
Julia Grillmayr freut sich über Bücher, die von eigentümlichen Tierchen und Mischwesen nur so wimmeln. Ein paar tentakuläre Lektüreempfehlungen – und vielleicht ein neues Genre.
Fast hätte ich «Ihr Kritterlein kommet» als Überschrift für diesen Artikel gewählt, für den Wortwitz. Beinahe, dann doch nicht. Denn die Kritter wollen nichts mit christlichen Schöpfungsgeschichten zu tun haben, in denen jemand behauptet, die «Krone» zu sein, und sich über alle anderen erhebt. Das kommt für die krabbelnden, kriechenden, glibberigen, vielgestaltigen und wandelbaren Wesen überhaupt nicht in Frage! Die Kritter stecken mit ihren Zehen, Fingern, Fühlern, Tentakeln und Rhizomen fest in der Erde, himmlische Sphären und trockene Theorien interessieren sie ganz und gar nicht.
Neues Wort
Was sind Kritter? Das ist gar nicht so leicht zu sagen – und daher fällt es mir auch so schwer, diesen Artikel zu beginnen. Fast wäre ich ganz unappetitlich eingestiegen, nämlich mit einem Skandal: Das österreichische Wort des Jahres 2018 war «Schweigekanzler». Dabei wurde in ebendiesem Jahr das wunderbare Wort Kritter vom Englischen «critter» ins Deutsche eingeführt. 2018 erschien nämlich Unruhig bleiben, die deutsche Übersetzung von Donna Haraways Buch Staying with the Trouble – beginnen wir also am besten damit!
«Critter ist ein im Amerikanischen für alles mögliche Getier gebräuchlicher Begriff», schreibt die amerikanische Wissenschaftstheoretikerin. Unruhig bleiben ist ein Buch, das versucht, Verwandtschaft und Familie neu zu denken: Wie sich mit anderen verwandt machen, auch wenn man nicht zur gleichen Familie gehört – im biologischen oder bürgerlichen Sinn –, und vielleicht nicht einmal zur selben Spezies?
Die Bezeichnung Kritter könnte hier helfen. Haraway gebraucht sie «großzügig»: für Mikroben, Pflanzen, Tiere, Menschen, Nicht-Menschen und manchmal auch für Maschinen.
Wie bereits in ihrem berühmten Cyborg-Manifest aus 1985, verwischen sich hier die Grenzen zwischen Natur und Kultur, zwischen organischer Umwelt und Technik, zwischen Mensch und Maschine, aber auch allen anderen Wesen. Haraway schreibt über Schmetterlinge und Oktopusse, über Brieftauben und Schreckgestalten der griechischen Mythologie, über Hunde und Östrogen-Präparate und darüber, wie Menschen sozial, ökonomisch und ökologisch in ihre Geschichten verwickelt sind. Diese Verwicklung gelingt besonders gut, wenn mal grundsätzlich alle als Kritter bezeichnet werden; kleine Wesen, die gemeinsam auf der Erdoberfläche herumkrabbeln, im besten Fall auf der Suche nach einem guten Zusammenleben.
Das deutsche Wort Kritter haben wir Karin Harrasser zu verdanken. Sie hat Staying with the Trouble ins Deutsche übersetzt. «Der Ausdruck critter ist mit dem Kunstwort Kritter übersetzt worden», erläutert sie in Unruhig bleiben, «da im Deutschen kein Ausdruck existiert, der die Bandbreite des Gemeinten wiedergibt». Die «Kreatur» sei zu nahe an der christlichen Schöpfungsidee, der man hier entkommen will. In Österreich würde eventuell «Viech» – oder vielleicht besser noch «Viecherl» – funktionieren, doch im Rest des deutschsprachigen Raumes ist dieses Wort zu negativ behaftet. Außerdem, so führt Karin Harrasser aus: «Ein krokodilähnlicher Mutant aus dem Super-Mario-Universum heißt Kritter, und im Schwedischen bedeutet Kritter Lebewesen.»
Dieser verspielte Gebrauch von dem Wort Kritter ist für mich auch darum so ansprechend, weil es einen hoffnungsfrohen Schimmer hat. Angesichts der multiplen ökologischen Krisen und Katastrophen, muss auch die Kulturwissenschaft und Kunst beobachten und kultivieren, «was trotz der Verheerungen des Kapitalismus am Leben zu bleiben vermag», wie es die Anthropologin Anna Tsing in ihrem Buch Der Pilz am Ende der Welt formuliert. Es geht um die Kunst – um noch einen Buchtitel von Tsing zu zitierten –, auf einem beschädigten Planeten zu leben; Arts of Living on a Damaged Planet.
