Heribert Hrusa: vom Handschuhmacher aus Wien zum Volksbildner in Ecuador
Fast hätte Diakon Heribert Hrusa nach nur einem Jahr Missionarsdienst in Ecuador das Handtuch geschmissen. 20 Jahre später lebt er immer noch im Andenstaat. Inzwischen ist er Leiter einer Vorzeigeschule und kann sich eine Heimkehr nach Österreich kaum noch vorstellen.Von Wien nach Quito ist es nur ein Katzensprung. Padre Heribert Hrusa pendelt täglich, manchmal via Mödling, manchmal via Guayaquil. Die Szenen wiederholen sich, ob in Wien, Quito, Mödling oder Guayaquil, überall dasselbe Schauspiel. ¡Hola Padre!, ruft es Heribert Hrusa entgegen, wo immer er auch den Kopf zur Tür hineinstreckt.
Heribert Hrusa ist nicht nur Padre, sondern auch Schuldirektor. Wien, Quito, Mödling und Guayaquil sind Namen von Klassenzimmern. Heuer feiert Heribert Hrusa sein zwanzigstes Jahr in Pedro Carbo, einer 17.000 Einwohner/innen zählenden Kleinstadt im ecuadorianischen Küstentiefland, und sein einundzwanzigstes in Ecuador. Eine Rückkehr nach Österreich kann sich der Diakon heute nicht mehr vorstellen. Dabei plagte ihn bereits nach nur einem Jahr das große Heimweh, als er 1984 mit einem 2-Jahres-Vertrag den „Sprung ins kalte Wasser“ nach Ecuador wagte. Anfänglich war Heribert Hrusa in der Bezirkshauptstadt Daule, eine Autostunde nördlich der Zwei-Millionen-Metropole Guayaquil, stationiert. Sprach- und Verständigungsprobleme setzten dem gebürtigen Wiener ordentlich zu. „Hätte ich nach dem ersten Jahr Heimaturlaub gemacht, ich wäre in Österreich geblieben“, ist er heute überzeugt. Heribert Hrusa blieb in Ecuador und will es auch weiter bleiben.
Die Wandlung kam mit einem Ortswechsel. Ursprünglich sollte er seinen Freund, Padre Herbert Leuthner, ebenfalls aus Österreich, in kirchentechnischen Belangen wie der Taufe unterstützen. Heribert Hrusa übersiedelte in die 38 Kilometer nordöstlich gelegene Kleinstadt Pedro Carbo. Mit dem Ortswechsel und der Zeit verschwanden Verständigungsprobleme und auch das Heimweh. Schnell avancierte Heribert Hrusa zum Täufer und Baumeister der Kleinstadt. Der gelernte Handschuhmacher baute neben seiner Stammkirche, der „Iglesia Santa Cruz“, gleich mehrere Gotteshäuser in den umliegenden „recintos“ (Gemeinden). Bei seinen baulichen Umtrieben beschränkte sich der geistliche Baumeister jedoch nicht nur auf das Himmlische. Auch das Bohren von Brunnen hatte es ihm angetan. So kann Heribert Hrusa heute auf über 30 Kilometer verlegte Wasserleitungen und über 520 daran angeschlossene Haushalte zurückblicken. Mit dem „Dispensario“ errichtete der Padre noch eine Arztpraxis, in der sich auch seine Unterkunft befindet.
Schlusslicht bei den Staatsausgaben für Bildung
Heribert Hrusas Bauten sind nicht nur funktionell, sondern zeugen auch von kreativer Phantasie. Sein „Dispensario“ beispielsweise ähnelt einem, den hiesigen Umständen angepassten, Palais. Eine Veranda, beidseitige Aufgänge in Anschluss an einen Vorgarten. „Ich habe meine Träume baulich verwirklicht“- streckt sich im kühlen Baumschatten ein sichtlich zufriedener Padre Hrusa.
Zum Rang eines Schuldirektors kam der Spätberufene wie die sprichwörtliche Jungfrau zum Kind. „Eis wollte ich kaufen, für meine Belegschaft im Dispensario“, erzählt er weiter. „1500 Sucre (ecuadorianische Währung vor der Umstellung auf US-Dollar) wollte die Verkäuferin im Ort für einen Eis-Lutscher.“ Auf die Frage des Padres nach 10 Eis-Lutschern winkte die Dame verschämt ab. Dieser Multiplikation war sie nicht gewachsen. Ein für beide Seiten einschneidendes Erlebnis. Bei einer Mitarbeiterbesprechung in der Pfarre machte er seinen Zweifeln Luft: „Wasserleitungen, Dispensarios, Kirchen, alles gut und schön, aber an was es wirklich fehlt, ist Bildung.“
Im Schulhof zwischen Guayaquil und Mödling übt sich eine Gruppe Schüler/innen in ihrer Freizeit an selbst gefertigten Hanteln – einer Eisenstange mit an beiden Seiten einzementierten Blechkanistern. Mit einem strahlenden, allgegenwärtigen ¡Hola Padre! wird der Herr Direktor zum Mittrainieren eingeladen. Padre Hrusa ist nicht fad. Trotz seiner dreiundsechzig Jahre stellt er sich der Herausforderung. Mit Bravour. Er ist stolz auf seine Kids. „Den Fitnessraum haben sie sich selbst eingerichtet“, berichtet er von der aus der Geschichte resultierenden (jahrhundertelange Unterdrückung) nicht üblichen Eigeninitiative.
