Der TriebfedernvogelDichter Innenteil

Foto: Claudia Christine Magler

Langsam in Richtung Süden ziehen. Alles hinter mir lassen. Das Hässliche und das Schöne. Erinnerungen löschen auf Knopfdruck – mehrmalig. Auf dem Weg in den Süden den Rucksack abschneiden und nur das ­Gepäck mitnehmen, das ich mit meinen nackten Händen tragen kann. Nein, nicht davonlaufen, einfach anders leben. Ehrlicher. ­Keine Getriebene mehr sein, sondern eine Gehende, Wandernde. Die Heimat verlassen, die eine war und sich oft angefühlt hat wie ein fremder Boden. Beton. Knallharter Beton über dem Kopf, im Kopf und unter der Erde. Aufbrechen. Den nur noch mager-­dünnen Beton aufbrechen mit mentaler Stärke und den vielen Zielen vor Augen. Die Schlitze des Betonkäfigs werden immer größer. Ich habe sie teilweise durchwachsen wie ein Löwenzahn sich aus den Gehsteigpflastern kämpft. Rufe. Freiheitsschreie. Oder ist es nur mein Echo? Macht es überhaupt einen Unterschied, ob so oder so? So. Gleichnis der Schwesterngedanken. Wie der Sonnenuntergang in der Bretagne wohl aussieht? Atemzug. Atemruf. Nähren meiner Hoffnungsideen, die oft wie Schall und Rauch sind, kurzfristig, und dann Tage später wieder parat stehen, lachen mit dem Mut auszureißen. Risse. Kosmische Kräfte des aufkeimenden Sommers hissen mich frei. Ich ­tanze mit ihnen Tango wie mit all den Engeln und Elfen, Kobolden, während die Gänseblümchen – unzählig Unzählige – ihr Köpfchen zur Sonne ragen. Die Sehnsucht brennt – feuerhoch und lichterloh nach der letzten Liebe, Weltenliebe. Weltenblick. Wen soll ich fragen? Die Antworten sind genauso unverlässlich wie die Zukunft, oft irritierend, irreführend. Mein Herz, meine Seele: Sie sind die Winkenden, die Richtungsgebenden, die Steine am Wegesrand. Ich spüre dich manchmal, wie du an mich denkst, mich suchst und all deine Bemühungen um mich im Gewurschtel des Alltages untergehen. Sie geben dich nicht her. Sie überreichen dich mir nicht. Vergissmeinnichtkonzentrat, fange an zu existieren. Erfühlung und Erfüllung. Wiederentdeckung. Wiederfühlung. Füllung bis zum vollen Glas, bevor es kippt. Es geht so viel verloren – so viel Gefühl in der Konzentration auf diese und die andere Ablenkung. Die Bäume beinhalten sich gegenseitig – blattdicht, kongruent und undurchlässig. Ich staune unter der Szenerie – sie sind stille kraftvolle Wesen, soziale Individualisten. Die meisten von ihnen, denn Bäume halten sich gegenseitig die Stange. Ich stehe auf von meinem Eichenbaumplatz, hebe mein rechtes Bein und lehne es an das linke – der Anblick ähnelt dem eines Flamingos oder eines einwurzigen Baumes. Pfahlwurzer. Er-inner-ungen. Er ist innen. Ich greife an mein linkes Ohrläppchen. Sie-inner-ungen. Am Anfang war das Wort. Es gibt Tage, an denen ich jede Stunde neu anfange. Steine rollen an eine immer andere Stelle. Inszenierte Form der Abwechslung. Man muss den Ort suchen, der einen glücklich macht. Man muss den Ort verlassen, wo das Pech sich breit gemacht hat wie eine schwarze, zähe Masse, die über die Augen tröpfelt, dir dann und wann sämtlichen klaren Blick versperrt, dir Schlechtes für Gutes verkauft. Pech, Beton und die Sucht, die Sucht, die eine letzte Liebe zu empfangen, in das Herz rieseln lassen. Der letzte Gang der Gladiatoren. Wieselschnell. Subversiv. Es könnte unterirdisch werden und überirdisch zugleich – nur nicht von dieser Welt. Atemzug. Zugfahrt der Luft. Lokomotivenhybrid. Es wird Abend. Die Gänseblümchen verschließen sich und beschützen ihren gelben Kern. Kern der Nähe. Naht zum Hoffnungsgleiswandern und Herzschau. Liebesdunst eines Keimes – wandelbar und allmöglich. Sonnenkuss durch die Blattschützen. Betonporen keimen, Betonmauern fallen, aber zerfallen nicht. Magnetisch finden sie mich immer wieder – trotz meiner wütenden Ellbogentechniken im Kampf gegen diese Meistermonster. Meine Kriegerinnen sind sehr gewieft worden im Aufeinander mit diesen Klötzen. Irgendwann sind auch die hartnäckigsten Parten demontiert. Er-Sie-innerungsrufe der Weltensuche: Die Straßen sind frei, dein Mut ist göttlich, deine Beine tragen dich weit! Ich habe keinen schier ewigen Stehplatz wie meine Bäume im Rundblick. Jeder Pfad trägt einen Liebestropfen aus Roma­blut, Försterhirn, Bauernschläue und hellem Licht, vermerkt die ­Ahnengalerie. Triebfedernvogel im Überflug: offene Zungen, aufgelegte Elfmeter und das Skript einer Reise. Länge unbestimmt, die mich in der Vertikale von Himmel und Erde trägt, schleift und führt. Rückgratsgarant. Sparte der unvergessbaren Sicherheit. Adios. Au revoir. Auf Wieder-Sehen.

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