Neues Genre
Ihnen fallen sicherlich auch gleich ein paar Beispiele ein. Mir haben jüngst zwei Romane besonders gut gefallen, in denen Kritter aus den Katastrophen kriechen und, wenn auch kein einfaches, so doch ein höchst lebendiges Leben in den Ruinen führen: Es gibt uns (2023) von der österreichischen Autorin Elisabeth Klar ist ein wunderbares Beispiel für solche KritLit. (Wieso nicht gleich ein ganzes Genre ausrufen!? Dagegen spricht nur die Verwechslung mit den Kritischen Literaturtagen.)
Es gibt uns spielt in der postapokalyptischen Stadt Anemos, benannt nach den, nur oberflächlich, harmlos aussehenden weißen Blumen, die in verstrahlten und vergifteten Böden wachsen. «Und jene, die die Gifte von Anemos aushalten wollen, treten durch diesen Wassernebel hindurch. Er lässt sie ein wenig kichern und aufschreien, er legt sich in winzigen Tröpfchen auf Blüten, Haut, Fell, Schuppen und Haare, macht die Farben noch strahlender …».
In Anemos wird Theater gespielt und es werden zyklische Jahresfeste gefeiert. So wird daran erinnert, dass die Bewohner:innen der Stadt voneinander abhängig sind, dass ihre Körper verbunden sind, von den gleichen Giften und Bakterien, Lüsten und Sehnsüchten durchdrungen. Mit wem man es genau zu tun hat, mit welchen Wesen? Da gibt es eine spinnenbeinbesetzte Titania, einen Oberon, der von Algen und Greifarmen umgeben ist, ein Schuppentier und ein Müxerl; «ein schwarzes Tierchen, so etwas wie ein Salamander vielleicht, nur zu groß dafür».
Schon in früheren Büchern von Elisabeth Klar liest man von vermischten, kraftvollen, verletzlichen und stets wandelbaren Körperlichkeiten. In Himmelwärts (2020) schlüpft die Füchsin Sylvia in ein Menschenkleid. Aber auch ihr menschlicher Freund verwandelt sich langsam: «Ja, sie ist sich sicher – in letzter Zeit riecht Jonathan anders, und zwar immer mal wieder ein wenig nach Huhn».
«Bräche ich bloß in mich zusammen wie ein Haus, würde sich ja alles auf einem wohlgeordneten Haufen sammeln», heißt es in Vernachlässigbare Veränderungen. «Stattdessen falle ich aber jeden Tag auseinander, verstreue mich, und finde eben auch nicht immer alles von mir wieder.» Vernachlässigbare Veränderungen ist eine Text-Bild-Korrespondenz zwischen Klar und der Künstlerin und Buchgestalterin Kathrin Kloeckl-Stan, 2019 im Verlag Bibliothek der Provinz erschienen (damals noch Kathrin Kloeckl). Auch hier wimmelt es von Krittern, in Klars poetischen Texten sowie in Kloeckl-Stans Zeichnungen – einige davon finden Sie auch hier abgedruckt.
Unter Wasser. Ein weiterer kürzlich erschienener Roman, den ich zu «KritLit» zählen und Ihnen an Herz legen möchte, ist Our Wives Under the Sea (2022) von der britischen Autorin Julia Armfield. Leider gibt es davon derzeit noch keine deutsche Übersetzung. Das Buch ist nach den Zonen des Ozeans gegliedert, vom offenen Wasser bis zur Meeresschlucht, und folgt der Meeresbiologin Leah auf Tiefsee-Expedition. Wir lesen abwechselnd von Leah und von ihrer Frau Miri und langsam wird klar, dass hier Verwandlungen vor sich gehen, die psychologischer, aber auch körperlicher Natur sind … und schon einmal die Form von Schleim und Kiemen annehmen können. Bereits in ihrem Kurzgeschichtenband Salt Slow (2019) schreibt Armfield von solchen Umformungen und dem Verschwimmen zwischen Mensch und Tier, etwa wenn sich pubertäre Körper wie eine Insekten-Metamorphose anfühlen («Mantis») oder die Überflutung der Erde Wasserwesen aus uns werden lässt.
Apropos Wasserwesen. Donna Haraways Unruhig bleiben ist ein Sachbuch, aber auch hier ist eine große Portion Poesie im Spiel. So schreibt sie etwa über das «tentakuläre Denken», das sich vorsichtig an die Welt herantastet (Latein: tentare) und offen für Veränderung bleibt. Und so tauchen, neben den Krittern, auch die Tentakulären als Wesen auf, die «keine entkörperten Figuren» sind, sondern nah in und mit ihren Umwelten leben und mit der Erde bedacht umgehen.
Die Tentakulären, eh klar, wer die sind? Zum Beispiel, so Haraway: «Nesseltiere, Spinnen, fingernde Wesen, beispielsweise Menschen und Waschbären, Tintenfische, Quallen, neuronale Extravaganzen, faserige Gebilde, Peitschenwesen, myofibrillare Verflechtungen, verfilzte mikrobische und fungale Gewirre, sondierende Kriecher, anschwellende Wurzeln, emporstrebende Kletterranken.»
