
Comicgeschichte. Die Ausstellung «Für was ist das gut?» reist zurück in die 1990er. Mit den Kurator:innen Katharina Serles und Nico Dostal sprechen wir über die Verdrängung der Zeichnung durch die Fotografie, Comic-Hefte im Eigenverlag und das fehlende Bewusstsein von Österreich als Comicland.
Warum eine Ausstellung über österreichische Comics der 90er-Jahre?
Nico Dostal: Wir wollten schon länger eine comic-historische Ausstellung machen. Uns war dabei wichtig, dass sie einen Bezug zum Heute hat. Die Idee war auch, dass es nicht ganz zu weit zurück liegt. Würden wir früher ansetzen, wären viele der Zeichner:innen gar nicht mehr aktiv. Aber von den 90er-Jahren bis heute gibt es eine durchgehende Linie.
Was war in den 90er-Jahren anders? Ihr deutet da einen Bruch an.
Katharina Serles: Es ist kein Bruch, aber Publikationskontexte und Leseverhalten verändern sich. Die Bildwissenschaft spricht in den frühen 90ern vom «Iconic Turn», davon, dass Bilder überhandnehmen, wir unsere Welt vermehrt via Bild erklären und verstehen. Die Frage stellt sich, wie können wir mit dieser Flut an Bildern selbstbestimmt umgehen, und diese Kulturtechnik lernen, Bilder zu lesen – da tragen Comics einen guten Teil bei.
Auch weil man gerade Zeichnungen aktiv lesen muss, um sie zu entschlüsseln?
K. S.: Genau. Und zum anderen gibt es aus medienhistorischer Perspektive zu dieser Zeit ein verstärktes Schwinden von Publikationsmöglichkeiten für Comics, nachdem etwa Zeitungen wie die Arbeiterzeitung eingestellt wurden bzw. das wenige Geld, das früher für Zeichnungen da war, nun für Fotografien verwendet wird. Da setzen wir mit der Ausstellung ein.
Aufgrund solcher Veränderungen beginnen die Zeichner:innen ihre Comics vermehrt selbst zu verlegen?
K. S.: Die Frage war, wie mach ich es? Indem ich es einfach selbst in die Hand nehme, indem ich selber mein Heft mache und mich dann selber um Druck und Vertrieb kümmere. Bei unseren Gesprächen haben wir gemerkt, wie groß die Lust war, einfach alles auszuprobieren, jeden Schritt, oft kollektiv und immer verspielt.
N. D.: Mein Eindruck war, wie sehr die Zeichner:innen in diesem Tun bei sich waren, bei ihren Geschichten, ihren Zeichnungen, bei ihrem Strich und Krixikraxi. Spannend ist auch, dass die Protagonist:innen, die damals die Hefte selber gedruckt haben, heute teilweise immer noch Hefte selber machen und alle noch in der Szene unterwegs sind.
Was erwartet die Besucher:innen?
K. S.: Die beiden Comic-Künstler:innen Monika Ernst und Lenz Mosbacher haben die Ausstellung gestaltet; für die Einleitung hat Lenz auch einen Comic über uns als Ausstellungsmacher:innen gezeichnet, in dem wir unser Vorhaben etwas selbstironisch reflektieren, was die Lücken und Leerstellen betrifft. Wir können natürlich nicht die 1990er-Jahre und auch keine Szenen in ihrer Gesamtheit abbilden. Vielmehr haben wir uns sechs verschiedene Positionen herausgepickt (siehe Info), unsere Protagonist:innen, die wir mit ihren Heften präsentieren. Um sie herum versuchen wir, die Szenen, ihre Orte und Persönlichkeiten zu zeigen. Wir haben außerdem zwei junge Künstlerinnen gebeten, einen heutigen und ihren künstlerischen Blick auf Akteur:innen und Orte zu werfen: die Fotografin Hannah Hoyos sowie die (Comic-)Künstlerin Janne Marie Dauer, die sich in Form von Airbrush-Malerei mit einem historischen Foto auseinandersetzt.
Damit verknüpft ihr also die unterschiedlichen Blickwinkel von damals und heute.
K. S.: Ja, und dann geht es ums Comiczeichnen sowie um Druck und Vertrieb, etwa via Comic-Automaten oder in der Trafik. Zu diesem Thema kommen natürlich die Zeichner:innen in Zitaten und in Comics zu Wort. Selbstverständlich werden auch Originale gezeigt und zudem gibt es eine Art Zeitleiste, die auch interaktiv gedacht ist. Wir möchten es den Ausstellungsbesucher:innen möglich machen, hier zu ergänzen, zu korrigieren und als kollektives Gedächtnis noch mal zu versuchen, diese Zeit zu rekonstruieren. Und schließlich ist uns die Leseecke sehr wichtig. Es ist ja immer die Frage, was kommt bei Comic-Ausstellungen an die Wand? In der Leseecke sind alle Comics in ihrer eigentlichen Form – als Heft – vertreten.
In Österreich ist die Beschäftigung mit Comicgeschichte noch immer selten, warum ist so ein Rückblick und die Auseinandersetzung wichtig?
N. D.: Ich bin in meinen Beschäftigungen mit der österreichischen Comicgeschichte immer wieder auf Artikel mit der Aussage gestoßen: Österreich ist kein Comicland und Österreich hat keine Comic-Tradition. Das stimmt allerdings nicht, es wird nur so viel vergessen. Ich sehe da auch bis zu einem gewissen Grad den Grund dafür, warum der österreichische Comic sich lange nicht über ein gewisses Niveau hinaus entwickeln konnte. Umso erfreulicher ist es zu sehen, dass viele von diesen älteren Zeichner:innen heute auch mit jüngeren in Kontakt sind und sich austauschen. Es ist natürlich identitätsstiftend, wenn man sich als Teil so einer Traditionslinie sehen kann.
K. S.: Wir verstehen unser Projekt auch als eine Art Aufruf, der etwas auslösen soll. Es wäre toll, wenn Leute kommen, die dann auch Comics mitbringen, die sie in die Leseecke stellen.
N. D.: Etwas von diesem Schwung kommt bereits an: So will Heinz Wolf, der Anfang der 90er Heft Nr. 3 von ALP nicht mehr herausgebracht hat, die Nummer für diese Ausstellung finalisieren und nachdrucken.
Ihr leistet damit gewissermaßen auch Hebammenkunst …
N. D.: Das freut und ehrt uns natürlich. Ich werde auch ein Heft von Bobby Spieß nachdrucken, und eventuell noch ein, zwei andere Hefte aus der Zeit.
Eure Ausstellung soll dann weiterziehen.
K. S.: Wir haben vor, die Ausstellung weiterwandern zu lassen. Konkret ist ein Auftritt beim Next-Comic-Festival nächstes Jahr in Linz angedacht. Wir überlegen, sie auch auch über Österreich hinaus zum Internationalen Comic-Salon nach Erlangen zu bringen. ■
Vernissage mit Podiumsdiskussion:
Mo, 26. Mai, 19 Uhr
Finissage mit Podiumsdiskussion:
Fr, 30. Mai, 19 Uhr
4., Argentinierstraße 47
Di–Fr, 15 bis 18 Uhr
www.oegec.com/oegec-comicausstellung
Die Ausstellung findet im Rahmen der Vienna Comix Week (kuratiert von Ivan Petrović) statt, in der unter anderem auch Gustl-Zeichner Thomas Kriebaum den neuen Gustl-Comic-Band HAWEDERE (Gustl-Comics aus dem Augustin von 2020 – 2025) vorstellt!
www.viennacomixweek.at
