Bewusst konfliktfreitun & lassen

Unterwegs mit dem AwA*-Team: Flo, André, ­Sarah und Johnnie (von links nach rechts) (Foto: © Jana Madzigon)

Seit Juni sind die Awareness-Teams im Auftrag der Stadt Wien unterwegs. Die Awareness-Arbeit startet in den vierten Sommer. Was hat es damit auf sich? Ein Lokalaugenschein.

Die große lila Fahne mit der Lichterkette ist in der Abenddämmerung an diesem Junitag vor der Wiener Karlskirche kaum zu übersehen. Sie ragt aus einem vollgepackten Lastenrad, um das sich vier Personen versammelt haben. «Wasser, Traubenzucker, Hygieneartikel, Kondome; was die Leute so brauchen könnten», zählt ­Sarah den Inhalt des Lastenrads auf.

Aufklärung

Sarah tritt heute mit zwei Kolleg:innen die erste Schicht in einem Awareness-Team des Vereins AwA* (gesprochen: Awa-Stern) an. Sie unterstützen Menschen mit erster Hilfe oder seelischer Betreuung und können in Konflikten als externe Partei vermitteln. Das ist aber nicht alles, was die Teams von AwA* tun. «Für mich ist ein wichtiger Teil der ­Arbeit die Weitergabe von Informationen. Zum Beispiel von Frauenberatungsstellen oder Notschlafstellen für wohnungslose Personen. Oft wissen die Leute einfach nicht Bescheid, und es scheitert nur daran, dass sie nicht an die Informationen kommen, die sie benötigen», erklärt Sarah.
Die Verbreitung von Informationen ist gerade am Anfang des Sommers wichtig für die Teams von AwA*. Neben der notwendigen Ausrüstung befindet sich auch Infomaterial zum Verein und zu Awareness-Arbeit im vollgepackten Lastenrad. Die frühen Abendstunden am Karlsplatz verbringt das Team damit, auf Leute zuzugehen. Sie reden mit ihnen über das Konzept und informieren sie, wie sie sich mit Problemen und in Konfliktsituationen an das Team wenden können.
Es ist ein ruhiger Abend, also bleibt genug Zeit zu tratschen. «Es wissen nicht alle gleich, worum es geht. Aber die Leute erfahren dann, was Awareness-Arbeit ist und dass sie wichtig ist. Insgesamt rückt das immer mehr ins Bewusstsein», sagt Sarah.

Im Sommer 2021 waren zum ersten Mal Awareness-Teams im Auftrag der Stadt Wien unterwegs, als Reaktion auf die Auseinandersetzungen zwischen Poli­zei und Jugendlichen am Karlsplatz im Juni 2021. AwA* hatte bereits davor ein Konzept ausgearbeitet und bekam kurzfristig den Auftrag. Drei Jahre später hat sich nicht nur am Karlsplatz viel getan.
Das Projekt ist nun durch eine ganzjährige Förderung finanziert. Im ­Winter betreibt der Verein Awareness-Arbeit in Clubs und bei Veranstaltungen und ­außerdem Bildungsarbeit in Form von Workshops und Weiterbildungen zu Aware­ness-Arbeit. Die finanziellen ­Mittel haben dem Verein mehr Sicherheit und Möglichkeiten gegeben. Es gibt nun die ersten beiden Fixanstellungen für Organisation und Buchhaltung, und alle Personen, die Awareness-Arbeit machen, können ebenfalls dafür bezahlt werden. Den Ursprung haben Awareness-Teams in antirassistischen und feministischen Gruppen. Über die Club- und ­Festivalszene sind sie einem breiteren Publikum bekannt geworden.

