
Wenn Rauch über dem Stadion liegt, müssen nicht unbedingt Fans gezündelt haben. Er kann auch von einer Lokomotive an der Seitenlinie stammen. Die Wahrscheinlichkeit dazu ist jedenfalls im slowakischen Čierny Balog sehr groß.
Text und Fotos: Wenzel Müller
Stell dir vor, du sitzt im Stadion und schaust dir ein Fußballspiel an. Plötzlich ein Pfiff. Allerdings nicht vom Schiri, sondern von einer Lok. Und da kommt sie auch schon, fährt direkt vor deiner Nase vorbei, Rauch ausstoßend.
Undenkbar? Höchstens möglich in einer Geschichte à la Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer? Irrtum! Mitten in der Slowakei, beim Klub TJ Tatran Čierny Balog, verläuft eine Bahnlinie genau zwischen Tribüne und Fußballplatz.
Dass ein Verein in seinem Namen das Wort «Lok» führt, das ist nicht ungewöhnlich. Denken wir nur an Lok Leipzig oder Lok Zagreb, diese Klubs halten ihre Verbundenheit mit den Werktätigen hoch, zumindest im Namen. Dass allerdings eine Lokomotive leibhaftig jenes Terrain an der Seitenlinie besetzt, wo sich normalerweise die Ersatzspieler_innen aufwärmen, das dürfte einmalig in der großen weiten Fußballwelt sein. Obwohl: Die hat mehr Überraschungen zu bieten, als man gemeinhin denkt. In São Paulo gibt es beispielsweise einen Fußballplatz, in dessen Mitte ein Baum wächst, zu sehen in dem schönen Fotoband Kunst Schuss.
Bei meinem Besuch im Stadion von Čierny Balog war gerade kein Fußballspiel zugange, als die Lok einfuhr. Somit erlebte ich nur das halbe Spektakel, das aber allemal beeindruckend genug war. Der Rauch der Lok entschädigte für die ausbleibende Pyroshow der Fans.
Verschiedenartige Versuche, das Fußballgeschehen zu beleben und aufzuwerten, gab und gibt es immer wieder von Vereinen, etwa, indem Fallschirmspringer_innen vor Spielbeginn auf dem Rasen landen oder Schlagerstars in der Halbzeitpause auftreten. Alles Firlefanz, das vom Wesentlichen ablenkt! Doch so eine vorbeischnaufende Lok, die hat etwas.
Darf die Lokführerin ihre Pfeife auch im Stadion betätigen, und wenn ja, wie lange und mit welcher Lautstärke? Und gilt für die Durchfahrt eine Geschwindigkeitsbegrenzung? Fragen, auf die man im internationalen Regelwerk keine Antwort findet.
Offen bleibt auch die große Frage: Was war zuerst da, die Tribüne oder die Bahnlinie? Im Stadion ist niemand, den man fragen könnte. Wahrscheinlich ist, dass die Tribüne zwischen 1982 und 1993 gebaut wurde, in der Zeit, als die Bahnstrecke stilllag. Ausgedient hatte sie als Transportmittel für Mensch und Holz zwischen den einzelnen Sägewerken in dieser Region, bis die sogenannte Schwarzgranbahn (Čiernohronská železnica) ihren Betrieb wieder aufnahm, nun als Museumsbahn. Sie verkehrt von Anfang Mai bis Ende September – sehr zur Freude sowohl der Freund_innen des Eisenbahnwesens wie des Fußballspiels.
