Branko Andric (19422005)
Branko Andric ist tot. Jener Branko Andric, dessen Augen noch vor neun Monaten von der Titelseite des Augustin schlau herunterlächelten. Als Headline hatten die Redakteure den Titel eines von Brankos Gedichten „“Mamin mali seksualnac““ gewählt, dessen deutsche Übersetzung „“Mamas kleiner Sexueller““ sich etwas holprig ausnahm, aber -den Gesetzen des Sensationsjornalismus folgend neugierig machte.Branko teilte sein Leben zwischen Wien und Novi Sad auf. Andere hätten aus dieser doppelten Identität poetisches Kleingeld geschlagen und irgendwas vom vertrauten Geruch des Donauschlamms gefaselt. Branko verschwendete nicht viel Zeit auf identitäre Standortbestimmungen. Dafür war er zu beweglich.
Er sah sich weder als Serbe noch als Österreicher, sondern als Großstadtmensch. Und machte auch kein Hehl daraus, dass er mit den meist ländlichen Gastarbeitern, die unser Jugoslawienbild prägen, wenig gemein hatte. Nicht dass er auf diese hinabblickte, Branko blickte auf niemand hinab – außer auf Dummköpfe und Spießer, aber das versteht sich von selbst.
Als sich die Nachricht von seinem Tod in Novi Sad herumsprach, so erzählte man mir, erwachte die Stadt aus ihrer Lethargie und schwang sich zu echter Emotion auf. Jeder kannte „Andrla“. Andrla, ich erlaube mir ihn so zu nennen, weil alle es taten, auch er selbst, gehörte zu jener seltenen Untergattung der Spezies Mensch, die das Licht nicht sucht, um besser gesehen zu werden, sondern um besser zu sehen. Die spöttische Gleichgültigkeit gegenüber künstlerischem Ruhm und den Institutionen, die diesen gewähren, sowie menschliche Unmittelbarkeit machten seine Beliebtheit aus. Jeder in Novi Sad kannte ihn, Jung und Alt, jeder hatte die eine oder andere Anekdote auf Lager. Ein Bohemien der 68er-Generation, ohne die Allüren, mit denen Bohemiens aller Zeitalter zu protzen pflegen.
Andrla brachte es im Laufe seines Lebens zuwege, keine einzige Minute mit Lohnarbeit verschwendet zu haben. Früher nannte man das einmal „nicht entfremdete Existenz“. Dass sich eine solche heutzutage nicht ohne eine berufstätige Frau verwirklichen lässt, tut dem Prinzip keinen Abbruch. Andrla bezog vom Staat Österreich eine Pension von 500 Euro, in zwei Jahren wäre noch die serbische hinzugekommen, 100 weitere Euro. Andrla bezahlte seinen kreativen Reichtum mit materieller Armut. Er machte stets, was er wollte. Und das war nicht wenig.
Wo die Leute in der Straßenbahn nicht reden
Mit seinem Freund Zelimir Zilnik fertigte Branko 1967 den ersten konzeptuellen Film Jugoslawiens. Zilnik sollte zwei Jahre später mit „“Rano Radovi/Frühe Werke“ der jugoslawischen 68er-Revolte“ sein filmisches Denkmal setzen. Die beiden Freunde setzten sich Anfang der 70er Jahre in den Westen ab, Zilnik ging nach Deutschland, Branko Andric nach Wien. Dort wollte es ihm zunächst nicht so recht gefallen. „In einer Stadt“, sagte er, „wo die Leute in der Straßenbahn nicht reden, will ich nicht leben.“ 1976 stellte er sich in der besetzten „Arena“ mit seinen derb-anarchistischen Gedichten erstmals einem größeren Publikum vor. 1979 gründete er in Novi Sad mit „“Imperium of Jazz““ eine der ersten Punk-Rock-Jazz-Bands Jugoslawiens; eine Gruppe, die noch immer besteht und Vorbild war für Generationen jugoslawischer Undergroundbands, besonders für den Rocksatiriker Rambo Amadeus, mit seinen Performances und Texten die wohl wichtigste antinationalistische Kraft innerhalb aller Länder Ex-Jugoslawiens.
Branko übersetzte alle Dramen Jura Soyfers ins Serbokroatische, fand jedoch nie einen Verleger dafür. Er war Fotograf, Zeichentrickfilmer, Maler, Schauspieler und Drehbuchautor. Dabei kreuzten sich seine Wege immer wieder mit denen seines Freundes Zilnik. Ihre wahrscheinlich bedeutendste Zusammenarbeit war das Drehbuch zur sozialkritischen Kultsatire „Tako se calio celik/So wurde Stahl gehärtet“ (1986).
Novi Sad, die mächtigste Hochburg der Anti-Milosevic-Opposition, war die erste Stadt, auf die 1999 die NATO-Bomben fielen. Branko, der als Kind die Bomben der Nazis erlebte, war vor Ort, als Donaubrücken, Zivilgebäude und Menschenleben zerstört wurden. Unmittelbar danach lud er den Fotografen Ulrich Gansert in seine Heimatstadt ein. Brankos Texte in dem Bildband „Kriegsruinen in Jugoslawien“ seien allen Interessenten als Einführung in sein noch nicht redigiertes Werk empfohlen.
