
Seit Dezember verbindet die Koralmbahn die Landeshauptstädte Graz und Klagenfurt: Eindrücke von der Eroberung des steirischen Westens und des Kärntner Ostens.
Graz, 12. Dezember 2025. Der Bahnhofsvorplatz ist rot; nicht wegen Andreas Babler, der auch da ist, sondern wegen der ÖBB, die zur Premierenfahrt durch den Koralmtunnel gerufen hat. Ein kleines Volksfest unter blauem Himmel, der Zug wird gesegnet, der Pfarrer bedankt sich bei Gott für den Tunnel; 233 Stundenkilometer und 39 Minuten später ist der RJ 93303 dann im wolken- und nebelverhangenen Klagenfurt. Vor der Einfahrt in den 33 Kilometer langen Tunnel erinnert ÖBB-Chef Andreas Matthä per Lautsprecher daran, die Fotoapparate scharf zu machen. Selfies im Dunklen sollen ja immer beliebter werden. Auf der Fahrt sorgt die selbst nicht mehr ganz fahrtaugliche Villacher Faschingsgilde mit der Darbietung hochkarätiger Schlager wie «Aber dich gibt’s nur einmal für mich» für historische Tiefe. Der Klagenfurter Bahnhof ist voll, als würden Taylor Swift und Robbie Williams mit dem gleichen Zug ankommen. Es kommen aber stattdessen die üblichen Verdächtigen auf die Bühne: Bahn und Politik. Neue Zeiten brechen an, weil Graz und Klagenfurt (Villach ist mitgemeint) ab jetzt näher beieinander liegen. Wenn da nicht gar ein Wirtschaftswunder am Horizont lauert, das man wegen des Nebels noch nicht sieht. Die Wirtschaft vibriert und die Pendler:innen ärgern sich über das verteuerte Klimaticket. Allein die Baukosten haben knapp sechs Milliarden Euro betragen und die Erhaltungskosten einer Hochleistungsstrecke werden gerne ignoriert.
Vor 30 Jahren.
Einen Tag später fährt nach 19 Jahren Betrieb der letzte Intercity-Bus von Klagenfurt nach Graz; auf der A2 über die Pack, in knapp zwei Stunden. Die Fahrt dauerte lange, aber der Stockbus fuhr verlässlich; nie mit einem Minivan als Ersatz und fast immer pünktlich, woran auf der Schiene nach dem Abklingen der gegenseitigen Lobeshymnen wohl gearbeitet werden muss. Laut den ÖBB-Pünktlichkeitswerten lag die Treffergenauigkeit im Februar 2026 im Fernverkehr bei 83,5 Prozent. Wer mit der Bahn öfter in die Ferne fährt, spürt das möglicherweise anders; wenn er sich statt im ausgefallenen Railjet (je nach Modell zwischen 408 und 532 Sitzplätze) in einer Cityjet-Garnitur (ca. 250 Sitzplätze) nicht ausbreiten darf. Oder wenn die Verspätung eine halbe Stunde lang im Minutentakt wächst, und man auf einem Bahnsteig, auf dem sich die Eisbären jagen, jede Sünde bereut, einzeln. Während die Hochgeschwindigkeitsschrumpfung der Welt vor allem zwischen Graz und Klagenfurt spürbar wird, wo sich im Speisewagen dann gerade ein Kaffee ausgeht, reduziert sich die Fahrzeit von Wien im Railjet Express nur um etwa 50 Minuten. Dadurch kommt man mit den öfters gefühlten 20 Minuten Verspätung immer noch um eine halbe Stunde früher an als vor dem 14. Dezember. Der Tunnel ist aber unbestritten eine würdige Leistung und als Teil des Baltisch-Adriatischen Korridors mehr als die Erschließung des steirischen Westens und des Kärntner Ostens. Auch wenn seit dem Beginn der ersten Planungen vor dreißig Jahren die Welt ein bisschen anders geworden ist. In den 1990er-Jahren war der Railjet noch kein Thema, es gab kein WLAN, dafür Speisewägen und Raucher:innenabteile; bei einer Geschwindigkeit von 150 km/h im Intercity oder im D-Zug. Mittlerweile versuchen wir unsere E-Mails einzuholen.
Inseldasein.
