
Mathematik – das Fach, das allen den Schrecken ins Gesicht jagte. Mathematik mit ihren erdigen Ziffern, Zahlen und Regelwerken – mein Eiffelturm, meine Rückzugsstelle, meine absolute Richtigkeit – das Gebiet, auf dessen Fragen ich schier ausnahmslos eine Antwort finde. Ich war Mathematiktrainerin für junge Erwachsene: Zumeist bunt angezogen und mit einem schrägen Lächeln im Gesicht startete ich den Versuch, bei den Menschen Begeisterung für meine mathematische Angelegenheit zu entfachen. Sie nannten mich die Rechenmaschine. Kein Taschenrechner auf meinem Tisch, kein Formelheft zum Nachschauen, nur diese uralte Begierde nach Lösungen im Kopf. Meine Faszination, mein Brennen schwappte auf die Teilnehmer über, wenn auch nicht immer.
Dilemma, das erste: die Vorbereitung. Ich konnte mich auf den Unterricht vorbereiten, aber es war vergeudete Liebesmüh, denn sie ging nicht auf, der Sturm der Fragen, auf den ich mich einließ, trieb mich stets in eine andere Richtung, in viele andere Dimensionen, die definitiv nicht in meinem Konzept standen. Die Gruppe war extrem heterogen und multikulturell: Eine internationale Truppe an Mathematikskeptikern! Für die einen war die Hypotenuse etwas Selbstverständliches, die anderen, und das waren einige, stolperten bereits über das Einmaleins. Ich entwickelte Alternativen in der Didaktik. Die Geometrie sah ich als allgegenwärtig: Der Baum ein Zylinder, der Tisch ein Rechteck und der Raum darunter ein Quader. Wir gingen auf die Suche nach Formen und Körpern – es stellte sich als eine Reise mit Erkenntnissen heraus. Es etablierte sich mein Credo: Einfach tun! An irgendeinem Eck anfangen und sich durchkämpfen immer an der Front des Whiteboards, stets am interaktiven Werken. Zumeist erkannte ich, wo bei wem welche Defizite schlummerten und forderte und förderte nach alter Machart.
Hochleistungscamp und Kreativworkshop
In der Retrospektive war unser Intermezzo vergleichbar mit einem Hochleistungscamp oder einem Kreativworkshop. Mein Anspruch war, alle zu erreichen, nachzujustieren, aber fail. Mir ging die Puste aus: Es war ein Oktaeder der Einstellungen, Leistungsbereitschaften und Wissensflächen. Es war kein Mosaik und es konnte auch kein Puzzle werden – so sehr ich mich auch bemühte, um einen jeden einzelnen bemühte. Bei 12 Teilnehmern und Millionen von diversen Wissensebenen, Konzentrationsdarbietungen und Auffassungsgaben fiel schon auch mal eine Person durch den Rost. Das war die erste, sehr bittere Erkenntnis. Doch die schönen, edlen Momente und Stunden waren jene, an dem die neugierigen Augen auf mich gerichtet waren, die Wissbegierde so angeheizt war, dass es im Raum kochte. Unvergesslich. Diese eine Gruppenzusammensetzung hatte eine Dynamik mit Lachen, Freuden und hohem Output. Alles wollten sie wissen – die Mathematik, sich steigern, sich beweisen, brillieren, verstehen, den Erkenntnisgang gehen. In den Pausen wurde dementsprechend, gemäß den hitzigen Köpfen geflirtet: In mir entstand das High-Mathematic-Feeling. Unabhängig davon, ob das Ergebnis richtig war oder nicht, man machte sich auf den Weg, den Weg der Suche nach anderen, denkbaren Möglichkeiten. Wir waren eine Expertenkammer. Diese Intrinsik war für mich der pure Adrenalinstoß. Das war mein Leben: Die Zahlen blühten wie der Klatschmohn auf der Wiese. Ich – die Königin, die ungekrönte Königin der mathematischen Logik. Alle suchten nach Lösungen. Eifer pur. Aber der Flow ließ sich nicht auf die nächste Crew übertragen. Er musste neu entfacht werden. Und nicht immer konnte sich das mathematische Feuer derart ausbreiten. Viele meinten «ich kann das eh», «ich mag nicht». Meine voll gefüllte Begeisterung fiel auf steinernen Boden, auf prallen Marmor. Ich konnte bei dem einen oder der anderen einen Reiz setzen, die Person in ihrer mathematischen Konstruktion und Verfasstheit ergänzen. Aber es war nicht dieses Massenblühen, dieser Tornado. Doch ich gab mich zufrieden, war imprägniert von dem bescheidenen Vorhaben: Nur eine Person pro Tag möge die Intonation der Mathematik erreichen!
Glitzersteinchen und Kristalle
Ergänzend war die Mathematik nicht das einzige Stiefkind, das ich herumschleppte. Die Zusammensetzung meiner Leute gestaltete sich als eine Tatsache, die immer und immer große Fragezeichen in mich warf. Das Eisbergmodell trifft es auf den Punkt: Denn es war nicht jenes, das es schien. Es zeigte sich nur ein Funken des Problemberges und viele kleine Glitzersteinchen und Kristalle. Ich habe eine freie Einstellung zum Leben und allen Lebewesen, habe mich – angeblich – befreit von gesellschaftlichen Mustern und Muss-Denkweisen, stehe für die französischen Banner der Aufklärung ein: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit und Schwesterlichkeit. Doch die Show in diesem Kontext lief anders – zeigte ich nur den Ansatz von meinem Dekolleté war ich Haram – eine Sünde – nicht eine Sünde wert, sondern der Teufel per se. Viele Teilnehmer waren interessiert an Politik und dem Weltgeschehen, aber Feministinnen wollten sie nicht, mich schon, aber … Was nicht alles verboten war! Mädels mit knapp 18 Jahren durften nicht alleine im Bikini oder Badeanzug baden gehen, weil der Freund dagegen war. Sie sperrten sich bereits im jungen Alter gegenseitig ein. Und ich konnte mein Maul nicht halten. Ich drücke mich bewusst und absichtlich derart brutal aus, weil es hochsensible, komplexe Themen waren, die mit meinem Zugang und Verstand nicht lösbar waren. Doch Aufgeben war auch bei diesen heiklen, politischen Themen nie eine Option. Ich kämpfte weiter, reflektierte, las, beobachtete und reflektierte etc. Aber ich glaube, ich kämpfte zu viel. Ich stieg von Ring zu Ring der Vorstellungen von Gesellschaft, wollte nicht missionieren, aber meinen Standpunkt als Frau dingfest machen. Ich sprach von Begegnungen, Austausch und einer möglichen dritten, gemeinsamen politischen Kultur in Wien. 1+1=3 aber die Zeit war zu knapp, meine Integrationsfähigkeit nur mittelmäßig und so war es für mich des Öfteren notwendig auf den Boden der Tatsachen, die Grundfläche zu tauchen – nämlich dass meine Worte nur Schall und Rauch gewesen sind. Aber den Versuch, Samen zu säen, machte ich in multipler Form wie mein multiples Projekt es erforderte.