Ich lernte Andrla vor drei Jahren kennen, so richtig aber erst letzten Frühling, als ich die serbische Übersetzung meines Buchs „“Freitag in Sarajevo““ in Novi Sad präsentierte. Er war mein Conferencier, Dolmetscher und Stadtführer. Wie sehr ich es genoss, als wir uns aus der steifen Feierlichkeit des Verlagsumfeldes in den Nachmittag davonstahlen und er mir die architektonischen Besonderheiten dieser charmanten pannonischen Stadt zeigte, die vielen Zeugnisse moderner Sachlichkeit der 20er und 30er Jahre, die Parks, das Denkmal für die ermordeten Juden bei der Regenbogenbrücke, nicht unweit davon die Stelle, wo sein Großvater von ungarischen Faschisten im Fluss ertränkt wurde, die Uferpromenaden, das vom Hochwasser überschwemmte Stadtbad, das die Einheimischen mit dem deutschen Wort „Strand“ benennen, die Cafés, in denen wir uns von unseren langen Spaziergängen ausruhten und plauderten, aber auch viel schwiegen. Branko gehörte nämlich zu jenen raren Menschen, mit denen es sich schön schweigen lässt.
Brankos Phlegma wirkte beruhigend, war mehr von südländischer Gemütlichkeit als jener bedrückenden Schwermut genährt, die man den Bewohner/innen Novi Sads, der Vojvodina, ja ganz Pannoniens und Ostmitteleuropas nachsagt. Sein Gang war langsam, nicht weil etwas seinen Schritt hemmte, sondern weil er alle Zeit der Welt hatte.
Am Abend besuchten wir die vielen kleinen Hinterhofclubs, in denen sich die Jugend trifft. Dass wir wirklich keine Bar ausließen und Brankos Gelassenheit plötzlich einer eigentümlichen Nervosität wich, hatte persönliche Gründe. Er wusste, dass sein 21-jähriger Sohn Branko jr. mit leeren Taschen durch die Stadt zog. Und weil er zu sehr Gentleman war, ihm zuhause Geld in die Hand zu drücken, wollte er eine zufällige Begegnung einfädeln, bei der er ihn so nebenbei einladen könnte. Dieses Feingefühl wirkte auf mich ebenso überspannt wie rührend. Branko und Branko jr. waren unzertrennlich. Wenn man den beiden begegnete, hatte man nie den Eindruck einer herkömmlichen Vater-Sohn-Beziehung. Die beiden Brankos waren eingeschworene Kumpels.
Das Fluidum einer ewigen schelmischen Jugend
Die Andrics setzten die Gesetze der Zeit außer Kraft. Branko senior umgab das Fluidum einer ewigen schelmischen Jugend, an der auch sein popenhafter grauer Bart nichts ändern konnte. Und diese Jugendlichkeit scheint sich über Generationen zurückzuspannen. Als ich in Novi Sad ankam und bei ihm anrief, meldete sich eine helle Frauenstimme, hinter der ich nie und nimmer seine 84-jährige Mutter vermutet hätte. Eine Stimme, für die ihr ein Fernsehstudio vor etwa 10 Jahren sogar die Synchronisation von Bugs Bunny angeboten hatte. Branislava Andric freute sich über die Gelegenheit, nach so langer Zeit ihre eingefrorenen Deutschkenntnisse aufwärmen zu können und befahl mir bereits nach fünf Minuten unseres Gesprächs, ich müsse mir unbedingt ein serbisches Mädchen suchen. Als sie mich zwei Tage später in einem Fernsehinterview, das Branko vermittelt hatte, sah, soll sie zu ihm gesagt haben: „Ich hätte mir den Schwabo nicht so fett vorgestellt!“
Das letzte Mal, als ich Branko Andric begegnete, war am Westbahnhof. Ich, der letzte den Zug aus Belgrad verlassende Passagier, er und seine Frau Andjelija, die letzten Wartenden auf dem Peron. Doch sie warteten nicht auf mich, sondern auf ihren Freund Zelimir Zilnik, der sich überraschender Weise nicht im Zug befand. Wir feierten diese zufällige Begegnung, in dem wir an Ort und Stelle die Flasche „Knjaz Milos“-Mineralwasser, die ich mit mir trug, austranken. Die Einladung auf alkoholhältigere Getränke in einem Beisl schlug ich unter dem Vorwand mehr oder minder wichtiger Verpflichtungen aus. Ich hetzte nach Hause, Branko hetzte nie. Natürlich bereue ich das heute.
Die ihn kannten und schätzten und sein Andenken in ihren Herzen tragen, werden sich nie damit abfinden können, dass er am 20. Oktober auf dem Rückweg von Novi Sad nach Wien von der Autobahn abfuhr und seinem Tod in Gestalt eines betrunkenen Geisterfahrers begegnete. Branko war auf der Stelle tot.
Branko Andric war ein schöner Mann, in jeder Hinsicht.
Literaturtipp:
Ulrich Gansert/Branko Andric: Kriegsruinen in Jugoslawien. Hämmerle Verlag, Hohenems 2004