Fehlerfreundlichkeit

Immer wieder gerät Awareness-Arbeit medial in die Kritik, vor allem in Deutschland. Sie würde, so die Gegenstimmen, statt transformativ in patriarchale Strukturen der Ungleichheit einzugreifen, das Feiererlebnis aller Geschlechter unter dem Vorzeichen allgemeiner Gleichheit moderieren, dabei durch Erziehungs- und Belehrungsmethoden der bloßen Gewährleistung des reibungslosen Ablaufs von Veranstaltungen dienen.
Darauf, inwieweit die Kritik berechtigt ist, antwortet der Wiener Soziologe Niki ­Kubaczek mit Bedacht. Ein zentraler Punkt von Awareness-Arbeit ist anlassbezogene parteiische Unterstützungsarbeit. «Die Parteilichkeit greift in einen patriarchalen Umgang mit Gewalt ein, in welchem Menschen ihre Betroffenheit von Gewalt immer wieder abgesprochen oder kleingeredet wird», sagt Kubaczek. Parteilichkeit bedeutet für Awareness-Teams auf Partys, dass jene, die die Grenzen anderer auf dieser Party nicht respektieren, zum Gehen gebeten oder notfalls gezwungen werden. «Die Parteilichkeit richtet sich damit gegen jenen Umgang mit Gewalt, in dem der betroffenen Person gesagt wird, sie solle sich doch nicht so anstellen und großzügiger mit jener Person sein, die ihre Grenze überschritten hat.» Dass Grenzüberschreitungen heute zumindest in manchen Räumen stärker ernst genommen werden als noch vor einiger Zeit, hätten wir Jahrzehnten feministischer Kämpfe zu verdanken. «Kompliziert wird es dann, wenn wir in diesem Kontext über Fehlerfreundlichkeit sprechen. Der Wunsch oder die Forderung nach mehr Fehlerfreundlichkeit kann leicht als patriarchale Verharmlosung von Gewalt funktionieren. Gleichzeitig ist eine Fehlerfreundlichkeit wichtig, wenn wir gemeinsam wachsen und voneinander lernen wollen. Ohne Fehler­freundlichkeit laufen wir Gefahr, ständig auf der Lauer vor dem nächsten Fehler zu sein; und das kann ja nicht Ziel ­feministischer Politik sein», so der Sozio­loge. «Wir müssen uns zukünftig mehr darüber unterhalten, wie wir patriarchale Fehlerfreundlichkeit von ­feministischer Fehlerfreundlichkeit unterscheiden; kein leichtes Unterfangen», gesteht er ein: «Auf der einen Seite besteht die Gefahr des Absprechens von Betroffenheit, der Relativierung und Unsichtbarmachung von Gewalt. Auf der anderen die Gefahr, dass wir uns nur mehr im Misstrauen und unter der Angst vor Strafe begegnen. Beide Gefahren sollten wir ernst nehmen, wenn wir an einer Welt interessiert sind, in der sich alle Menschen sicher und wohlfühlen sollen», meint Kubaczek.

Privater oder öffentlicher Raum?

Auf den Wiener Schauplätzen gestaltet sich die Arbeit von AwA* anders als in Clubs oder bei Veranstaltungen. «Der öffentliche Raum ist viel diverser. Wir kommen mit ganz anderen Menschen und Themen in Kontakt», sagt ­Willi dazu. Willi ist Gründungsmitglied von AwA* und begleitet heute das Team. «Bei einem Club ist eine Tür davor, da gibt es Eintritt. Das schließt Menschen aus, die sich das nicht leisten können. Ein Getränk in einer Bar geht sich schon oft nicht aus, und dann trinken die Leute lieber ihr Bier auf der Parkbank. Und dass dieses öffentliche Zusammenleben möglich ist, ist sehr gut und wichtig», meint Willi.
Die Arbeit im öffentlichen Raum sei für die Teams sehr relevant. Sie wollen umso mehr für Menschen in vulnerablen Situationen da sein. «Wir haben Zeit und ein offenes Ohr, um mit Menschen über ihre Anliegen zu sprechen. Seien es psychische oder finanzielle Probleme, Wohnungslosigkeit oder einfach nur Einsamkeit. Wir sind keine Notfallkräfte», erklärt Willi. In Konfliktsituationen können die Teams von AwA* deswegen helfen und einen anderen Zugang wählen.
«Die Leute verstehen, dass wir in Konflikten zwar auf der einen Seite parteiisch sind, aber auf der anderen Seite auch eine neutralere Rolle haben. Wir werden niemanden verurteilen oder bestrafen. Es geht uns darum, zu vermitteln, dass ­Gewalt nicht zielführend ist. Wenn es zu einem Konflikt kommt, können wir als Dritte versuchen, die Leute auseinander zu bringen oder auch getrennt mit den Personen sprechen, um die Situation zu beruhigen», sagt Willi. Das Team und die Gespräche mit den Passant:innen am Karlsplatz bestätigen diesen Eindruck. An diesem Abend wird es am Karlsplatz immer ruhiger und das Team macht sich zum nächsten Schauplatz auf. Denn ihre Schicht hat gerade erst begonnen.

www.awa-stern.info

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