlich aus dem Jemen und aus Saudi-Arabien stammt auch das Film- und Bildmaterial, das er dem ISA im Jahr 2009, zwei Jahre vor seinem Tod, überließ. Es umfasst zahlreiche Filme in Schwarz-Weiß und Farbe, tausende Dias und viele Tondokumente, die die materielle Kultur, Landwirtschaft, Handwerk und Architektur der betroffenen Regionen erfassen. Das von Walter Dostal vermachte Material ist nicht zuletzt deshalb von ganz besonderem Wert, weil es in einem langen Zeitraum geschaffen wurde und so den großen gesellschaftlichen und technischen Wandel in Arabien dokumentiert.
Johann Heiss / 06.12.2016