Die neu errichteten Stationen der Koralmbahn haben zwei Gemeinsamkeiten: Sie sind Inseln und sie ähneln sich mit marginalen Gefühlsschwankungen. Räkelten sich Bahnstrecken vor hundert Jahren noch gerne nah an Städten, ziehen die Gleise der Koralmbahn eine möglichst kurvenfreie Schneise durch die beiden Bundesländer; wegen der Geschwindigkeit und um möglichst viele Pendler:innen glücklich zu machen. Der Bahnhof Weststeiermark, etwa zweieinhalb Kilometer vor dem Koralmtunnel, liegt malerisch im Gelände, umgeben von Feldern und Wäldern sowie etwa 400 Parkplätzen. Die nächste Ortschaft ist Grub bei Groß Sankt Florian. Letzteres inkludiert 15 Katastralgemeinden mit etwas über 4.000 Einwohner:innen. Erreichbar ist der Bahnhof nur mit einem zusätzlichen Verkehrsmittel; wer am Wochenende dort strandet, findet keine Busverbindung zu irgendeiner Ortschaft in der Nähe. Der Bahnhof selbst versteht sich als Knoten zwischen dem Regionalverkehr (Graz – Wies-Eibiswald) und dem Fernverkehr zwischen Wien und Villach (und gelegentlich darüber hinaus). Optisch wirkt er wie hingegossen, ein kantiges Gebäude aus Beton, Metall und Glas; eine durchaus moderne und effiziente Architektur, die mit Wohlwollen betrachtet werden will wegen ihrer sauberen Funktionalität, die sich an nichts reibt. Es ist ein in jeder Größe replizierbares Design, das aber wegen seiner Schnörkellosigkeit, ohne wirkliche Identität, auch belanglos ist. Das Existenzielle ist vorhanden: beleuchtete Bahnsteige, beheizte Wartehallen, Aufzüge, Fahrpläne, Snack-Automaten und Platz für Geschäfte, die noch kommen sollen.
Eine Besonderheit hat der Bahnhof Weststeiermark aber doch, nämlich den ein paar Schritte außerhalb angelegten «Infopark Koralmbahn», in dem Gottes Tunnelgrabwerkzeug, ein zehn Meter durchmessender Bohrkopf, besichtigt werden kann. 190 Tonnen schwer und aus der Nähe imposanter als der ikonische Monolith aus 2001 – Odyssee im Weltraum, kommt man sich daneben recht klein vor, was stimmt. Das drei Stockwerke hohe Artefakt ist wie ein Leuchtturm: weithin sichtbar, aber schwer erreichbar und ohne Gastronomie. Zudem erhellt die teilweise Nachbildung eines Tunnels in Originalgröße gegenüber dem Bohrkopf nicht nur die Selfies der Premierenfahrt, sondern gibt auch ein Gefühl dafür, was ein paar Millionen Tonnen Gestein davon abhält, auf den Zug zu fallen.
Schablonenschnitt. Ähnlich zweckmäßig, aber ohne Infopark, definiert sich der Bahnhof Kühnsdorf Klopeiner See: Er wurde nach der Schließung der Drautalbahn im Jahr 2023 an einem neuen Standort, etwa einen Kilometer Luftlinie außerhalb des Ortes, neu errichtet. Er ist im Wesentlichen ein großer Parkplatz mit sehr viel Umgebung, die darum bettelt, kolonisiert zu werden; allein, weil man mit der Westbahn in einer halben Stunde nach Graz und in einer Viertelstunde mit der S-Bahn nach Klagenfurt pendeln kann. Der Bahnhof ist ein auf Durchmarsch ausgelegter Knotenpunkt und mit drei Kilometern Distanz zum Klopeiner See oft auch eine neue Erfahrung für Tourist:innen. Aber wer in Velden vor dem Bahnhof steht, kann zunächst auch nur ahnen, dass das Domizil der Kärntner Hautevolee am Wörthersee liegt. Auch St. Paul im Lavanttal, der erste Bahnhof nach dem Koralmtunnel auf Kärntner Seite, wurde aus einer ähnlichen Schablone geschnitten und nur etwas kleiner konfektioniert. Schön? Man gewöhnt sich an den Anblick, zu bestaunen gibt es nichts.
Selbstfahrend.
Der Bahnhof und sein Umfeld sind die Visitenkarte eines Ortes. Schon Städte haben es immer schwerer, sich voneinander zu unterscheiden, weil die historische, aus der Zeit des «Reisens» stammende, Bausubstanz gegen eine Art Moderne getauscht wird, die zur Kanalisierung von Menschenströmen erdacht wurde. Am Land müssen die Menschen zusätzlich zur Bahn gebracht und von dort expediert werden, auch möglichst effektiv. Die Bahnhöfe liegen nicht im Zentrum oder am Rand eines Ortes, sondern im Mittelpunkt eines Einzugsgebietes. «Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass wir im ländlichen Raum bald den selbstfahrenden Kleinbus einsetzen werden», gibt ÖBB-General Andreas Matthä in einem Interview im Buch Mit Highspeed in den Süden zu Protokoll. «Der kann Menschen leichter und kostengünstiger zu den Zügen bringen.» Folgen auf die autonomen Busse dann die autonomen Züge? Und fahren dann die autonomen Fahrgäste allein mit 230 Stundenkilometer durch den Tunnel? Die Nostalgie kommt schneller als man in Villach ist.
Foto: Chris Haderer