Das staatliche ecuadorianische Schulsystem ist eine einzige Mängelliste. „Es gab Jahre, da streikten die Lehrer drei Monate wegen fehlender Gehaltszahlungen.“ Im Vergleich mit allen lateinamerikanischen Ländern bildet Ecuador gemeinsam mit Nicaragua das Schlusslicht bei den Staatsausgaben für Bildung (Quelle: El Universo). Bei den Ausgaben für Gesundheit, Soziales und Wohnbau ist es nicht anders. Darüber hinaus gibt es kaum gut ausgebildete Lehrkräfte. Die wenigen, die es gibt, unterrichten in Privatschulen, die aufgrund der überhöhten Kosten ausschließlich von der Oberschicht frequentiert werden. Für die restliche Bevölkerung, über 80 Prozent leben unter der Armutsgrenze, bleibt nur das im Argen liegende staatliche Schulsystem.
Heribert Hrusas Zweifel betreffend fehlender Bildung „Ohne Bildung kann ein Volk nicht wachsen und wird somit immer abhängig bleiben“ erreichte das Ohr des „Alcalde“ (Bürgermeister) von Pedro Carbo. Der Stadtoberste erschien persönlich und überraschte Heribert Hrusa mit seinem Angebot: „Ich habe gehört, Padre, Sie wollen eine Schule bauen.“ Ohne dessen Antwort abzuwarten, überreichte er mündlich sein Geschenk – 2,5 Hektar Bauland.
Alles kommt schließlich in ecuadorianische Hände
Im Frühjahr 1997 wurde der erste Ziegelstein gelegt und bereits zwei Jahre darauf im Herbst hatten 263 SchülerInnen ihren ersten Schultag. Und Padre Heribert eine neue, zusätzliche Profession. „Ich hatte nie auch nur einen Gedanken daran verschwendet, mir die Arbeit eines Schuldirektors aufzuhalsen“, doch das großzügige Geschenk des Bürgermeisters brachte ihn um die freie Wahl. Heute besuchen 664 SchülerInnen die „Unidad Educativa Ecuadoriana Austriaca“. Die Ausbildung beginnt bei der Volksschule und reicht bis zu einem Maturaabschluss. Im Gegensatz zu den staatlichen Bildungsstätten ist die Einhebung eines Schulgeldes erforderlich, allerdings wesentlich niedriger als das der Privatschulen. Für ungefähr die Hälfte der Schulkinder und Studierenden, deren Eltern sich kein Schulgeld leisten können, ermöglichen Spenden aus Österreich eine brauchbare Ausbildung. Heribert Hrusas Ziel einer Schule, „in der Kinder als Persönlichkeiten behandelt werden, in überschaubaren Klasseneinheiten (Durchschnitt: 25 Schüler) mit überdurchschnittlichen Lehrbehelfen und vor allem von Fachkräften unterrichtet werden“, ist Realität geworden. Und Pedro Carbo schätzt seine Musterschule, in der das ganze Jahr ohne Streiks unterrichtet wird. Mit seinen 71 Angestellten ist die „Unidad Educativa“ das Großunternehmen der Stadt. Heribert Hrusas antiautoritärer, basisdemokratischer Führungsstil macht ihn auch bei seinen Angestellten beliebt. Entscheidungen werden im Kollektiv beschlossen. Auch die Höhe des Schulgeldes wird von einer Kommission bestehend aus Lehrer/innen und Elternvertretung bestimmt.
2012 maturiert Heribert Hrusas erste „Eigenbauklasse“, so lange will er auf jeden Fall noch in Pedro Carbo ausharren. Danach will sich der Padre zurückziehen und den Betrieb in ecuadorianische Hände übergeben. Das Team hat er bereits aufgebaut. An eine anschließende Rückkehr nach Wien denkt Heribert Hrusa dennoch nicht. Seinen wohlverdienten Ruhestand verbringt der leidenschaftliche Bergsteiger lieber in Baños, einem für seine Thermalbäder bekannten Kurort auf 1800 Meter Seehöhe, umgeben von mächtigen Vulkanen und Schneegipfeln. Nach Hause kommt er höchstens für 2 Monate im Jahr, „zum Schifahren nach Kitzbühel bei einem befreundeten Bergbauern direkt an der Hausbergkante“.
Info:
Spendenkonto-Nr.: 049 27 508
Erste Bank, BLZ: 20111
Vermerk: „Spende“
Kennwort: „Heribert Hrusa Ecuador“
E-Mail: hhrusa@interactive.net.ec